PUTZ 5/99
Wissenschaft aktuell
Rinderwahnsinn hat Methode
Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Robert Seckler
Der mit Silber gefärbte Schnitt durch die Großhirnrinde eines Alzheimerkranken zeigt deutlich sogenannte Plaques: Eiweißklumpen, die das Gehirn nach und nach zerstört haben.
Alzheimer, Typ-II-Diabetes und die Creutzfeldt-JakobKrankheit sind nur die bekanntesten Auswirkungen, die der lokale Zusammenbruch von Eiweißstrukturen im menschlichen Körper haben kann. Mindestens siebzehn KrankheitsbilVerklumpung von Proteinen verursacht, sagte Prof. Dr. Robert
der werden durch die
Seckler in seiner Antrittsvorlesung am 20. Mai 1999. Auch der berühmte Rinderwahnsinn zählt zu den Proteinfaltungskrankheiten. Seckler erläuterte, wie sich die komplexe räumliche Struktur der biologisch aktiven Eiweiße aufbaut und wie es dabei zur Verklumpung kommen kann.
Eiweiße bestehen aus nur zwanzig verschiedenen Aminosäuren. Aus diesen„Buchstaben“ lassen sich unzählige Wörter schreiben— die verschiedenen Eiweißmoleküle. Die lange Kette aus hundert bis zu mehreren tausend Aminosäuren faltet sich je nach den vorherrschenden chemischen Kräften geordnet zusammen. Abschnitte der Ketoder
te können Schrauben
Mäanderstrukturen ausbilden,
Bauelemente, aus deren räumlicher Anordnung schließlich das biologisch aktive Protein entsteht: Ein dicht gepacktes Molekül mit strukturierter Oberfläche. Hier befinden sich„Schlüssellöcher“ oder Rezeptoren, an die jeweils nur spezifische Moleküle andocken können.
Verklumpung statt Faltung Dieses funktionsfähige Protein ist nicht mehr anfällig für die Verklumpung. Nur während einer Teilentfaltung ist das Protein gefährdet: Eine zu hohe Temperatur, ein ungünstiger Säurewert oder eine genetische Mutation, also ein Austausch f eines der Kerten-\ glieder,£ können die kunstgerechte Faltung stören. Durch klebrige Stellen auf der Oberfläche teilentfalteter Proteinmole
küle, normalerweise im Inneren der aktiven Moleküle verborgen,
kommt. es: dann‘zur Ver:
Menschenrechtliche Schutzpflichten
Das Menschenrechtszentrum der Universität Potsdam steht vor seiner nächsten Tagung. Srattfinden wird sie unter dem Titel„The Duty to Protect and to Ensure Human Rights“ vom 1. bis 3. Juli 1999 in der brandenburgischen Landeshauptstadt.
Hintergrund jenes Treffens von insgesamt 50 Teilnehmern aus dem In- und Ausland bilder die Tatsache, daß sich die Dimension der grundrechtlichen Schutzpflicht des Staates im Verfassungsrecht der Bundesrepublik Deutschland längst zu einer zentralen Frage der Grundrechtsdogmatik entwikkelt hat. Dabei geht es im Detail nicht um die unmittelbare
Pflicht des Staates, selbst durch seine Organe die Grundrechte zu respektieren, sondern vielmehr ihre praktische Anwendung zu sichern und vor allem die in ihnen enthaltenen Wertentscheidungen gegen nichtstaatliche Eingriffe zu schützen. Genau diesem bislang nur auf voneinander abgegrenzten Ebenen behandelten Aspekt wollen die Juristen kritisch beleuchten. Die Tagung ist eine von insgesamt drei größeren Veranstaltungen, die das Menschenrechtszentrum im Jahr 1999 durchführt. Geplant ist abschließend im November eine wissenschaftliche Auseinandersetzung zum 20. Jahrestag der Frauenrechtskonvention. P.G.
klumpung. Röntgenexperimente und elektronenmikroskopische Aufnahmen zeigen, daß es sich bei den gebildeten Aggreganicht ungeordnete Klumpen, sondern um faserförmige Strukturen handelt, die man als Amyloide bezeichnet. Modell Virus
Den kritischen Moment der Proteinfaltung haben Seckler und seine Mitarbeiter an einem mikrobiellen Modell untersucht. Ihr Modell war der Phage P22. Dieses Virus besitzt ein
ten um
Tailspike-Protein, um sich an der Außenwand von Bakterien festzuhalten. Einmal sicher angedockt, spritzt das Virus seine Erbinformation in die Bakterie ein und zwingt diese zum Kopieren. Nach dem Exitus des Bakteriums werden so
30 bis 100 neue Viren
mit dem entsprechen
\ den Schwanzprotein frei. Bestimmte Mutationen. der Erbin: formation des Phagen bewirken Aminosäureaustausche an wichtigen StelJen im zentralen Teil’des Schwanzproteins. So häufen sich teilgefalteter Tailspikeproteine und verklumpen.
Vererbbare Anfälligkeiten
Entsprechend spielen auch bei menschlichen Proteinfaltungskrankheiten genetische Mutationen. eine wichtige Rolle. Zwar sind die Alzheimerkrankheit und die Senile Systemische Amyloidose typische Alterskrankheiten, deren Ursache in der Anhäufung verklumpter Proteine über viele Jahre zu suchen ist. Erbliche Formen dieser Erkrankungen können jedoch schon im Kindes- und Jugendalter ausbrechen. Ein Beispiel ist die Familiäre Amyloid Polyneuropathie, hervorgerufen durch mutierte. Formen des Transthyretins, eines wichtigen Trägerproteins für Schilddrüsenhormone. Die Mutationen führen schon bei den in Körperzellen üblichen Säurewerten zur Teilentfaltung des Transthyretins und. damit zu Amyloidfasern, die ‚sich im Nerven
Hielt seine Antrittsvorlesung: Prof.
Dr. Robert Seckler Foto: Tribukeit gewebe und in Organen ablagern. Diese Erkrankung führt schließlich zum Tod- Hier könnten die Erkenntnisse aus biophysikalischen Experimenten möglicherweise einen Ansatz für die Therapie liefern, meinte
Seckler.
Und Rinderwahnsinn?
Die spektakulärste Proteinfaltungskrankheit, die als Rinderwahnsinn bekannt gewordene Krankheit BSE zeigt jedoch, daß solche Erkrankungen nicht nur durch genetische Mutationen, sondern auch durch eine Infektion ausgelöst werden können. Scrapie bei Schafen, BSE bei Rindern und Kuru bei Menschen werden höchstwahrscheinlich durch infektiöse Proteine übertragen, die sogenannten Prionen. Prionen sind chemisch identisch mit einer harmlosen Form eines Zelloberflächenproteins, haben aber eine andere räumliche Faltung und sind amyloidartig aggregiert. Die Form bestimmt die Funktion, zumindest in der Welt der Proteinmoleküle. ar
Wie sprechen die Brandenburger?
Prof. Dr. Joachim Gessinger und Dr. Christian Fischer vom Institut für Germanistik der Universität Potsdam eine umfangreiche Studie der verschiedenen Mundarten in Brandenburg im Internet öffentlich zugänglich gemacht. Beispiele und Hörproben können unter http://www.unipotsdam.de/u/germanistik/ Is_dia/umfrage.index.htm abgerufen werden. PUTZ
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