Heft 
(1.1.2019) 06
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Wissenschaft aktuell

Was braucht mein Kind? Förderliche und hemmende Bedingungen der Entwicklung

Man stelle sich folgende Si­tuation vor: Eine Mutter sitzt auf der Bank an einem Spielplatz. Ihr ein- oder ein­einhalbjähriges Kind bud­delt mit anderen im Sandka­sten. Es vergewissert sich ab und zu, ob die Mutter noch in der Nähe ist. In bestimm­ten Zeitabständen kehrt es zur Mutter zurück, sucht ih­ren Kontakt, geht dann be­ruhigt zu den Spielkamera­den zurück.

Das Kind nutzt die Mutter als sichere Basis, von der aus es Neues und Interessantes erkun­det, und bei der es emotional auftankt, wenn es verunsichert ist, interpretiert Dr. Ute Zie­genhain aus dem Institut für Psychologie der Universität Potsdam das beschriebene Ver­halten.

Übergangssituationen

Für die meisten Kinder findet im Alter von drei bis fünf Jah­ren ein Übergang in den Kin­dergarten und für nahezu alle im Alter von sechs oder sieben Jahren der Übergang in die Grundschule statt. Damit sind Veränderungen für die ganze Familie verbunden, die indivi­duell zu meistern sind. Psycho­logen der Universität Potsdam befassen sich in ihren For­schungsarbeiten unter anderem mit fördernden und hemmen­den Bedingungen der Kindes­entwicklung. Diese sind in Übergangssituationen von be­sonderer Bedeutung. So stellt der Eintritt des Kindes in die Kita eine für sie nicht vertraute Situation dar. Kinder, Erziehe­rinnen, Spielzeug, Tagesablauf, fast nichts ist so wie es bisher üblich war. Das löst bei ihnen natürlich ganz unterschiedliche Gefühlsreaktionen aus: Interes­se, Neugierde auf der einen, Verunsicherung, Ängstlichkeit auf der anderen Seite. Welche der Faktoren dabei überwie­gen, ist von vielerlei Bedingun­gen abhängig: vom Tempera­ment des Kindes, seinen Erfah­rungen, seinem Entwicklungs­alter. Ob das Kind diese neue

Psychologen der Universität Potsdam veranstalteten zusammen mit dem Förderverein Kita Friedenshaus e.V. ein Symposium zum ThemaWas braucht mein Kind?- Förderliche und hemmende Bedingungen der Kindes­entwicklung im Rahmen der Feierlichkeiten zum 125jährigen Jubiläum der am Park Sanssouci gelegenen Kindertagesstätte Friedenshaus. Die Vorträge und Videofilme wurden von 80 Eltern, Erzieherinnen und anderen am The­ma Interessierten verfolgt und lebhaft im Rahmen der dreitägigen Fortbil­

dung diskutiert.

Situation als belastend oder anregend empfindet, entschei­det wesentlich die Bezugsper­son.

Interesse an Neuem

Alle Kinder entwickeln im Ver­laufe des ersten Lebensjahres eine Bindungsbeziehung zu na­hestehenden Menschen. Aber nicht nur die Bindung, sondern auch die Erkundung und das Interesse an Neuem ist ein wich­tiges angeborenes Bedürfnis. Für eine gesunde soziale und emotionale Entwicklung sind sowohl die Befriedigung des Be­dürfnisses nach Bindung als auch die nach Erkundung und Autonomie wichtig. Fühlt sich das Kind in der Kita behütet, ist es emotional ausgeglichen und ohne Angst bereit, sich auf Neu­es einzulassen. In diesem Pro­zeß haben oftmals nicht nur die Kinder das Problem des Los­lassens, sondern gleichermaßen deren Eltern. Ein Kita-Eintritt ist zweifellos ohne Bindungs­person für das Kind stark bela­stend. Es muß nach und nach die Erzieherin als seine Vertrau­te akzeptieren können, um die neue Situation für sich so anzu­nehmen, daß es gerne in die Einrichtung geht und für seine weitere Entwicklung davon pro­fitiert.

Foto: Fritze

Risiken in der Entwicklung

In heutigen Zeiten der Zunah­me psychosozialer Probleme, ist es dringend erforderlich, sich den Risiko- und Schutzfaktoren der kindlichen Entwicklung zu­zuwenden, meint der Psycholo­ge und Psychotherapeut Wolf­gang Ihle. Fachleute unter­scheiden zwischen organischen, wie Schwangerschafts- und Ge­burtskomplikationen, und psy­chosozialen Risiken, wie Ableh­nung und Vernachlässigung, Armut, kritische Lebensereig­

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nisse. Untersuchungen belegen, daß entgegen oft verbreiteten Vorstellungen, frühkindliche Belastungen durch spätere Er­fahrungen korrigiert werden können. Das Kind beeinflußt aufgrund bestimmter Eigen­schaften und Temperaments­merkmale seine Umwelt. Re­flektiert man die Aussagen in den Medien, dann finden Kin­der fast ausschließlich im Zu­sammenhang mit Straffälligkeit, Gewalt, Armut Erwähnung. Daraus ergäbe sich häufig die Schlußfolgerung der ungünsti­gen Entwicklung in der Institu­tion Familie. Wolfgang Ihle ist der Auffassung, daß beispiels­weise nicht Armut an sich zu Entwicklungsstörungen führt. Erst die Kombination mit ande­ren psychosozialen Belastungen kann Fehlentwicklungen verur­sachen. Denn solche Faktoren wie Armut, niedrige Bildung, niedriger sozioökonomischer Status, psychische Störungen der Eltern wirken nicht an sich. Ihle plädiert in diesem Zusam­menhang für präventive, profes­sionelle Hilfe. Eltern-Kind-Be­ratungen seien dabei ein wichti­ges Mittel. In Anlehnung an amerikanische Erfahrungen kann sich der Psychologe vor­stellen, bei Studierenden sozia­les Engagement in Schulen zu B.E:

Aquilonia in Potsdam

MEIDEN

Alkaios und Sappho Abb.: 30.

Die Abschiedslieder der antiken Dichterin Sappho, die Ideen Platons und Werke anderer an­

tiker Denker sowie ihr Einfluß auf Literatur und Philosophie des 20. Jahrhunderts standen auf dem Programm der Tagung Aquilonia, die vom 18. bis 19. Juni 1999 an der Universi­tät Potsdam im Institut für Klassische Philologie stattge­funden hat. Nach dem Nord­Ost-Wind Aquilo benannt, wurde die Tagung vor vier Jah­ren als Nachbarschaftstreffen von Nachwuchswissenschaft­lern aus ostdeutschen Institu­ten ins Leben gerufen. In die­sem Jahr waren erstmals auch zahlreiche Wissenschaftler aus Polen dabei. ar

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