Heft 
(1.1.2019) 07
Einzelbild herunterladen

Titel

PUTZ 7/99

Verliererinnen und Gewinnerinnen

Frauen in Ostdeutschland

Zehn Jahre nach derWen­de ist die Situation von Frauen in Ostdeutschland als in hohem Maße ambivalent zu beschreiben. Entgegen den hochfliegenden Visionen der im Herbst 1989 entstan­denen Frauenbewegung von einer Gesellschaft, in der Geschlecht nicht mehr als sozialer Platzanweiser wirkt, hat die Vereinigung den Beitritt zu einer Gesell­schaft gebracht, in derGe­schlecht auf eine teilweise schärfere Weise als diskrimi­nierender, hierarchisierender Faktor wirkt, als dies in der DDR der Fall war.

Und dies, auch wenn sich die dort praktizierten Geschlech­terarrangements, beispielswei­se die Verantwortung der Frau­en für dieprivate Familienar­beit trotz Vollerwerbstätigkeit, als anschlußfähig an die neuen Geschlechterverhältnisse er­wiesen. Für ostdeutsche Frau­en haben sich nicht nur die Bedingungen für die Verein­barkeit von Familie und(Voll­zeit-) Erwerbstätigkeit ver­schlechtert, sie erfahren auch auf neuartige Weise, wie sich ihre Geschlechterzugehörig­keit auf ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt auswirkt. Zwar ist Arbeitslosigkeit eine eherge­schlechtsneutrale Erfahrung immerhin waren bis 1996 über

50 Prozent der ostdeutschen arbeitsfähigen Bevölkerung mindestens einmal arbeitslos seit 1990 aber Frauen haben es schwerer, auf den Arbeits­markt zurückzukehren. Zwar sind männliche wie weibliche Jugendliche ‚von fehlenden Ausbildungsplätzen betroffen aber die Zahl der Ausbil­dungsberufe für Mädchen hat sich drastisch und auf dietypi­schen Frauenberufe(in Han­del und Dienstleistungen) ver­ringert. Selbst öffentlich geför­derte Ausbildungsträger kön­nen in Ostdeutschland offen­bar das gesetzliche Diskrimi­nierungsverbot unterlaufen und nur für männliche Bewer­ber ausschreiben.

Größere soziale Differenzen

Frauen machen einerseits über 50 Prozent der Studierenden aus, aber die zukunftsträchti­gen Fachrichtungen in den Be­reichen Technik und Kommu­nikation sind andererseits(wie­der) eine fast ausschließliche Männerdomäne geworden. Sind zum einen Frauen unter den Lehrenden an Universitä­ten und Hochschulen nach wie vor eine Minderheit, konnte sich Frauen- und Geschlech­terforschung andererseits auch an(einigen) ostdeutschen Uni­versitäten ‚etablieren.:: Halten ostdeutsche Fraueneigensin­

Fortsetzung von Seite 12

lungen und Verhaltensweisen. Der autoritäre Persönlichkeits­typ ist in den neuen Bundes­ländern nicht weiter verbreitet als in den alten.

Zu der zum Zeitpunkt der Ver­einigung geäußerten Sorge, daß das Verschwinden der DDR-Kontrollmechanismen schädliche Folgen für Entwick­lung und Sozialisation der Kin­der und Jugendlichen haben könnte, stellten wir fest, daß dies für einen nennenswerten Teil der Kinder und Jugendli­

chen nicht zutrifft. Insbeson­dere die Familie hat ihre halt­gebende Funktion für die Mehrheit der Kinder und Ju­gendlichen behalten, und es gibt einige Indizien dafür, daß die familiären Bindungen in Ostdeutschland noch stärker sind als in Westdeutschland. Insgesamt hat die Kinder- und Jugendforschung durch die quasi-experimentelle Situation nach Wende und Vereinigung einen starken Aufschwung er­Jebt. Prof. Dr. Hans Oswald/ Institut für Pädagogik

Frauen verwirklichten in der Regel in der DDR ihren Willen, Berufs­tätigkeit, Familie und gesellschaft­liches Engagement zu vereinbaren. Dazu zählten auch die vielen Bäue­rinnen, die sich zum 1. Banernkon­

Areß begaben. Foto: Archiv nig an einem Lebensentwurf fest, der(Vollzeit-)Erwerb­stätigkeit mit Familie verein­bart, und tragen sie im Durch­schnitt(und wie zu DDR-Zei­ten) rund 43 Prozent zum Fa­milieneinkommen bei, sind die sozialen Differenzen zwischen ihnen seit 1990 größer gewor­den.

Ostdeutsche Frauen sind also keineswegs durchweg und als Gruppedie Verliererinnen der deutschen Einheit. Sie sind daher auch kein einheitli­ches politisches Subjekt, aller­dings haben sie heute im Ge­gensatz zur DDR, in der eine demokratische Sphäre der poli­tischen Öffentlichkeit fehlte ­die Möglichkeit, ihre(differen­zierten) Interessen zu artiku­lieren.

Geschlechterpolitik als Querschnittsaufgabe Zehn Jahre nach derWende wird immer deutlicher, daß sich Zustandsbeschreibungen oder Analysen der Situation ostdeutscher Frauen bezie­hungsweise ostdeutscher Ge­schlechterarrangements als zu eng erweisen, wenn sie allein als Resultate der Transforma­tionen, das heißt der Übernah­me von und der Anpassung an westdeutsche(n) Verhältnis­se(n) verstanden werden. Sie sind vielmehr in den umfassen­deren Kontext neoliberaler

Deregulierungen zu stellen, für die Ostdeutschland ein Er­probungs- und Experimentier­feld darstellt und die einen Umbau derpostindustriel­len Gesellschaft anzeigen, der auch die bisherigen Geschlech­terverhältnisse verändern wird. Auch hier zeichnet sich(ein ambivalentes Szenario ab: Wer­den einerseits mit derErosion des Normalarbeitsverhältnis­ses, aber auch durch neue Ar­beitsformen und Flexibilisie­rungen bisherige Geschlech­terhierarchien und Rollentei­lungen tendenziell dysfunktio­nal, werden andererseits mit dem Um:- bzw. Abbau des So­Zzialstaates, mit der Privatisie­rung sozialstaatlicher Leistun­gen bzw. ihrer Rückverlage­rung in die Familie(und damit in der Regel zu Lasten von Frauen), mit dem Abbau von staatlichen Arbeitsplätzen, die bisher vor allem eine Domäne von Frauenarbeit wa­ren, geschlechtsspezifische so­ziale Ungleichheiten vertieft oder neu hergestellt. Zugleich entstehen neue soziale Diffe­renzierungen und Ungleich­heiten zum Beispiel nach Qualifikationen oder Alter, nachBesitzern oderNicht­besitzern von Arbeitsplätzen (im primären Sektor), die nicht unbedingtgeschlechtsneu­tral sind; aber auch nicht.in erster Linie entlang der Ge­schlechterdifferenz verlaufen (müssen). Denkbar ist, daß sich in einigen Segmenten der Gesellschaft Grenzziehungen und Hierarchisierungen ab­schwächen, denen das polari­sierende Denkmustermänn­lich-weiblich zugrundeliegt, während es in anderen Berei­chen eher an Bedeutung ge­winnt. Ob sich angesichts dieser kom­plizierten und komplexen Um­bauprozesse die neuerdings propagierteGeschlechterpoli­tik als Querschnittsaufgabe (gender mainstreaming) als erfolgreicher erweisen wird für den Abbau von Geschlechter­hierarchien, also die bis dato praktizierte, mit ihren(mage­ren) Ergebnissen nur sehr be­grenzt erfolgreiche Frauenpo­litik, ist eine offene Frage. Prof. Dr. Irene Dölling/ Wirtschafts- und Sozial­wissenschaftliche Fakultät