Titel
Hochschulpolitik und Hochschulentwicklung etwas verstand. Aber der Preis schien nicht zu hoch. Damit meine ich nicht das Erbe der„Stasi“, das zwar kurzzeitig für Aufregung sorgte, in seiner Bedeutung jedoch zumeist überschätzt wurde und heute— ungeachtet gelegentlicher kritischer Stimmen in der Presse— keine nennenswerte Rolle mehr spielt. Die Tatsache jedoch, daß ein erheblicher Teil der Universität um einen schon vorhandenen Personalbestand in Dauerstellungen herumgruppiert werden mußte und personelle Erneuerung sich aufgrund des Stellenüberhangs und mangelnder Mobilität oft als unmöglich erwies, machte die ohnehin problematische Transformation einer Pädagogischen Hochschule zu einer forschungsorientierten Universität noch schwieriger. Dies war — obwohl es oft so gesehen wurde— von Anfang an kein Ost-West-Problem, sondern eine personelle und akademisch-institutionelle Strukturfrage, die nur auf lange Sicht lösbar ist— aber auch gelöst werden muß, wenn man dem Ziel, eine wirkliche Spitzenuniversität zu werden, näherkommen will.
Personelle Situation Natürlich haben auch in Potsdam— wie überall in Ost
deutschland— viele Wissenschaftler, die hier schon vor 1989 tätig waren, Hervorragendes geleistet und die Chance nach der„Wende“ genutzt, sich in die neue Struktur zu integrieren. Mehr noch: Ohne das Engagement und die Leistungsbereitschaft des vorhandenen Personals— zumal in Verwaltung und Technik, aber auch unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern— wäre eine Universitätsgründung aus dem Stand gar nicht möglich gewesen. In den meisten Bereichen ist die Herkunft der Mitarbeiter deshalb längst kein Thema mehr: Auf’s Ganze gesehen, mangelt es jedoch oft noch an der personellen Flexibilität, die eine moderne, leistungsfähige Universität auszeichnet und die für den Erfolg akademischer Einrichtungen‘— nicht der mittelmäßigen, wohl aber der herausragenden— nun einmal eine unabdingbare Voraussetzung darstellt.
In der Tat gehört die sorgfältige Auslese der Mitarbeiter, nicht jedoch deren soziale Absicherung, zu den zentralen Aufgaben einer Universität. Dabei gebührt der originären Forschung— an einer Pädagogischen Hochschule oder Fachhochschule mag dies anders sein— die oberste Priorität: Wer sich wissenschaftlich nicht durchsetzt, hat auf die Dauer keinen Platz. Dies muß schon
deshalb gelten, um nachwachsenden Generationen eine faire Chance zur akademischen Qualifizierung und zum beruflichen Aufstieg zu bieten. Der persönliche Ehrgeiz, die schöpferische Phantasie und die intellektuelle Neugier der Jüngeren sind das Lebenselexier jeder Hochschule. Dem muß auch in Potsdam mehr und mehr Rechnung getragen werden.
Zehn Jahre nach der„Wende“ steht man daher hier erneut an einem Wendepunkt: Der Grundstock einer modernen, der Zukunft zugewandten Hochschule ist gelegt. Nicht nur die geographische Lage ist erstklassig. Auch viele Strukturen, besonders die Verbindung klassischer Institute mit assoziijerten interdisziplinären Zentren, versprechen hervorragende Resultate. Jetzt kommt es darauf an, die Idee einer wirklichen Spitzenuniversität in die
Tat umzusetzen. Dazu gehören nicht nur eine dezidierte Forschungsförderung
sowie ein reformiertes CurricuJum(mit B.A.— und Masterprogrammen nach internationalem Standard), sondern auch last but not least— eine kluge, vorausschauende Personalpolitik, deren einziger Maßstab die
Qualifikation sein muß. Prof. Dr. Manfred Görtemaker/ Historisches Institut
Wiedergeburten
Veröffentlichungen zur Geschichte der DDR haben Konjunktur, nicht allein deshalb, weil die sogenannte Wende zehn Jahre zurückliegt, sondern auch aus dem Grund des lebendigen Erinnerns vieler Zeitzeugen. Die ansprechend aufgemachte Publikation „Wiedergeburten:‘ Zur-Geschichte der runden Jahrestage der DDR“ ist Bestandteil eines yonA.. der 5Deutschen::«Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekts„Propagandageschichte“(Freiburg und Leipzig). Sie wurde in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Museum Berlin und dem Kulturwissenschaftlichen Institut e.V. Leipzig cr
stellt. Dezennienfeiertage galten in der ehemaligen DDR als gesellschaftliche Katalysationsdaten der politischen Orientierung und der Mobilisierung des Kräftepotentials der Bevölkerung. Die aus einer wissenschaftlichen Tagung hervorgegangenen Aufsätze versuchen, das Gefüge zwischen Staatspolitik und Propaganda einerseits und dahinterliegender Alltagsund Lebensrealität andererseits kritisch auszuloten. Es liegen Arbeiten von 18 Autoren vor, die ‚den 50er und. 60er Jahrgängen angehören. Über die Gliederung: Geschichte, Gestaltung, Vermittlung, Wahrnehmung, Erzählte Zeit werden zwar inhaltliche Groborientierungen und auch Eingrenzungen geschaffen. Beim Lesen der Sach-texte entsteht
allerdings oft der unbefriedigende Eindruck, daß bei praktisch jeder Einzelerscheinung, gleich«ob; es um„Lobrede“;, „Festmusik“,„Dederon“,„Ordensverleihung“ oder„Staatsflagge“ ‚geht, der Prozeß der Aufarbeitung erst zu beginnen hätte. Ein Lesebuch ganz dem Wortsinn nach ist hier entstanden, das über die Fledderei einer ambivalent erscheinenden Kulturgeschichte hinausreichen will. PUTZ
Monika Gibas, Rainer Gries, Barbara Jakoby, Doris Müller(Herausgeber): Wiedergeburten. Zur Geschichte der runden Jahrestage der DDR, herausgegeben vom Leipziger Universitätsverlag, ISBN 3-9333240-81-6, 306 S., 54,00 DM.
PUTZ 7/99
WendeTage-Buch
mm Fotos und Texte von in Naumanı
Foto: zg. Bei diesem Wendetagebuch
kommt dem unvoreingenommenen Leser und Bildbetrachter unweigerlich und einmal mehr zu Bewußtsein, was es vor zehn Jahren bedeutete, daß der Zusammenbruch des DDR-Systems bei der Größe des angehäuften Konfliktpotentials friedlich verlief. Der Text-Bild-Band reflektiert die Ereignisse in der Messestadt Leipzig, jener Stadt, die bald nach 1989 als „Heldenstadt“ apostrophiert wurde.
Die Fotos und Tagebuch-Texte stammen von Martin Naumann, der nicht mit Häme, sondern als damaliger Bildreporter der Leipziger Volkszeitung und in kritischer Distanz- halb legal, halb illegal— dieses private Archiv erstellt hat. Seine Haltung zu den Ereignissen wird in ersten Sätzen des Buches deutlich, wenn er schreibt:„Die Wende war kein Blitz aus heiterem Himmel... Es gab vorher verschiedene oppositionelle Aktivitäten, deren Ziel in der Regel nicht darin bestand, die DDR zu beseitigen, sondern sie menschlicher zu gestalten.“
Die Tagebucheintragungen liefern ein ziemlich abgrundetes Bild aller wichtigen Ereignisse in Leipzig zwischen November 1989 und dem Tag der deutschen Einheit. Sie lesen sich spannend und erinnern an das eine oder andere vergessen geglaubte Detail jener bewegten Zeit vor nunmehr einem Jahrzehnt. Die Bilder sprechen für sich, sie dokumentieren den großen Atem des Geschichtsereignisses.„Wende“, sie vermitteln überdies durch das eine oder andere Detail etwas von der damaligen dramatischen Stimmungslage hunderttausender Beteiligter, so beispielweise über die auf Plakaten und Transparenten sichtbaren Forderungen und bitter-sarkastischen Sprüche. PUTZ
Martin Naumann(Fotos und Texte): Wende-Tage-Buch. Ein Tagebuch von der Wende bis zur Einheit, Militzke Verlag, Leipzig 1998, ISBN 3-86189-114-X, 143 S., 49,80 DM.
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