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Die Communs und ihre Mieter
Die Attraktivität der beiden Communs veranlaßt Besucher, Touristen und Gäste der Universität, nach der Bau-, Nutzungs- und Mietergeschichte der 230 Jahre alten barocken Großbauten zu fragen. Die Nutzungsgeschichte der Communs weist Lücken auf und auch die Vermutung, wonach der Architekt Hans Poelzig(18691936) im Nordcommun ein Atelier betrieben und die Startänzerin Isadora Duncan (1878-1927) hier gewohnt haben soll, ist bisher nicht bestätigt.
Aufschlußreicher sind die in der Plankammer der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg existierenden Konvolute der Mietverträge zu den Communs aus den 20er bis 60er Jahren dieses Jahrhunderts. Adreßbücher des Stadtarchives Potsdam verzeichnen darüber hinaus Bedienstete über rund 100 Jahre. So sind für das Jahr 1869 folgende: Berufe verzeichnet: Castellan, Hofgärtner, Oekonom, Casernen-Inspecteur,:Cafetier, Casernen: wärter, Schankwirth, Schloßdiener, Invalide, Frotteur, Kutscher oder Schloßwärter.
Nach dem vorhandenen Wissensstand wären zeitliche Zäsuren der langen Geschichte der Gebäude wie folgt zu setzen: 1769 Fertigstellung der Communsgebäude als Wirtschafts-, Bediensteten- und Gästehäuser des Schlosses, von 1820 bis 1918 Nutzung des Nordcommun für das Königliche Lehr- und Infanteriebataillon, partieller Wohnraum für die Potsdamer Bevölkerung beziehungsweise für Beamte der Höheren Polizeischule (Victoria Kaserne) ab den 20er Jahren, ab 1933 Einrichtung der Reichsführerschule des Deutschen Reichsarbeitsdienstes und schließlich Nutzung der Gebäude für die 1948 gegründete Brandenburgische Landeshochschule.
1820 trat das Lehr- und Infanteriebataillon das erste Mal zusammen, die Communs wurden, wie es hieß:„Kaserne; ment“. Auf königlichen Befehl wurde jährlich am 2. Mai zur Erinnerung an die Schlacht von 1813 das sogenannte
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strafft, ein neues Exerzierreglement erlassen. Der 19. Juli 1870 ist erwähnenswert, weil mit der Mobilmachung gegen Frankreich das Bataillon aufgelöst wurde und erst wieder zwei Jahre später in die Potsdamer Garnison zurückkehrte. Fortan gab es eine Frühjahrsund eine Herbstparade, wobei dem kurz vor der Jahrhundertwende gegründeten Musikkorps besondere Aufgaben zufielen. Sehr lückenhaft stellt sich die Nutzungssituation der
nenter Mieter war dagegen, Prof. Willy Kurth(18811963). Zwar steht„Sanssouci, Verwaltungsgebäude“ als Wohnung angegeben, Zeitzeugen geben aber an, daß Kurth wahrscheinlich auch in einem der Communsgebäude gewohnt hat. Der Kunstwissenschaftler Willy Kurth wurde 1946 zum Direktor der Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam berufen und war deren Generalsekretär ab 1956. Kurth hatte Künstler wie Max
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Noch nicht vollständig erschlossen ist die Nutzungsgeschichte der Communs. Doch Zeugnisse gibt es. So zeigt die Aufnahme von 1908 die festlich geschmückten Communs anläßlich des alljährlichen„Schrippenfestes“. Foto: Abteilung Geschichte des Potsdam Museums, Archiv
„Stiftungsfest“ gefeiert. Zwischen beiden Communs, vor der Ehrenkolonnade, war ein Altar aufgebaut, vier Kompanien, Reservisten-, Jäger- und Wachmannschaften führten ein Exerzieren vor. Im Laufe der Zeit nahm das Fest immer größere Dimensionen an, mitunter waren 150 Gäste anwesend, es finden sich Auflistungen der angebotenen Speisen. Weil Friedrich Wilhelm II. (1744-1797) sich einst selbst leutselig mit seinen Mannschaften unterhielt, gelegentlich von einer Schrippe abgebrochen wurde, fanden die zahlreicher gewordenen Besucher bald den Namen„Schrippenfest“. Der volksfestähnliche Charakter zeigte sich auch darin, daß Kleindarsteller„Grimmassier und Sänger“,„Marionettenspieler“,:„Drehorgelspieler“ agierten.
Unter Friedrich Wilhelm II. (1770-1840) wurde die militärische Ordnung wieder ge
Communs in den Jahren nach 1933, dem Jahr des Machtantritts des Hitler-Regimes, dar. Unterlagen dazu befinden sich meistenteils in Archiven außerhalb Potsdams. Ab 1935 war in den Communs die neu errichtete Reichsführerschule des Deutschen Reichsarbeitsdienstes untergebracht, hier wurde dem NS-Staat dienstbares Personal geschult und ausgebildet. Adolf Hitler hatte die für diesen Zweck eingerichteten Gebäude am 18. April 1934 besichtigt. Berühmt-berüchtigte Popularität erzielte der Reichsmusikzugführer Hermann Nielebock(1888-1954), der sich als Schlagerkomponist Herms Niel nannte und dem die Inspektion des Musikwesens des Reichsarbeitsdienstes oblag. Er trainierte täglich Marsch- und Musikordnungen auf der Exerzierstraße, und im Südcommun unterhielt er ein Musikstudio.
Ein verdienstvoller und promi
Liebermann, Käthe Kollwitz, Heinrich Zille noch persönlich kennengelernt. Seine passionierte und freundliche Schaffenshaltung verdeutlichen die Worte:„Geboren‘bin«ich. im 19. Jahrhundert, sterben werde ich im zwanzigsten, einen großen Teil meines Lebens aber verbrachte ich im..18. Jahrhundert.“ Als 1948 die Brandenburgische Landeshochschule die meisten ihrer Diensträume im Südcommun eingerichtet hatte, wohnten im nördlichen Gebäude insgesamt 47 Mieter. Unter. deren‘ Berufsbezeichnungen finden sich Fuhrherr, Bäcker, Zimmermann, Bauarbeiter, Werkstättenleiter, Schloßaufseher, Gartenaufseher, Kraftfahrer und Schornsteinfeger. Etwa zwischen 1948 und 1950 ging auch das Nordcommun in die Nutzung der ehemaligen Pädagogischen Hochschule über.
Dr. Thomas Freitag/PÖK
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