Wissenschaft aktuell
Die Weltformel ist vertagt
Stephen Hawking bei der String‘99 in Potsdam
Wie ist das Universum entstanden? Und warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts? Solche tiefgründigen Fragen, mit denen Kinder ihre Eltern löchern, beschäftigen die theoretischsten aller Physiker, nämlich die Vertreter von Stringtheorien und Supersymmetrie. 400 Wissenschaftler kamen aus aller Welt nach Potsdam, um vom 19. bis zum 24. Juli an der String‘99 teilzunehmen, die in diesem Jahr vom Albert Einstein Institut veranstaltet wurde.
Darunter waren auch prominente Gäste wie Stephen Hawking, Michael Green oder Edward Witten, die zu den kreativsten Köpfen ihrer Zunft
tivsten Köpfen unserer Zeit.
gehören und das Weltbild der modernen Physik verändert haben. Besonders Hawking zog ein riesiges Publikum an. Er verkörpert nicht nur persönlich
Foto: Fritze
den Triumph des Geistes über den Zzerbrechlichen Körper, sondern ist auch ein begnadeter Redner mit geradezu poetischer Ausdruckskraft. Der fast vollständig gelähmte Wissenschaftler kann nur noch mit Hilfe einer Computerstimme sprechen und formuliert seine Sätze auf einem Wordprogramm mit Hilfe von winzigen Bewegungen seiner Fingerkuppen. Zu seinem öffentlichen Vortrag am 24. Juli dieses Jahres strömten mehr Menschen, als in die beiden reservierten Hörsäle hineinpaßten. Einige hundert Zuhörer nahmen deshalb auf dem Rasen vor dem Audimax Platz und lauschten der Lautsprecherübertragung über„Das Universum in einer Nußschale“.
Strings sind ein mathematisches Konstrukt und müssen um viele Größenordnungen kleiner sein als Atome. Anschaulich könnte man Strings mit einer schwingenden Saite vergleichen. Mit den mannigfaltigen Schwingungen dieser Saiten sei die Vielfalt von Elementarteilchen und deren vier Arten von Wechselwirkungen erklärbar, meint Hermann Nicolai vom Albert-Einstein-Institut. Die Stringtheorie führt zur Idee der Supersymmetrie,
PUTZ 7/99
die nur in einem elfdimensionalen„Raum“ beschreibbar ist. In unserer dreidimensionalen Realität sind die übrigen Dimensionen aufgerollt, so wie sich auch ein Seidentuch zu einer dünnen Linie zusammenfalten läßt. Mit der Supersymmetrie wird, so hoffen die Theoretiker,(endlich[eine Brücke zwischen der Quantenmechanik und der Allgemeinen Relativitätstheorie geschlagen werden. Denn bislang scheinen die beiden Theorien nicht zusammenzupassen. Die Quantenmechanik beschreibt die Ereignisse auf unendlich kleiner räumlicher Skala, während die Allgemeine Relativitätstheorie für die Weiten des Universums gilt. Nur im Inneren von Schwarzen Löchern und in der Nähe des Urknalls müßten beide Theorien zusammenkommen. Dies führt aber zu Widersprüchen, die in einer allgemeineren„Theorie für Alles“ oder einer Weltformel aufgelöst werden müßten.
„Anfang der achtziger Jahre glaubte ich, daß es eine Chance von 50:50 gibt, die ‚Theorie für Alles‘ bis zum Jahrtausendwechsel zu schaffen“, sagte Hawking,„und das meine ich immer noch. Nur: Die zwanzig Jahre zählen ab sofort.“ ar
Astrophysiker auf Planeten-Suche
Vermutlich sind wir nicht allein
Vor kurzem wurde Dr. Joachim Wambsganß vom Astrophysikalischen Institut in Potsdam(AIP) als Professor an die Uni Potsdam berufen. Der Astrophysiker Wambsganß beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie sich Planeten um andere Sterne finden lassen und hat zu einem neuen Meßverfahren mit dem sogenannten Gravitationslinseneffekt einige Ideen beigetragen. Sein anderer Arbeitsbereich ist die Röntgenastronomie und die Kosmologie. Mit Prof. Wambsganß sprach PUTZ-Redakteurin Dr. Antonia Rötger.
PUTZ: Gibt es Planeten im
Weltraum wie Sand am Meer? Wambsganß: Noch 1995 erschien von einem sehr renommierten Astronomen ein großer Übersichtsartikel über die bislang vergebliche Suche nach Planeten. Der Autor kam darin zu dem Schluß: Es gibt wohl keine anderen Planeten, und wir sind doch irgendwie einzigartig. Wenig später— im Herbst 1995- kamen dann die ersten‘ experimentellen:Hinweise auf Planeten. Erst seitdem wissen wir, daß es Planeten auch um ein paar andere Sterne gibt. Inzwischen wissen wir, daß es sogar um ziemlich viele Sterne Planeten gibt, vielleicht sogar um alle- aber soweit sind wir noch nicht.
PUTZ: Könnte sich auch auf den anderen. Planeten Leben entwickelt haben? Wambsganß: Ich glaube, daß es sehr wahrscheinlich noch andere Lebensformen im Weltall gibt. Aber es wird sicherlich noch viele Jahre dauern, bis wir konkrete Hinweise darauf haben. Die nächste Frage ist dann: Gibt es intelligentes Leben? Schließlich kommt der übernächste Schritt, der die Menschen vermutlich am meisten fasziniert: Ist Kommunikation möglich? In dieser Frage bin ich allerdings sehr skeptisch, und zwar'aus verschiedenen Gründen.
PUTZ: Warum? Wambsganß: Nun, einmal we
gen der Art der Kommunikation, wegen der gigantischen Entfernungen und schließlich wegen der vermutlich kurzen Lebensdauer von| hochentwickelten Zivilisationen. Hier auf der Erde gibt es seit drei oder vier Milliarden Jahren Leben. Aber erst seit ungefähr hundert Jahren ist die Menschheit in der Lage, auch Signale in den Weltraum zu senden oder zu‘ empfangen. Und selbst wenn man optimistisch ist und schätzt, daß die Menschheit noch viele Millionen Jahre existieren kann, dann ist das dennoch nur ein Bruchteil, verglichen mit dem Gesamtalter des Planeten und der Geschichte des Lebens auf ihm. Und so müßte es eben ein großer Zufall sein, daß man einen Planeten, auf dem es Leben gibt, gerade in der Phase erwischt, wo diese Lebensfor
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