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(1.1.2019) 07
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Die Communs und ihre Mieter

Die Attraktivität der beiden Communs veranlaßt Besu­cher, Touristen und Gäste der Universität, nach der Bau-, Nutzungs- und Mie­tergeschichte der 230 Jahre alten barocken Großbauten zu fragen. Die Nutzungsge­schichte der Communs weist Lücken auf und auch die Vermutung, wonach der Ar­chitekt Hans Poelzig(1869­1936) im Nordcommun ein Atelier betrieben und die Startänzerin Isadora Duncan (1878-1927) hier gewohnt haben soll, ist bisher nicht bestätigt.

Aufschlußreicher sind die in der Plankammer der Stiftung Preußische Schlösser und Gär­ten Berlin-Brandenburg exi­stierenden Konvolute der Mietverträge zu den Com­muns aus den 20er bis 60er Jahren dieses Jahrhunderts. Adreßbücher des Stadtarchives Potsdam verzeichnen darüber hinaus Bedienstete über rund 100 Jahre. So sind für das Jahr 1869 folgende: Berufe ver­zeichnet: Castellan, Hofgärt­ner, Oekonom, Casernen-Ins­pecteur,:Cafetier, Casernen: wärter, Schankwirth, Schloß­diener, Invalide, Frotteur, Kut­scher oder Schloßwärter.

Nach dem vorhandenen Wis­sensstand wären zeitliche Zä­suren der langen Geschichte der Gebäude wie folgt zu set­zen: 1769 Fertigstellung der Communsgebäude als Wirt­schafts-, Bediensteten- und Gästehäuser des Schlosses, von 1820 bis 1918 Nutzung des Nordcommun für das Königli­che Lehr- und Infanteriebatail­lon, partieller Wohnraum für die Potsdamer Bevölkerung beziehungsweise für Beamte der Höheren Polizeischule (Victoria Kaserne) ab den 20er Jahren, ab 1933 Einrichtung der Reichsführerschule des Deutschen Reichsarbeitsdien­stes und schließlich Nutzung der Gebäude für die 1948 ge­gründete Brandenburgische Landeshochschule.

1820 trat das Lehr- und Infan­teriebataillon das erste Mal zu­sammen, die Communs wur­den, wie es hieß:Kaserne; ment. Auf königlichen Befehl wurde jährlich am 2. Mai zur Erinnerung an die Schlacht von 1813 das sogenannte

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strafft, ein neues Exerzierregle­ment erlassen. Der 19. Juli 1870 ist erwähnenswert, weil mit der Mobilmachung gegen Frankreich das Bataillon aufge­löst wurde und erst wieder zwei Jahre später in die Pots­damer Garnison zurückkehrte. Fortan gab es eine Frühjahrs­und eine Herbstparade, wobei dem kurz vor der Jahrhundert­wende gegründeten Musikkor­ps besondere Aufgaben zufie­len. Sehr lückenhaft stellt sich die Nutzungssituation der

nenter Mieter war dagegen, Prof. Willy Kurth(1881­1963). Zwar stehtSanssouci, Verwaltungsgebäude als Wohnung angegeben, Zeitzeu­gen geben aber an, daß Kurth wahrscheinlich auch in einem der Communsgebäude ge­wohnt hat. Der Kunstwissen­schaftler Willy Kurth wurde 1946 zum Direktor der Staat­lichen Schlösser und Gärten Potsdam berufen und war de­ren Generalsekretär ab 1956. Kurth hatte Künstler wie Max

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Noch nicht vollständig erschlossen ist die Nutzungsgeschichte der Communs. Doch Zeugnisse gibt es. So zeigt die Auf­nahme von 1908 die festlich geschmückten Communs anläßlich des alljährlichenSchrippenfestes. Foto: Abteilung Geschichte des Potsdam Museums, Archiv

Stiftungsfest gefeiert. Zwi­schen beiden Communs, vor der Ehrenkolonnade, war ein Altar aufgebaut, vier Kompani­en, Reservisten-, Jäger- und Wachmannschaften führten ein Exerzieren vor. Im Laufe der Zeit nahm das Fest immer größere Dimensionen an, mit­unter waren 150 Gäste anwe­send, es finden sich Auflistun­gen der angebotenen Speisen. Weil Friedrich Wilhelm II. (1744-1797) sich einst selbst leutselig mit seinen Mann­schaften unterhielt, gelegent­lich von einer Schrippe abge­brochen wurde, fanden die zahlreicher gewordenen Besu­cher bald den NamenSchrip­penfest. Der volksfestähnliche Charakter zeigte sich auch dar­in, daß KleindarstellerGrim­massier und Sänger,Mario­nettenspieler,:Drehorgel­spieler agierten.

Unter Friedrich Wilhelm II. (1770-1840) wurde die mi­litärische Ordnung wieder ge­

Communs in den Jahren nach 1933, dem Jahr des Machtan­tritts des Hitler-Regimes, dar. Unterlagen dazu befinden sich meistenteils in Archiven außer­halb Potsdams. Ab 1935 war in den Communs die neu er­richtete Reichsführerschule des Deutschen Reichsarbeitsdien­stes untergebracht, hier wurde dem NS-Staat dienstbares Per­sonal geschult und ausgebil­det. Adolf Hitler hatte die für diesen Zweck eingerichteten Gebäude am 18. April 1934 besichtigt. Berühmt-berüch­tigte Popularität erzielte der Reichsmusikzugführer Her­mann Nielebock(1888-1954), der sich als Schlagerkomponist Herms Niel nannte und dem die Inspektion des Musikwe­sens des Reichsarbeitsdienstes oblag. Er trainierte täglich Marsch- und Musikordnungen auf der Exerzierstraße, und im Südcommun unterhielt er ein Musikstudio.

Ein verdienstvoller und promi­

Liebermann, Käthe Kollwitz, Heinrich Zille noch persönlich kennengelernt. Seine passio­nierte und freundliche Schaf­fenshaltung verdeutlichen die Worte:Geborenbin«ich. im 19. Jahrhundert, sterben wer­de ich im zwanzigsten, einen großen Teil meines Lebens aber verbrachte ich im..18. Jahrhundert. Als 1948 die Brandenburgi­sche Landeshochschule die meisten ihrer Diensträume im Südcommun eingerichtet hat­te, wohnten im nördlichen Ge­bäude insgesamt 47 Mieter. Unter. deren Berufsbezeich­nungen finden sich Fuhrherr, Bäcker, Zimmermann, Bauar­beiter, Werkstättenleiter, Schloßaufseher, Gartenaufse­her, Kraftfahrer und Schorn­steinfeger. Etwa zwischen 1948 und 1950 ging auch das Nordcommun in die Nutzung der ehemaligen Pädagogischen Hochschule über.

Dr. Thomas Freitag/PÖK

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