Heft 
(1.1.2019) 07
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Wissenschaft aktuell

Die Weltformel ist vertagt

Stephen Hawking bei der String99 in Potsdam

Wie ist das Universum entstanden? Und warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts? Solche tiefgründigen Fragen, mit denen Kinder ihre Eltern löchern, beschäftigen die theore­tischsten aller Physiker, nämlich die Vertreter von String­theorien und Supersymmetrie. 400 Wissenschaftler kamen aus aller Welt nach Potsdam, um vom 19. bis zum 24. Juli an der String99 teilzunehmen, die in diesem Jahr vom Albert Einstein Institut veranstaltet wurde.

Darunter waren auch promi­nente Gäste wie Stephen Haw­king, Michael Green oder Ed­ward Witten, die zu den kreati­vsten Köpfen ihrer Zunft

tivsten Köpfen unserer Zeit.

gehören und das Weltbild der modernen Physik verändert ha­ben. Besonders Hawking zog ein riesiges Publikum an. Er verkörpert nicht nur persönlich

Foto: Fritze

den Triumph des Geistes über den Zzerbrechlichen Körper, sondern ist auch ein begnade­ter Redner mit geradezu poeti­scher Ausdruckskraft. Der fast vollständig gelähmte Wissen­schaftler kann nur noch mit Hilfe einer Computerstimme sprechen und formuliert seine Sätze auf einem Wordpro­gramm mit Hilfe von winzigen Bewegungen seiner Fingerkup­pen. Zu seinem öffentlichen Vortrag am 24. Juli dieses Jah­res strömten mehr Menschen, als in die beiden reservierten Hörsäle hineinpaßten. Einige hundert Zuhörer nahmen des­halb auf dem Rasen vor dem Audimax Platz und lauschten der Lautsprecherübertragung überDas Universum in einer Nußschale.

Strings sind ein mathemati­sches Konstrukt und müssen um viele Größenordnungen kleiner sein als Atome. An­schaulich könnte man Strings mit einer schwingenden Saite vergleichen. Mit den mannig­faltigen Schwingungen dieser Saiten sei die Vielfalt von Ele­mentarteilchen und deren vier Arten von Wechselwirkungen erklärbar, meint Hermann Ni­colai vom Albert-Einstein-In­stitut. Die Stringtheorie führt zur Idee der Supersymmetrie,

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die nur in einem elfdimensio­nalenRaum beschreibbar ist. In unserer dreidimensionalen Realität sind die übrigen Di­mensionen aufgerollt, so wie sich auch ein Seidentuch zu ei­ner dünnen Linie zusammen­falten läßt. Mit der Supersym­metrie wird, so hoffen die Theoretiker,(endlich[eine Brücke zwischen der Quanten­mechanik und der Allgemeinen Relativitätstheorie geschlagen werden. Denn bislang scheinen die beiden Theorien nicht zu­sammenzupassen. Die Quan­tenmechanik beschreibt die Er­eignisse auf unendlich kleiner räumlicher Skala, während die Allgemeine Relativitätstheorie für die Weiten des Universums gilt. Nur im Inneren von Schwarzen Löchern und in der Nähe des Urknalls müßten bei­de Theorien zusammenkom­men. Dies führt aber zu Wider­sprüchen, die in einer allgemei­nerenTheorie für Alles oder einer Weltformel aufgelöst werden müßten.

Anfang der achtziger Jahre glaubte ich, daß es eine Chance von 50:50 gibt, die ‚Theorie für Alles bis zum Jahrtausend­wechsel zu schaffen, sagte Hawking,und das meine ich immer noch. Nur: Die zwanzig Jahre zählen ab sofort. ar

Astrophysiker auf Planeten-Suche

Vermutlich sind wir nicht allein

Vor kurzem wurde Dr. Joa­chim Wambsganß vom Astrophysikalischen Institut in Potsdam(AIP) als Profes­sor an die Uni Potsdam be­rufen. Der Astrophysiker Wambsganß beschäftigt sich unter anderem mit der Fra­ge, wie sich Planeten um an­dere Sterne finden lassen und hat zu einem neuen Meßverfahren mit dem soge­nannten Gravitationslinsen­effekt einige Ideen beigetra­gen. Sein anderer Arbeitsbe­reich ist die Röntgenastro­nomie und die Kosmologie. Mit Prof. Wambsganß sprach PUTZ-Redakteurin Dr. Antonia Rötger.

PUTZ: Gibt es Planeten im

Weltraum wie Sand am Meer? Wambsganß: Noch 1995 er­schien von einem sehr renom­mierten Astronomen ein großer Übersichtsartikel über die bislang vergebliche Suche nach Planeten. Der Autor kam darin zu dem Schluß: Es gibt wohl keine anderen Planeten, und wir sind doch irgendwie einzigartig. Wenig später im Herbst 1995- kamen dann die ersten experimentellen:Hin­weise auf Planeten. Erst seit­dem wissen wir, daß es Plane­ten auch um ein paar andere Sterne gibt. Inzwischen wissen wir, daß es sogar um ziemlich viele Sterne Planeten gibt, viel­leicht sogar um alle- aber so­weit sind wir noch nicht.

PUTZ: Könnte sich auch auf den anderen. Planeten Leben entwickelt haben? Wambsganß: Ich glaube, daß es sehr wahrscheinlich noch andere Lebensformen im Welt­all gibt. Aber es wird sicherlich noch viele Jahre dauern, bis wir konkrete Hinweise darauf haben. Die nächste Frage ist dann: Gibt es intelligentes Le­ben? Schließlich kommt der übernächste Schritt, der die Menschen vermutlich am mei­sten fasziniert: Ist Kommuni­kation möglich? In dieser Fra­ge bin ich allerdings sehr skep­tisch, und zwar'aus verschiede­nen Gründen.

PUTZ: Warum? Wambsganß: Nun, einmal we­

gen der Art der Kommunika­tion, wegen der gigantischen Entfernungen und schließlich wegen der vermutlich kurzen Lebensdauer von| hochent­wickelten Zivilisationen. Hier auf der Erde gibt es seit drei oder vier Milliarden Jahren Le­ben. Aber erst seit ungefähr hundert Jahren ist die Mensch­heit in der Lage, auch Signale in den Weltraum zu senden oder zu empfangen. Und selbst wenn man optimistisch ist und schätzt, daß die Menschheit noch viele Millio­nen Jahre existieren kann, dann ist das dennoch nur ein Bruchteil, verglichen mit dem Gesamtalter des Planeten und der Geschichte des Lebens auf ihm. Und so müßte es eben ein großer Zufall sein, daß man ei­nen Planeten, auf dem es Le­ben gibt, gerade in der Phase erwischt, wo diese Lebensfor­

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