Heft 
(1.1.2019) 07
Einzelbild herunterladen

Titel

Hochschulpolitik und Hoch­schulentwicklung etwas ver­stand. Aber der Preis schien nicht zu hoch. Damit meine ich nicht das Erbe derStasi, das zwar kurzzeitig für Aufre­gung sorgte, in seiner Bedeu­tung jedoch zumeist über­schätzt wurde und heute un­geachtet gelegentlicher kriti­scher Stimmen in der Presse keine nennenswerte Rolle mehr spielt. Die Tatsache je­doch, daß ein erheblicher Teil der Universität um einen schon vorhandenen Personalbestand in Dauerstellungen herum­gruppiert werden mußte und personelle Erneuerung sich aufgrund des Stellenüberhangs und mangelnder Mobilität oft als unmöglich erwies, machte die ohnehin problematische Transformation einer Pädago­gischen Hochschule zu einer forschungsorientierten Univer­sität noch schwieriger. Dies war obwohl es oft so gesehen wurde von Anfang an kein Ost-West-Problem, sondern eine personelle und akade­misch-institutionelle Struktur­frage, die nur auf lange Sicht lösbar ist aber auch gelöst werden muß, wenn man dem Ziel, eine wirkliche Spitzenuni­versität zu werden, näherkom­men will.

Personelle Situation Natürlich haben auch in Pots­dam wie überall in Ost­

deutschland viele Wissen­schaftler, die hier schon vor 1989 tätig waren, Hervorra­gendes geleistet und die Chan­ce nach derWende genutzt, sich in die neue Struktur zu in­tegrieren. Mehr noch: Ohne das Engagement und die Lei­stungsbereitschaft des vorhan­denen Personals zumal in Verwaltung und Technik, aber auch unter den wissenschaftli­chen Mitarbeitern wäre eine Universitätsgründung aus dem Stand gar nicht möglich gewe­sen. In den meisten Bereichen ist die Herkunft der Mitarbei­ter deshalb längst kein Thema mehr: Aufs Ganze gesehen, mangelt es jedoch oft noch an der personellen Flexibilität, die eine moderne, leistungsfähige Universität auszeichnet und die für den Erfolg akademi­scher Einrichtungen nicht der mittelmäßigen, wohl aber der herausragenden nun ein­mal eine unabdingbare Voraus­setzung darstellt.

In der Tat gehört die sorgfälti­ge Auslese der Mitarbeiter, nicht jedoch deren soziale Ab­sicherung, zu den zentralen Aufgaben einer Universität. Dabei gebührt der originären Forschung an einer Pädago­gischen Hochschule oder Fachhochschule mag dies an­ders sein die oberste Priorität: Wer sich wissenschaftlich nicht durchsetzt, hat auf die Dauer keinen Platz. Dies muß schon

deshalb gelten, um nachwach­senden Generationen eine faire Chance zur akademischen Qualifizierung und zum beruf­lichen Aufstieg zu bieten. Der persönliche Ehrgeiz, die schöp­ferische Phantasie und die in­tellektuelle Neugier der Jünge­ren sind das Lebenselexier je­der Hochschule. Dem muß auch in Potsdam mehr und mehr Rechnung getragen wer­den.

Zehn Jahre nach derWende steht man daher hier erneut an einem Wendepunkt: Der Grundstock einer modernen, der Zukunft zugewandten Hochschule ist gelegt. Nicht nur die geographische Lage ist erstklassig. Auch viele Struktu­ren, besonders die Verbindung klassischer Institute mit assozi­ijerten interdisziplinären Zen­tren, versprechen hervorragen­de Resultate. Jetzt kommt es darauf an, die Idee einer wirkli­chen Spitzenuniversität in die

Tat umzusetzen. Dazu gehören nicht nur eine dezi­dierte Forschungsförderung

sowie ein reformiertes Curricu­Jum(mit B.A. und Master­programmen nach internatio­nalem Standard), sondern auch last but not least eine kluge, vorausschauende Personalpoli­tik, deren einziger Maßstab die

Qualifikation sein muß. Prof. Dr. Manfred Görtemaker/ Historisches Institut

Wiedergeburten

Veröffentlichungen zur Ge­schichte der DDR haben Kon­junktur, nicht allein deshalb, weil die sogenannte Wende zehn Jahre zurückliegt, son­dern auch aus dem Grund des lebendigen Erinnerns vieler Zeitzeugen. Die ansprechend aufgemachte Publikation Wiedergeburten: Zur-Ge­schichte der runden Jahrestage der DDR ist Bestandteil eines yonA.. der 5Deutschen::«For­schungsgemeinschaft finan­zierten ProjektsPropaganda­geschichte(Freiburg und Lei­pzig). Sie wurde in Zusam­menarbeit mit dem Deutschen Historischen Museum Berlin und dem Kulturwissenschaftli­chen Institut e.V. Leipzig cr

stellt. Dezennienfeiertage gal­ten in der ehemaligen DDR als gesellschaftliche Katalysations­daten der politischen Orientie­rung und der Mobilisierung des Kräftepotentials der Bevöl­kerung. Die aus einer wissen­schaftlichen Tagung hervorge­gangenen Aufsätze versuchen, das Gefüge zwischen Staatspo­litik und Propaganda einerseits und dahinterliegender Alltags­und Lebensrealität andererseits kritisch auszuloten. Es liegen Arbeiten von 18 Autoren vor, die ‚den 50er und. 60er Jahr­gängen angehören. Über die Gliederung: Geschichte, Ge­staltung, Vermittlung, Wahr­nehmung, Erzählte Zeit wer­den zwar inhaltliche Grobori­entierungen und auch Ein­grenzungen geschaffen. Beim Lesen der Sach-texte entsteht

allerdings oft der unbefriedi­gende Eindruck, daß bei prak­tisch jeder Einzelerscheinung, gleich«ob; es umLobrede;, Festmusik,Dederon,Or­densverleihung oderStaats­flagge ‚geht, der Prozeß der Aufarbeitung erst zu beginnen hätte. Ein Lesebuch ganz dem Wortsinn nach ist hier entstan­den, das über die Fledderei ei­ner ambivalent erscheinenden Kulturgeschichte hinausrei­chen will. PUTZ

Monika Gibas, Rainer Gries, Barbara Jakoby, Doris Mül­ler(Herausgeber): Wieder­geburten. Zur Geschichte der runden Jahrestage der DDR, herausgegeben vom Leipziger Universitätsverlag, ISBN 3-9333240-81-6, 306 S., 54,00 DM.

PUTZ 7/99

Wende­Tage-Buch

mm Fotos und Texte von in Naumanı

Foto: zg. Bei diesem Wendetagebuch

kommt dem unvoreingenomme­nen Leser und Bildbetrachter un­weigerlich und einmal mehr zu Be­wußtsein, was es vor zehn Jahren bedeutete, daß der Zusammen­bruch des DDR-Systems bei der Größe des angehäuften Konflikt­potentials friedlich verlief. Der Text-Bild-Band reflektiert die Er­eignisse in der Messestadt Leipzig, jener Stadt, die bald nach 1989 als Heldenstadt apostrophiert wur­de.

Die Fotos und Tagebuch-Texte stammen von Martin Naumann, der nicht mit Häme, sondern als damaliger Bildreporter der Leipzi­ger Volkszeitung und in kritischer Distanz- halb legal, halb illegal dieses private Archiv erstellt hat. Seine Haltung zu den Ereignissen wird in ersten Sätzen des Buches deutlich, wenn er schreibt:Die Wende war kein Blitz aus heiterem Himmel... Es gab vorher verschie­dene oppositionelle Aktivitäten, deren Ziel in der Regel nicht dar­in bestand, die DDR zu beseitigen, sondern sie menschlicher zu ge­stalten.

Die Tagebucheintragungen liefern ein ziemlich abgrundetes Bild aller wichtigen Ereignisse in Leipzig zwischen November 1989 und dem Tag der deutschen Einheit. Sie lesen sich spannend und erin­nern an das eine oder andere ver­gessen geglaubte Detail jener be­wegten Zeit vor nunmehr einem Jahrzehnt. Die Bilder sprechen für sich, sie dokumentieren den großen Atem des Geschichtsereig­nisses.Wende, sie vermitteln überdies durch das eine oder an­dere Detail etwas von der damali­gen dramatischen Stimmungslage hunderttausender Beteiligter, so beispielweise über die auf Plakaten und Transparenten sichtbaren For­derungen und bitter-sarkastischen Sprüche. PUTZ

Martin Naumann(Fotos und Texte): Wende-Tage-Buch. Ein Tagebuch von der Wende bis zur Einheit, Militzke Verlag, Leipzig 1998, ISBN 3-86189-114-X, 143 S., 49,80 DM.

nn