PUTZ 7/99
Wissenschaft aktuell
Künstliche Haut und Partyteller
Nachwachsender Rohstoff aus Scampischalen und Fliegenlarven
Insektenpanzer, Scampischalen oder Pilzskelette bestehen aus Chitin, einem harten Material, das von Mutter Natur überreichlich produziert wird. Aus Chitin läßt sich mit einem einfachen Verfahren ein wertvolles Ausgangsmaterial für neue, kompostierbare Kunststoffe und für medizinische Anwendungen gewinnen, das Chitosan. An der Universität Potsdam arbeitet dazu eine Gruppe von Chemikern unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Peter.
Im Regal des Chemikers stehen Gläschen mit Proben von Chitosan: hellgraue oder gelbliche federleichte Flocken. Rein optisch gibt Chitosan bei weitem nicht soviel her, wie das blaugrün schimmernde Kleid eines Mistkäfers. Aber dafür hat es ein riesiges Anwendungspotential: Chitosan läßt sich zu Filmen, Fasern oder Granulat ver
arbeiten;: steckt in. einigen Haarfestigern, macht Lacke zähflüssiger, veredelt Papier
und Textilien und wird bei der Abwasseraufarbeitung eingesetzt, wo es Proteine zum Ausflocken bringt und Schwermetall-Ionen bindet. Auch Haushaltsfolie oder Einweggeschirr ließen sich aus Chitosan herstellen. Im Gegensatz zu Pla
stikgeschirr und Zellophanfolien wären Partyteller aus Chitosan nach Gebrauch kompostierbar.
Schalen zu Rohstoff
Mit seiner Arbeitsgruppe untersucht Peter zur Zeit vor allem, ob sich qualitativ hochwertiges Chitosan auch aus Fliegenlarven gewinnen läßt. „Wir entfernen zunächst einmal die Proteine aus dem Chitin, dann den Kalk und am Ende auch die N-Acetylgruppen“ erklärt Peter. Dieses Projekt läuft im Rahmen der„Wertschöpfung aus biogenen Abfällen“ und wird von der Bundesstiftung Umwelt gefördert. Ein weiteres, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ge
fördertes Projekt, widmet sich den makromolekularen Eigenschaften von Chitosan.
Tests in Medizin
Jährlich werden weltweit mehrere hundert neue Patente für Chitosan-Produkte angemeldet. Vor allem im Humanbereich entfaltet das Chitosan seine Talente: Zum Beispiel ist es Bestandteil des Schlankheitsmittels‘ Xenical. Chitosan hemmt die Aktivität eines fettzersetzenden Enzyms, so daß ein Teil des Fetts wieder mit dem Stuhl ausgeschieden wird. Chitosan hat jedoch auch antibakterielle Eigenschaften und könnte als eine Art zweite Haut auf offene Beine oder Brandwunden gelegt werden.
Antarktischer Krill. Aus seiner Schale gewinnen Fachleute Chitosan.
Foto: L. Köhler, fcb, Bremerhaven
Fortsetzung von Seite 17 men auch in der Lage sind; Signale auszusenden.
PUTZ: Und: welche Rolle spielen die großen Entfernungen im Weltall?
Wambsganß: Die Botschaften wären sehr viele Jahre unterdenn die Nachrichten
wegs, können nicht schneller als mit Lichtgeschwindigkeit übermittelt werden. Das nächste
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Sternsystem ist aber bereits vier Lichtjahre entfernt, ein „Brief“ von dort bräuchte vier Jahre, um hier anzukommen. Andere: Sterne: in Milchstraße sind viele tausend Lichtjahre entfernt, und Nachbargalaxien sind Millionen von Lichtjahren weit weg.
PUTZ: Könnten wir denn einen Brief von den„Grünen Männchen“ verstehen?
unserer
Wambsganß: Das ist sehr unwahrscheinlich. Denken Sie nur daran; daß’ es auf der Erde neben den Menschen andere hochentwickelte Lebensformen gibt. Aber wir sind immer noch weit entfernt davon, selbst mit den intelligentesten darunter— wie etwa Affen oder Delphinen — kommunizieren zu können. PUTZ: Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Solch ein Chitosan-Pflaster wird zur Zeit in Polen getestet. Der luftdurchlässige Wundverband fördert die Wundheilung und wird allmählich von körpereigenen Enzymen aufgelöst. Vielversprechend sind auch die Ergebnisse von Tests mit Chitosankapseln, die sich unter die Haut implantieren oder verschlucken lassen und dort langsam Medikamente freisetzen. Noch ist der medizinische Einsatz von Chitosan-Produkten im Humanbereich in Deutschland allerdings nicht erlaubt.
Schleswig-Holstein vorn
Das Land Schleswig-Holstein will die erste Chitosanproduktion in Deutschland aufbauen, berichtet Peter. Die großtechnische Produktion von Chitosan ist trotz der vielen Anwendungen noch nicht wirklich in Gang gekommen. Das hängt vor allem an einem Problem, weiß Peter:: Die Industrie
> benötigt eine kontinuierliche
Rohstoffversorgung, damit die Maschinen ausgelastet sind. Der Fischfang dagegen, immerhin 5000 Tonnen Krabben- und Krillschalen pro Jahr werden für die Chitosanproduktion genutzt, ist eine Saisontätigkeit. Auch deshalb werden die Untersuchungen an der Uni Potsdam von der Wirtschaft mit großem Interesse verfolgt.„Fliegenlarven liefern teilweise sogar besseres Chitosan als Krill“, sagt Peter. Der‘ Potsdamer“Chemiker” ist Mitglied des Fördervereins „Chitosan Westküste e.V.“ und hat für die Landesregierung in Schleswig Holstein eine Studie über Einsatzmöglichkeiten von Chitosan erstellt. Enge Kooperationen bestehen auch mit außeruniversitären Einrichtungen an der Uni Potsdam, insbesondere dem Fraunhofer Institut für Angewandte Polymerforschung in Teltow und dem Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Golm. Peter ist auch geschäftsführender Leiter des Interdisziplinären Forschungszentrums für Biopolymere der Universität Potsdam, das vom 31. August bis zum 3. September 1999 den„3. Internationalen Kongreß der European Chitin Society“ veranstaltet hat. ar