Heft 
(1.1.2019) 05
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Wissenschaft aktuell

Astrophysiker feiern in Potsdam

Am 1. Juli 1999 feiern Astro­physiker des Astrophysikali­schen Instituts in Potsdam (AIP) das 125jährige Bestehen des Astrophysikalischen Ob­servatoriums(AOP) am Tele­graphenberg. Außerdem wird der Einstein-Turm wieder ein­geweiht und eineGalerie des Universums eröffnet.

Das Astrophysikalische Obser­vatorium war das erste Observa­torium der Welt, das sich mit der Physik der Sterne beschäf­tigte, sagt Dr. Klaus Fritze vom AIP. Seine Gründung im Jahr 1874 fand in einer Zeit statt, in der sich die Astrophysik erstmals von der Astronomie lösen konn­te. Erst wenige Jahre zuvor hat­te Gustav Kirchhoff erkannt, daß sich die chemischen Ele­mente auch anhand ihrer Spek­trallinien deutlich voneinander unterscheiden. Damit ließ sich aus dem Sternenlicht die chemi­sche Zusammensetzung und die

Temperatur von Sternen ent­schlüsseln. Der große Berliner Astronom Wilhelm Foerster setzte sich mit all seiner wissen­schaftlichen Autorität für den Bau des AOP ein.

Berühmte Wissenschaftler

Weltberühmt wurde das Astro­physikalische Observatorium vor allem durch die Menschen, die dort arbeiteten: Hier fand Karl Schwarzschild die berühmte Lö­sung der Einsteinschen Gleichun­gen, die die Wirkung der Gravi­tation in astrophysikalischen Ob­jekten wie den Schwarzen Lö­chern beschrieb. In den Keller­räumen des AOP machte Albert Michelson das Experiment mit zwei Lichtstrahlen, mit dem die Äthertheorie widerlegt wurde. Es bildete den ersten experimentel­len Beleg für die spezielle Relati­vitätstheorie von Albert Einstein. Auf der Feier am 1. Juli wird auch der berühmte Einstein­Turm wieder eingeweiht, der

von dem Architekten Erich x m Mendelsohn entworfen wurde 5 5 und als Meisterwerk expressioni- Pe< stischer Architektur gilt. Nach ei-® nem Brand im Jahre 1998 konn­

BR.

te er jetzt mit Mitteln der Bau­sparkasse Wüstenrot voll­

ständig restauriert werden.

| Wissenschafts- ei

Die Restaurierung des Einstein-Turms wird am 1.7.99 zusammen mit dem 125jährigen Bestehen des Astrop­hysikalischen Observatoriums Potsdam auf dem Telegraphenberg gefeiert. Foto: AIP

museum eröffnet Außerdem öffnet an diesem Tag ein neues

wissenschaftliches

Museum seine Pforten: In der Galerie des Universums kön­nen Besucher den langen Weg der Astrophysik vom mittelalter­lichen geozentrischen Weltbild bis heute nacherleben. Einen besonderen Platz nimmt dabei die Geschichte der Sternen­kunde in Potsdam und Berlin ein, die vor fast 300 Jahren mit der Gründung der Sternwarte in Berlin begann.Ich möchte die Astronomie nicht nur als wert­

neutrale Wissenschaft darstel­Jen, sagt Projektleiter und Astrophysiker Dr. Frank Baier. Im Brennpunkt der Ausstellung steht die Position des Menschen im Universum und seine Ver­antwortung für die Erde. Die Galerie des Universums. ist zunächst ab 2. Juli99 dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr für drei Monate im Potsdamer Hermann­ar

Museum der

Elflein-Straße zu sehen.

an

Sprachaufbau bei nichtsprechenden Kindern

Es gibt immer noch eine Gruppe von Kindern in den sonderpädagogischen Ein­richtungen, bei denen der Spracherwerb nicht einsetzt. Selbst im Schulalter sprechen diese Kinder noch nicht oder extrem wenig. Ihre soziale Integration ist dadurch er­heblich erschwert. Die übli­chen Förderprogramme zur Sprachbehandlung versagen oftmals. Für die Sonderpäda­gogen und noch mehr für die betroffenen Eltern ist dies ein großes Problem. Sie erwar­ten Hilfe von der Forschung.

Diesem Anliegen diente die IV. Wissenschaftliche Arbeitstagung des Instituts: für Sonder­pädagogik, die am 29. Mai an der Universität Potsdam statt­fand. Mehr als 400 Teilnehmer, darunter Wissenschaftler, Son­derpädagogen und betroffene Eltern, waren gekommen. Ein­leitend wurde das Erscheinungs­bild dieser Kinder erläutert und eine eigene Konzeption zur Sprach- und Kommunikations­förderung dieser Kinder abgelei­

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tet. Das Kernstück. dieses Förderansatzes bildet das ge­stützte Sprechenlernen.

Im Gegensatz zur traditionellen Herangehensweise ist dies pri­mär kein defizitorientierter An­satz. Angeknüpft wird. an die Stärken des Kindes. Die zum Sprechen notwendigen Teil­fähigkeiten werden im und beim aktiven Mittun entwickelt. Im Rahmen von ausgewählten Spielliedern in einer Als-ob-Si­tuation kommunizieren diese Kinder zunächst körperlich-ge­staltend. Dabei kommen mehre­re spezielle Stützmethoden zur Anwendung. Zur gestaltenden Mimik und Gestik kommen schließlich die stimmlichen und sprachlichen Äußerungen hinzu. Die Wirksamkeit dieser Vorge­hensweise wurde im praktischen Versuch an verschiedenen För­derschulen für Schüler mit geisti­ger Behinderung erprobt. Wie die einzelnen Versuchsleiter be­richteten, sind die ersten Ergeb­nisse recht vielversprehend. Kei­ner der Praktiker hatte Wunder erwartet, und solche wurden auch nicht versprochen. In ei­

nem Versuchszeitraum von we­niger als einem Schuljahr kann bei der Ausgangssituation der Kinder nicht in jedem Falle ein Durchbruch hin zum aktiven Sprechen erwartet werden. Aber die erzielten Fortschritte waren für alle Teilnehmer dennoch überzeugend. Auf der Video­dokumentation waren die positi­ven Veränderungen im Kom­munikationsverhalten deutlich erkennbar. Um die Überleitung der Methode in die Förderschul­praxis zu beschleunigen, übten schließlich die Teilnehmer in dem sich anschließenden Work­shop die Anwendung.

In anderen Arbeitsgruppen gab es Hinweise zur Arbeitsweise elektronischer Sprech- bzw. Kommunikationshilfen. Den Sonderpädagogen wurde durch die praktischen Übungen an den Geräten die Scheu vor dem Al­pha-Talker und dem elektroni­schen Sprechspiegel genommen. Auch hier unterstrichen Video­dokumentationen und die zahl­reichen Entwicklungsberichte die Nützlichkeit solcher Hilfen bei der Sprach- und Kommuni­

kationsförderung von hochgra­dig sprachentwicklungsverzöger­ten Kindern. Besonders beein­druckend waren die Schüler­demonstrationen. Der Kursleiter kommunizierte mit einem gei­stig behinderten Kind auf der Grundlage des Alpha-Talkers. Das dabei demonstrierte Niveau der Unterhaltung und der mög­liche Themenumfang waren be­merkenswert.

Eine Arbeitsgruppe befaßte sich mit der Kommunikations­förderung im Rahmen eines ge­genständlichen Handlungs­dialogs. Praktiker berichteten, wie auf der Grundlage themen­zentrierter gegenständlicher Spiele die Kommunikation un­ter den Schülern mit geistiger Behinderung angeregt und qualifiziert werden konnte. Die Praktiker konnten viele wertvolle Anregungen für ihre tägliche schwere Arbeit in der Sprach- und Kommunikations­förderung von nichtsprechen­den bzw. extrem wenig spre­chenden Kindern mitnehmen. Prof. Dr. Otto Dobslaff, In­stitut für Sonderpädagogik