Heft 
(1.1.2019) 07
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Titel

Produkte der Nachwende

Geisteswissenschaftliche Zentren in Potsdam

In denexakten Natur­und Sozialwissenschaften waren sie in beiden deut­schen Staat gang und gäbe: außeruniversitäre For­schungsinstitute, in denen Experten verschiedener Dis­ziplinen unbelastet von Lehr- und Verwaltungsver­pflichtungen einer Massen­universität auf höchstem Ni­veau forschen konnten. Bei den_Geisteswissenschaften hingegen sah es anders aus: In der DDR gab es auch für Geschichte, Philologien, Philosophie usw. etliche Akademieinstitute, während in der Bundesrepublik die wissenschaftliche Forschung dieser Disziplinen fast aus­schließlich auf die Lehrstüh­le konzentriert blieb.

Gutachter des Wissenschaftsra­tes forderten allerdings schon vor dem Herbst 1989, in der bundesdeutschen Wissen­schaftslandschaft auch für die Geisteswissenschaften einen neuen Typus von Institutionen zu entwickeln, in dem außer­universitäre Forschung auf in­ternationalem Niveau konzen­triert würde- Einrichtungen, wie sie sich auch in anderen westeuropäischen Ländern als notwendige Ergänzung zum Universitätssystem seit langem bewährt haben.

Natürlich stießen solche Vor­schläge auf einige Widerstän­de, wie immer, wenn neue In­stitutionen mit neuen Zustän­digkeiten in Vorschlag ge­bracht werden, die alte Besitz­stände gefährden könnten. Erst die deutsche Vereinigung brachte die Bewegungsfreiheit, um ein Stück weit diese Inno­vation der bundesdeutschen Wissenschaftslandschaft auf den Weg zu bringen. Denn nicht alles, was die Vereini­gung der Bildungssysteme her­vorbrachte, mündete in einer bloßen Übertragung des west­deutschen Wissenschaftsbe­triebs auf die neuen Bundes­länder. Vor die Aufgabe ge­stellt, die wissenschaftliche Lei­stungsfähigkeit gerade auch

der geisteswissenschaftlichen Akademieinstitute der DDR und ihrer Mitarbeiter zueva­luieren, ergriffen die damit beauftragten westdeutschen Gutachter, an ihrer Spitze der Historiker Prof. Dr. Jürgen Kocka, die Gelegenheit beim Schopfe, und schlugen die Gründung geisteswissenschaft­licher Zentren vor.

Interdisziplinäre

Zusammenarbeit

Hier sollten die am besten eva­luierten ostdeutschen Akade­mieforscher ihre begonnenen Forschungsarbeiten fortsetzen und zusammen mit westdeut­schen Nachwuchswissenschaft­lern neue entwickeln. Beson­deren Wert wurde auf die in­terdisziplinäre Zusammenset­zung der Forschergruppen und internationale Zusammen­arbeit gelegt. Und so gründe­ten bedeutende Vertreter ihrer jeweiligen Disziplinen Anfang 1992 noch in Berlin, in den Räumen der alten Akademie der Wissenschaften, binnen kurzem siebenForschungs­schwerpunkte. Ihr themati­sches Spektrum reichte von Sprachwissenschaft und Litera­turwissenschaft über Vorderer­Orient-Studien und Geschich­te Ostmitteleuropas bis hin zu

Wissenschaftsgeschichte, KEu­ropäische Aufklärung und Zeitgeschichte. Das Experi­

ment ist geglückt, wie ein Blick auf das mittlerweile in Pots­dam ansässigeZentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) zeigt. Innerhalb: der Jetzten fünf Jahre hat es sich, wie man wohl ohne Übertrei­bung sagen kann, als eines der wichtigsten Forschungsein­richtungen insbesondere auf dem Gebiet der DDR-Ge­schichte etabliert. Als Grün­dungsdirektor fungierte der bereits erwähnte Berliner Hi­storiker Jürgen Kocka, seit 1995 leitet der Inhaber des Be­reiches Zeitgeschichte an der Universität Potsdam, Prof. Dr. Christoph Kleßmann, als ge­schäftsführender Direktor das Institut, das in einem alten

Bürgerpalais am Kanal unter­gebracht ist. 1996 stieß Prof. Dr. Konrad H. Jarausch von der University of North Caro­lina/Chapel Hill als weiterer Co-Direktor hinzu. Im selben Jahr wurde die Finanzierung auf eine neue Grundlage ge­stellt: Das Land und die Deut­sche Forschungsgemeinschaft (DFG) teilen sich in etwa im Verhältnis 1:2 die Kosten, wo­bei das Land vor allem die Grundausstattung sowie die laufenden Kosten für Infra­struktur, Verwaltung und die wissenschaftliche Leitung absi­chert, während die DFG befri­stete Forschungsprojekte un­terstützt.

Mit der 1989 einsetzenden Neuori­entierung auf dem Gebiet der ehe­maligen DDR gehörten auch einst gültige Slogans der Vergangenheit an. Das ZZF beschäftigt sich mit den Veränderungen in den letzten

zehn Jahren. Foto: Archiv

Zeithistorische Forschung

Unter dem TitelHerrschafts­strukturen und Erfahrungsdi­mensionen der DDR-Ge­schichte konnten für die Jahre 1996-2000 so insgesamt rund 15 hochkarätige Forscher und Forscherinnen zu gleichen Tei­len aus Ost und West ein brei­tes Spektrum an Themen und Fragestellungen bearbeiten. Es reicht vom Verhältnis zwischen Sowjetisierung und KEigen­ständigkeit der DDR über die Herausbildung sozialistischer Eliten undHerrschaft: und Eigen-Sinn im DDR-Alltag

PUTZ 7/99

bis hin zu Fragen des von der SED verordneten Geschichts­bildes. Im Frühjahr und Herbst dieses Jahres sind die ersten Er­gebnisse in vier umfangreichen Sammelbänden in der Reihe Zeithistorische Studien im Böhlau-Verlag(Köln/Wei­mar/ Wien) veröffentlicht worden. Zugleich wendet sich das ZZF aber auch an die brei­tere interessierte Öffentlichkeit in Potsdam und Berlin, zum Beispiel mit der Vortragsreihe Zeithistorische Dialoge 1997/98, in der jeweils ein mehr oder wenigerpromi­nenter Zeitzeuge und ein Hi­storiker Referat und Co-Refe­rat hielten, oder mit der zur Zeit noch laufenden und ge­meinsam mit dem Filmmuse­um Potsdam durchgeführten FilmreiheDie schwierige Ver­gangenheit, in der Spielfilme aus der DDR und aus Osteuro­pa gezeigt werden, die die Zeit des Nationalsozialismus bzw. der deutschen Besatzung be­handeln. Zur Zeit arbeitet das ZZF an neuen Projektideen- ab 2001 gilt es, mit(teilweise) neuen Köpfen neue Themen zu bear­beiten. Nach den Jahren. der fast ausschließlichen Konzen­tration auf die DDR steht nun die DDR im deutsch-deut­schen und internationalen Ver­gleich im Mittelpunkt des In­teresses. Insbesondere die Zu­sammenarbeit mit mittelosteu­ropäischen Kollegen wird eine zunehmende Rolle spielen. Daneben wird die Bedeutung von Massenmedien in der Zeit­geschichte, aber auch die Regi­on Brandenburg, in der das In­stitut seit nunmehr über sechs Jahren beheimatet ist, den Un­tersuchungsgegenstand neuer Projektgruppen bilden. Etwas ungewiß ist die langfristige Zu­kunft des ZZF, denn die zwi­schen dem Land und der DFG vereinbarte gemeinsame För­derung erstreckt sich zunächst nur auf zwölf Jahre. Dennoch bietet die erfolgreiche Arbeit der ersten Jahre allen Anlaß zur Annahme, daß dieses inno­vative Produkt der Wende sei­nen festen Platz in der Potsda­mer Wissenschaftslandschaft finden wird. Dr. Thomas Lindenberger/ Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam e.V.

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