PUTZ 7/99
Titel
Ost-West-Unterschiede gering
Jugendforschung nach der Wende
Unmittelbar nach der Wende bestand bei Jugendforschern ein großes Interesse an OstWest-Vergleichsforschung. Es kam allenthalben zu Kooperationsversuchen zwischen DDR- und BRD-Forschern. Die leitende Forschungsfrage war dabei, ob die unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Systeme und die davon abhängige unterschiedliche institutionelle und familiäre Organisation des Aufwachsens dazu geführt haben, daß Kinder und Jugendliche sich in den beiden deutschen Staaten unterschiedlich entwickelten. Man sprach von einer gleichsam natürlichen experimentellen Situation, die erlauben müßte, existierende Sozialisations- und Entwicklungstheorien zu prüfen und_weiterzuentwickeln.
Mit der Vereinigung und der damit ausgelösten Transformation der DDR-Gesellschaft kam als Problem hinzu, was ein rapider gesellschaftlicher Wandel für die heranwachsende Generation bedeutet. Nicht zuletzt. bestand auch die Sorge, daß durch das Wegfallen von DDR-Kontrollmechanismen für Kinder ein Ausmaß an Unsicherheit entstehen könnte, das für ihre Entwicklung schädlich und für ihre gesellschaftliche Integration hinderlich sein würde.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft(DFG) richtete 1992 ein Schwerpunktprogramm ein, das ost- und westdeutschen Wissenschaftlern, darunter auch aus der Universität Potsdam, die Möglichkeit bot, sechs Jahre lang derartige Forschung zu betreiben. Zunächst war auffällig, daß die Ost-West-Unterschiede weit geringer waren als erwartet. Interessant ist, daß bei vielen politisch relevanten Einstellungen die Ost-West-Unterschiede geringer sind als etwa Unterschiede nach Bildung bzw. besuchtem Schultyp. So sind
12
sich beispielsweise Gymnasiasten in Ost und West in ihren politischen Grundüberzeugungen ähnlicher als Gymnasiasten und Haupt-oder Realschüler im Osten und im Westen. Dies ist vor allem auch in bezug auf Rechtsextremismus und Gewaltbereitschaft der Fall, was in den gängigen Ost-West-Vergleichen in den Massenmedien meist unterschlagen wird.
Ostdeutsche Jugendliche skeptischer
Insofern kann es durchaus als ärgerlich bezeichnet werden, wenn in Vergleichen immer wieder vom Modernitätsrückstand der Jugendlichen aus den neuen Bundesländern gesprochen wird. So hat es beispielsweise nach unserer Interpretation nichts mit Modernität zu tun, wenn sich ostdeutsche Jugendliche im Durchschnitt gegenüber der realen BRD-Demokratie skeptischer äußern als ihre westdeutschen Altersgenossen. In der Brandenburger Untersuchung wird beispielsweise ganz deutlich, daß Skepsis gegenüber der Demokratie stark von den Wendeerfahrungen der Familie abhängt und daß Wendeverlierer skeptischer sind als Wendegewinner. Aber ganz deutlich ist, daß auch Kinder aus Familien mit traurigem Wendeschicksal eher abwartend sind als daß sie die demokratische Staatsform grundlegend ablehnen. Ob der abwartende Teil der Jugendlichen demokratisch integriert werden kann, wird sehr stark von der wirtschaftlichen Entwicklung und den Arbeitsmarktchancen abhängen.
Die demokratische Partizipationsbereitschaft der Jugendlichen in Ostdeutschland ist ähnlich normal verteilt wie im Westen. Einer großen Gruppe von Desinteressierten steht eine abgestufte Gruppe von Interessierten gegenüber, unter denen Gymnasiasten stärker vertreten sind als Jugendliche, die bereits arbeiten oder in Berufsausbildung sind. Zu legalen Teilnahmeformen wie
Demonstrationen und Unterschriftensammlungen sind Mädchen etwas häufiger bereit als Jungen. Bei Partizipation in Formen zivilen Ungehorsams gibt es keinen Geschlechtsunterschied. Bei der Bereitschaft, politisch Gewalt gegen Sachen oder Personen anzuwenden, überwiegen die Jungen. Letztere Bereitschaft wird allerdings auch nur von einer sehr kleinen Minderheit der Ju
Bundesländern sogar stärker als in den alten.
Gründe für Gewaltbereitschaft
Was die Bereitschaft, Gewalt anzuwenden, anbetrifft, so ist wie beim Rechtsextremismus zu bezweifeln, daß es sich um echte politische Überzeugungen handelt. Es bestehen Zusammenhänge mit einem Persönlichkeitszug, den man autoritäre Persönlichkeit nennt, und es bestehen Zusammenhänge mit schulischem Scheitern und mit Erfahrungen familiärer Gewalt. Auch gibt es deutlich alte Familientraditio
Jugendliche aus den neuen Bundesländern unterscheiden sich in ihrem Freizeitverhalten kaum von ihren Altersgefährten in den alten Bundesländern. Foto: zg.
gendlichen und kaum von Gymnasiasten bekundet. Die Bereitschaft, wählen zu gehen, ist dagegen besonders unter Jungen recht hoch, sie steigt mit dem Alter kontinuierlich an; und. die im Alter ‚von 16 Jahren noch vorhandenen Geschlechtsunterschiede verschwinden, wenn die Jugendlichen das Recht haben, erstmals zu wählen. Die Vorliebe und die Entscheidung für eine bestimmte Partei ist so unterschiedlich wie unter Erwachsenen, und es gibt Hinweise darauf, daß die Familie die Entscheidung der Erstwähler für
eine Partei stark.‘ beeinflußt.
Möglicherweise ist dieser familiäre: Einfluß in den neuen
nen des Antisemitismus, des Rechtsextremismus und der Fremdenfeindlichkeit, die die Zeit der DDR überdauert haben. So besorgniserregend solche Tendenzen auch sind, sollten wir doch immer wieder betonen; daß: es sich: um Minderheitenpositionen handelt und daß eine große Mehrheit der Jugendlichen in Ostund Westdeutschland Gewalt, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus dezidiert ablehnt. Keine empirische Evidenz gibt es. für die PfeifferThese vom Zusammenhang zwischen DDR-Krippenerziehung und den in diesem Absatz angesprochenen Einstel
Fortsetzung Seite 13