Heft 
(1.1.2019) 07
Einzelbild herunterladen

Titel

PUTZ 7/99

Zehn Jahre danach...

winkeln ihres Forschungsgegenstandes Entwicklungen seit

1999 ist ein Jahr der Jubiläen. Dazu gehören nicht zuletzt der 50. Jahrestag der Bundesrepublik Deutschland und der 10. Jahrestag des Mauerfalls. Allerorten werden aus diesem Anlaß Tagungen und Kolloquien durchgeführt, wird Bilanz gezogen und der Stand desZusammenwachsens von Ost und West analysiert. Im folgenden beleuchten Wissenschaft­ler der Universität Potsdam aus den unterschiedlichen Blick­

Machtzusammenbruch und Aufbegehren Der Demokratische Aufbruch von 1989

Zehn Jahre nach dem über­raschenden Kollaps des Kommunismus muten die Ereignisse vom Sommer und Herbst 1989 immer un­wahrscheinlicher an. Inzwi­schen hat sich das Hochge­fühl des kollektiven Aufbe­gehrens verflüchtigt und vie­le Beteiligte erinnern sich eher mit Nostalgie an die verlorene Nestwärme der al­ten DDR.

Da die Erinnerung an die Rea­lität der SED-Diktatur nur noch bei den früheren Opfern lebendig ist, mutieren populä­re Erklärungen langsam zu Le­genden vom Verrat, Ausver­kauf oder Anschluß an den Westen. Gerade deswegen ist eine rationale Erklärung der Hintergründe und Verlauf­sprozesse des Umbruchs, die sich durch Heranziehung von Quellen belegen läßt, eine eminente Herausforderung für eine kritische Zeitgeschichte.

Bei den langfristigen Ursachen betont die Geschichtswissen­schaft vor allem die Gorbat­schowsche Reformpolitik in der Sowjetunion, die zur Auf­kündigung der militärischen Sicherheitsgarantie führte. Gleichzeitig diskutiert die Pu­blizistik auch zu Recht den Staatsbankrott der DDR, der sich aus der Stagnation der Mittagschen Planwirtschaft und der wachsenden Auslands­verschuldung zur Befriedigung von Konsumwünschen ergab. Weniger evident, da vor allem in literarischen Darstellungen sichtbar, war jedoch ebenso die gleichzeitige Erosion der ideo­

logischen Legitimität des Real­sozialismus durch die immer größere Kluft zwischen seinem antifaschistisch-humanitären Anspruch und seiner repressi­ven und tristen Realität.

Bei den kurzfristigen Ursachen des demokratischen Aufbruchs stechen vor allem drei Ent­wicklungen ins Auge, die sich zu einer akuten, nicht mehr zu meisternden Kommunismus­krise verbanden: Die Massen­flucht der Bürger im Sommer entzogder DDR nicht! nur wichtige Arbeitskräfte, sie de­monstrierte der Medienöffent­lichkeit auch einen galoppie­renden Loyalitätsverlust in der

1989, dem Jahr der Revolution in der DDR und der Wie­derherstellung der staatlichen Einheit.

Den Abschluß dieses Titelthemas schließlich bildet ein Bei­trag, der aus persönlicher Sicht den Prozeß der Entwicklung von der Pädagogischen Hochschule zur Universität Potsdam

schildert.

Bevölkerung. Das mutige Auf­treten der kleinen auf Frieden, Umwelt und Menschenrechte orientierten Oppositionsgrup­pen führte im Herbst 1989 zu immer größeren Demonstra­tionen, die eine grundlegende Umgestaltung Ostdeutsch­lands in Richtung Demokratie forderten. Und der Verlust des Selbstvertrauens der SED äußerte sich im Sturz Honeckers und einem krampf­haften Versuch der Partei, ihre Privilegien der Macht durch Reformen von oben zu Ssi­chern. Die Überlagerung die­ser drei Prozesse setzte eine unwiderstehliche Dynamik in Gang, die zunächst das Regi­me und mit ihm schließlich auch den zweiten deutschen Staat zerstörte.

Im Gegensatz zu populären Vereinfachungen auf einen Hauptgrund, handelte es sich

beim demokratischen Auf­bruch des Herbstes 1989 da­her um eine komplexe Verket­tung des Zusammenbruchs der Macht von oben und des revo­lutionären Aufbegehrens von unten. Dieser Doppelprozeß mündete in der noch weniger erwarteten Vereinigung der ostdeutschen Länder mit der erfolgreichen westdeutschen Bundesrepublik ein, deren Fol­gen immer noch nicht ausge­standen sind. Wegen der Uner­wartetheit und Geschwindig­keit dieser Veränderungen werden politische Öffentlich­keit wie historische Wissen­schaft Ursachen, Verlauf und Konsequenzen dieser Zäsur noch viele Jahre lang debattie­

ren müssen. Prof. Dr. Konrad H. Jarausch/ Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Demonstrationen in Leipzig und anderswo prägten den historischen Herbst 1989 im Osten Deutschlands. Foto: zg.

9