PUTZ 6/99
Wissenschaft aktuell
Was braucht mein Kind? Förderliche und hemmende Bedingungen der Entwicklung
Man stelle sich folgende Situation vor: Eine Mutter sitzt auf der Bank an einem Spielplatz. Ihr ein- oder eineinhalbjähriges Kind buddelt mit anderen im Sandkasten. Es vergewissert sich ab und zu, ob die Mutter noch in der Nähe ist. In bestimmten Zeitabständen kehrt es zur Mutter zurück, sucht ihren Kontakt, geht dann beruhigt zu den Spielkameraden zurück.
„Das Kind nutzt die Mutter als sichere Basis, von der aus es Neues und Interessantes erkundet, und bei der es emotional auftankt, wenn es verunsichert ist“, interpretiert Dr. Ute’ Ziegenhain aus dem Institut für Psychologie der Universität Potsdam das beschriebene Verhalten.
Übergangssituationen
Für die meisten Kinder findet im Alter von drei bis fünf Jahren ein Übergang in den Kindergarten und für nahezu alle im Alter von sechs oder sieben Jahren der Übergang in die Grundschule statt. Damit sind Veränderungen für die ganze Familie verbunden, die individuell zu meistern sind. Psychologen der Universität Potsdam befassen‘ sich‘ in ihren‘ Forschungsarbeiten unter anderem mit fördernden und hemmenden Bedingungen der Kindesentwicklung. Diese sind in Übergangssituationen von besonderer Bedeutung. So stellt der Eintritt des Kindes in die Kita eine für sie nicht vertraute Situation dar. Kinder, Erzieherinnen, Spielzeug, Tagesablauf, fast nichts ist so wie es bisher üblich war. Das löst bei ihnen natürlich ganz unterschiedliche Gefühlsreaktionen aus: Interesse, Neugierde auf der einen, Verunsicherung, Ängstlichkeit auf der anderen Seite. Welche der Faktoren dabei überwiegen, ist von vielerlei Bedingungen abhängig: vom Temperament des Kindes, seinen Erfahrungen, seinem Entwicklungsalter. Ob das Kind diese neue
Psychologen der Universität Potsdam veranstalteten zusammen mit dem Förderverein Kita Friedenshaus e.V. ein Symposium zum Thema„Was braucht mein Kind?- Förderliche und hemmende Bedingungen der Kindesentwicklung“ im Rahmen der Feierlichkeiten zum 125jährigen Jubiläum der am Park Sanssouci gelegenen Kindertagesstätte Friedenshaus. Die Vorträge und Videofilme wurden von 80 Eltern, Erzieherinnen und anderen am Thema Interessierten verfolgt und lebhaft im Rahmen der dreitägigen Fortbil
dung diskutiert.
Situation als belastend oder anregend empfindet, entscheidet wesentlich die Bezugsperson.
Interesse an Neuem
Alle Kinder entwickeln im Verlaufe des ersten Lebensjahres eine Bindungsbeziehung zu nahestehenden Menschen. Aber nicht nur die Bindung, sondern auch die Erkundung und das Interesse an Neuem ist ein wichtiges angeborenes Bedürfnis. Für eine gesunde soziale und emotionale Entwicklung sind sowohl die Befriedigung des Bedürfnisses nach Bindung als auch die nach Erkundung und Autonomie wichtig. Fühlt sich das Kind in der Kita behütet, ist es emotional ausgeglichen und ohne Angst bereit, sich auf Neues einzulassen. In diesem Prozeß haben oftmals nicht nur die Kinder das Problem des Loslassens, sondern gleichermaßen deren Eltern. Ein Kita-Eintritt ist zweifellos ohne Bindungsperson für das Kind stark belastend. Es muß nach und nach die Erzieherin als seine Vertraute akzeptieren können, um die neue Situation für sich so anzunehmen, daß es gerne in die Einrichtung geht und für seine weitere Entwicklung davon profitiert.
Foto: Fritze
Risiken in der Entwicklung
In heutigen Zeiten der Zunahme psychosozialer Probleme, ist es dringend erforderlich, sich den Risiko- und Schutzfaktoren der kindlichen Entwicklung zuzuwenden, meint der Psychologe und Psychotherapeut Wolfgang Ihle. Fachleute unterscheiden zwischen organischen, wie Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, und psychosozialen Risiken, wie Ablehnung und Vernachlässigung, Armut, kritische Lebensereig
| fördern.
nisse. Untersuchungen belegen, daß entgegen oft verbreiteten Vorstellungen, frühkindliche Belastungen durch spätere Erfahrungen korrigiert werden können. Das Kind beeinflußt aufgrund bestimmter Eigenschaften und Temperamentsmerkmale seine Umwelt. Reflektiert man die Aussagen in den Medien, dann finden Kinder fast ausschließlich im Zusammenhang mit Straffälligkeit, Gewalt, Armut Erwähnung. Daraus ergäbe sich häufig die Schlußfolgerung der ungünstigen Entwicklung in der Institution Familie. Wolfgang Ihle ist der Auffassung, daß beispielsweise nicht Armut an sich zu Entwicklungsstörungen führt. Erst die Kombination mit anderen psychosozialen Belastungen kann Fehlentwicklungen verursachen. Denn solche Faktoren wie Armut, niedrige Bildung, niedriger sozioökonomischer Status, psychische Störungen der Eltern wirken nicht an sich. Ihle plädiert in diesem Zusammenhang für präventive, professionelle Hilfe. Eltern-Kind-Beratungen seien dabei ein wichtiges Mittel. In Anlehnung an amerikanische Erfahrungen kann sich der Psychologe vorstellen, bei Studierenden soziales Engagement in Schulen zu B.E:
„Aquilonia” in Potsdam
MEIDEN
Alkaios und Sappho Abb.: 30.
Die Abschiedslieder der antiken Dichterin Sappho, die Ideen Platons und Werke anderer an
tiker Denker sowie ihr Einfluß auf Literatur und Philosophie des 20. Jahrhunderts standen auf dem Programm der Tagung „Aquilonia“, die vom 18. bis 19. Juni 1999 an der Universität Potsdam im Institut für Klassische Philologie stattgefunden hat. Nach dem NordOst-Wind Aquilo benannt, wurde die Tagung vor vier Jahren als Nachbarschaftstreffen von Nachwuchswissenschaftlern aus ostdeutschen Instituten ins Leben gerufen. In diesem Jahr waren erstmals auch zahlreiche Wissenschaftler aus Polen dabei. ar
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