Titel
Produkte der Nachwende
Geisteswissenschaftliche Zentren in Potsdam
In den„exakten“ Naturund Sozialwissenschaften waren sie in beiden deutschen Staat gang und gäbe: außeruniversitäre Forschungsinstitute, in denen Experten verschiedener Disziplinen unbelastet von Lehr- und Verwaltungsverpflichtungen einer Massenuniversität auf höchstem Niveau forschen konnten. Bei den_Geisteswissenschaften hingegen sah es anders aus: In der DDR gab es auch für Geschichte, Philologien, Philosophie usw. etliche Akademieinstitute, während in der Bundesrepublik die wissenschaftliche Forschung dieser Disziplinen fast ausschließlich auf die Lehrstühle konzentriert blieb.
Gutachter des Wissenschaftsrates forderten allerdings schon vor dem Herbst 1989, in der bundesdeutschen Wissenschaftslandschaft auch für die Geisteswissenschaften einen neuen Typus von Institutionen zu entwickeln, in dem außeruniversitäre Forschung auf internationalem Niveau konzentriert würde- Einrichtungen, wie sie sich auch in anderen westeuropäischen Ländern als notwendige Ergänzung zum Universitätssystem seit langem bewährt haben.
Natürlich stießen solche Vorschläge auf einige Widerstände, wie immer, wenn neue Institutionen mit neuen Zuständigkeiten in Vorschlag gebracht werden, die alte Besitzstände gefährden könnten. Erst die deutsche Vereinigung brachte die Bewegungsfreiheit, um ein Stück weit diese Innovation der bundesdeutschen Wissenschaftslandschaft auf den Weg zu bringen. Denn nicht alles, was die Vereinigung der Bildungssysteme hervorbrachte, mündete in einer bloßen Übertragung des westdeutschen Wissenschaftsbetriebs auf die neuen Bundesländer. Vor die Aufgabe gestellt, die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit gerade auch
der geisteswissenschaftlichen Akademieinstitute der DDR und ihrer Mitarbeiter zu„evaluieren“, ergriffen die damit beauftragten westdeutschen Gutachter, an ihrer Spitze der Historiker Prof. Dr. Jürgen Kocka, die Gelegenheit beim Schopfe, und schlugen die Gründung geisteswissenschaftlicher Zentren vor.
Interdisziplinäre
Zusammenarbeit
Hier sollten die am besten evaluierten ostdeutschen Akademieforscher ihre begonnenen Forschungsarbeiten fortsetzen und zusammen mit westdeutschen Nachwuchswissenschaftlern neue entwickeln. Besonderen Wert wurde auf die interdisziplinäre Zusammensetzung der Forschergruppen und internationale Zusammenarbeit gelegt. Und so gründeten bedeutende Vertreter ihrer jeweiligen Disziplinen Anfang 1992 noch in Berlin, in den Räumen der alten Akademie der Wissenschaften, binnen kurzem sieben„Forschungsschwerpunkte“. Ihr thematisches Spektrum reichte von Sprachwissenschaft und Literaturwissenschaft über VordererOrient-Studien und Geschichte Ostmitteleuropas bis hin zu
Wissenschaftsgeschichte, KEuropäische Aufklärung und Zeitgeschichte. Das Experi
ment ist geglückt, wie ein Blick auf das mittlerweile in Potsdam ansässige„Zentrum für Zeithistorische Forschung“ (ZZF) zeigt. Innerhalb: der Jetzten fünf Jahre’ hat es sich, wie man wohl ohne Übertreibung sagen kann, als eines der wichtigsten Forschungseinrichtungen insbesondere auf dem Gebiet der DDR-Geschichte etabliert. Als Gründungsdirektor fungierte der bereits erwähnte Berliner Historiker Jürgen Kocka, seit 1995 leitet der Inhaber des Bereiches Zeitgeschichte an der Universität Potsdam, Prof. Dr. Christoph Kleßmann, als geschäftsführender Direktor das Institut, das in einem‘ alten
Bürgerpalais am Kanal untergebracht ist. 1996 stieß Prof. Dr. Konrad H. Jarausch von der University of North Carolina/Chapel Hill als weiterer Co-Direktor hinzu. Im selben Jahr wurde die Finanzierung auf eine neue Grundlage gestellt: Das Land und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) teilen sich in etwa im Verhältnis 1:2 die Kosten, wobei das Land vor allem die Grundausstattung sowie die laufenden Kosten für Infrastruktur, Verwaltung und die wissenschaftliche Leitung absichert, während die DFG befristete Forschungsprojekte unterstützt.
Mit der 1989 einsetzenden Neuorientierung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gehörten auch einst gültige Slogans der Vergangenheit an. Das ZZF beschäftigt sich mit den Veränderungen in den letzten
zehn Jahren. Foto: Archiv
Zeithistorische Forschung
Unter dem Titel„Herrschaftsstrukturen und Erfahrungsdimensionen der DDR-Geschichte“ konnten für die Jahre 1996-2000 so insgesamt rund 15 hochkarätige Forscher und Forscherinnen zu gleichen Teilen aus Ost und West ein breites Spektrum an Themen und Fragestellungen bearbeiten. Es reicht vom Verhältnis zwischen „Sowjetisierung und KEigenständigkeit der DDR“ über die „Herausbildung sozialistischer Eliten“ und„Herrschaft: und Eigen-Sinn“ im DDR-Alltag
PUTZ 7/99
bis hin zu Fragen des von der SED verordneten Geschichtsbildes. Im Frühjahr und Herbst dieses Jahres sind die ersten Ergebnisse in vier umfangreichen Sammelbänden in der Reihe „Zeithistorische Studien“ im Böhlau-Verlag(Köln/Weimar/ Wien) veröffentlicht worden. Zugleich wendet sich das ZZF aber auch an die breitere interessierte Öffentlichkeit in Potsdam und Berlin, zum Beispiel mit der Vortragsreihe „Zeithistorische Dialoge“ 1997/98, in der jeweils ein mehr oder weniger„prominenter“ Zeitzeuge und ein Historiker Referat und Co-Referat hielten, oder mit der zur Zeit noch laufenden und gemeinsam mit dem Filmmuseum Potsdam durchgeführten Filmreihe„Die schwierige Vergangenheit“, in der Spielfilme aus der DDR und aus Osteuropa gezeigt werden, die die Zeit des Nationalsozialismus bzw. der deutschen Besatzung behandeln. Zur Zeit arbeitet das ZZF an neuen Projektideen- ab 2001 gilt es, mit(teilweise) neuen Köpfen neue Themen zu bearbeiten. Nach den Jahren. der fast ausschließlichen Konzentration auf die DDR steht nun die DDR im deutsch-deutschen und internationalen Vergleich im Mittelpunkt des Interesses. Insbesondere die Zusammenarbeit mit mittelosteuropäischen Kollegen wird eine zunehmende Rolle spielen. Daneben wird die Bedeutung von Massenmedien in der Zeitgeschichte, aber auch die Region Brandenburg, in der das Institut seit nunmehr über sechs Jahren beheimatet ist, den Untersuchungsgegenstand neuer Projektgruppen bilden. Etwas ungewiß ist die langfristige Zukunft des ZZF, denn die zwischen dem Land und der DFG vereinbarte gemeinsame Förderung erstreckt sich zunächst nur auf zwölf Jahre. Dennoch bietet die erfolgreiche Arbeit der ersten‘ Jahre“ allen Anlaß zur Annahme, daß dieses innovative Produkt der Wende seinen festen Platz in der Potsdamer Wissenschaftslandschaft finden wird. Dr. Thomas Lindenberger/ Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam e.V.
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