PUTZ 7/99
Titel
Getrennte Vergangenheit gemeinsame Geschichte?
Zwischenbilanz zur Deutschlandforschung
Bis 1990 war Deutschland nicht nur in zwei Staaten geteilt, es gab auch zwei Geschichtswissenschaften mit zwei völlig unterschiedlichen Interpretationen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Überdies war in Westdeutschland eine Spezialisierung der Disziplinen auf je einen Teil Deutschlands nicht zu übersehen: DDR und Bundesrepublik waren getrennte Forschungsobjekte
von Historikern und Polito-|
logen. Die Teilung des Landes hatte offensichtlich auch in der wissenschaftlichen Trennung der west- und ostdeutschen Geschichte ihre Spiegelung gefunden.
War das eine falsche Perspektive, haben die Zeithistoriker und Sozialwissenschaftler damit offen oder insgeheim den gesamtnationalen Bezug aufgegeben, weil es sich um zwei völlig unterschiedliche politische Gebilde handelte und kaum jemand an ihre Wiederoder besser Neuvereinigung glaubte? Unzweifelhaft wirkt die Trennung in der Vergangenheit auch wissenschaftlich bis in die Gegenwart nach. Die beiden Teilgeschichten von Diktatur und Demokratie sind nach entgegengesetzten Mustern verlaufen, haben unter
schiedliche, aber auch ähnliche Rahmenbedingungen gehabt und wurden unterschiedlich erlebt. Die Doppelstaatlichkeit läßt sich nicht nachträglich in einem vereinheitlichten Geschichtskonzept nationalstaatlich harmonisieren. Aber die Revolution in der DDR im Herbst 1989 und die Wiederherstellung der staatlichen Einheit haben doch tiefgreifend die Koordinaten der Interpretation der deutschen Nachkriegsgeschichte insgesamt verändert.
Keine einfachen Antworten
Das große Geschichtsforum, das im Mai dieses Jahres in Berlin stattgefunden hat, versuchte Zwischenbilanzen zur zeithistorischen Deutschlandforschung zu formulieren und sich dabei insbesondere mit der Frage— auseinanderzusetzen, wieviel gemeinsame Geschichte wir denn tatsächlich haben oder brauchen. Die Antworten darauf können nicht einfach ausfallen. DDR-Geschichte von Anfang an zur„Fußnote der Weltgeschichte“ zu degradieren und ihren. Verlauf
primär aus der Perspektive ihres mehr oder minder vorherbestimmten Endes zu interpretieren, wäre ebenso falsch wie eine Fortsetzung der alten dis
Die Glienicker Brücke trennte Jahrzehnte den Osten vom Westen. Nach der
Maueröffnung im November 1989 in Berlin strömten auch hier Tausende
in den Westen Berlins.
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Fotos: Peter Rohn
ziplinären Trennung. Wer sich intensiver mit deutscher Zeitgeschichte befaßt, wird sofort feststellen, daß die DDR ohne ihr wie ein Magnetfeld wirkendes Gegenüber Bundesrepublik überhaupt nicht zu verstehen ist. Aber auch bestimmte
innere Entwicklungen und
Prägungen der(alten) Bundes
republik einschließlich nicht realisierter Alternativkonzepte sind nicht ohne die spezifische Situation verstehbar, die sich aus der unmittelbaren Konfrontation mit einem kommunistischen Staat, zumal über drei Millionen Flüchtlinge und Abwanderer aus diesem Staat im Westen lebten. Insofern gibt es neben der äußeren Trennung auch ein hohes Maß an innerer Verflechtung und Wechselwirkung.
Schließlich sind, anders als die SED das wünschte, die nationalen Verbindungen zwischen Bundes- und DDR-Deutschen trotz vierzigjähriger Teilung keineswegs verschwunden. Dieser Befund ist erst nach 1989/90 wieder stärker ins öffentliche Bewußtsein und auch ins Interesse der zeitgeschichtlichen Forschung gerückt. In den Rufen der Montagsdemonstranten im. Dezember 1989„Deutschland einig Vaterland“ wurde etwas reaktiviert, was der Grundlagenvertrag zwischen beiden Staaten 1972 insbesondere durch den Brief zur deutschen Einheit bekräftigt‘ hatte:“daß beide
Staaten füreinander nicht Ausland sein dürften.
Unterschiedliche Prägungen
Die Teilung Deutschlands war ein Produkt des Kalten Krieges, der aus der Konfrontation der Alliierten nach dem Ende des von Deutschland begonnenen Weltkrieges hervorging. Insofern läßt sich auch die Teilung und die von ihren Folgen besonders stark geprägte Entwicklung der DDR als ein Stück gemeinsam zu verantwortender Geschichte verstehen. Daß diese separatstaatliche Periode im Laufe von vier
Jahrzehnten zu ganz unterschiedlichen Prägungen und biographischen Erfahrungen und damit auch zu tiefen Mentalitätsdifferenzen geführt hat, ist heute evident. Sie lassen den Weg‘zur„inneren Einheit“ schwieriger und mühsamer erscheinen, als nach der Euphorie des Mauerfalls zu erwarten war. Diese historisch erklärbaren Differenzen, die Mischung aus scharfer Konfrontation und Verbindung, aus Abgrenzung und Verflechtung, sind ein zentrales Element der gemeinsamen Nachkriegsgeschichte. Sie kritisch und differenziert in den verschiedenen Themenfeldern von Politik, Ökonomie, Gesellschaft und Kultur zu erforschen und in den Gesamtzusammenhang des Ost-WestKonflikts einzuordnen, wird auch dann noch eine lohnende Aufgabe sein, wenn spektakuläre Archivfunde ihre Bedeutung verlieren und sich die Historiker vorwiegend‘: mit“den „Mühen der Ebene“ beschäftigen. Prof. Dr. Christoph Kleßmann/ Historisches Institut