Wissenschaft aktuell
PUTZ 7/99
Wie kommunizierten Frauen?
Arbeitskreis erforscht weiblichen Sprachgebrauch
Frauen zeigen im Vergleich zu Männern heute offensichtlich ein anderes Kommunikationsverhalten. Sie sind aktive Hörerinnen, halten das Gespräch häufiger in Gang, neigen eher zu höflichen Gespächsstilen und sind weniger dominant. Mit den Gründen für diese Erscheinung sowie hauptsächlichen Merkmalen beschäftigen sich seit längerem auch in der Bundesrepublik Deutschland Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler. Seit 1993 gibt es darüber hinaus beispielsweise einen von der Berliner Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Gisela Brandt initiierten Arbeitskreis, der
„Bausteine zu einer Geschichte des weiblichen Sprachgebrauchs“—zusam
mentragen will. Mit dabei ist auch Dr. Elisabeth Berner aus dem Institut für Germanistik der Uni Potsdam.
Daß es den Arbeitskreis gibt, scheint kein Zufall. Setzt er doch die bis dahin ausschließlich an der Gegenwartssprache orientierte Linguistik nicht fort, sondern rückt die historische Perspektive in den Mittelpunkt. Damit konzentriert sich das Interesse der beteiligten Wissenschaftler auf den Sprachgebrauch von Frauen insbesondere zwischen Mittelalter und Gegenwart.
Alltagstexte
als Zeitzeugen
Grundlage für die Analyse ist ein Textkorpus, der vor allem Alltagstexte beinhaltet. Sie tatsächlich gefunden zu haben, betrachtet Elisabeth Berner als eines der wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zum Gegenstand. Daß die Gruppe sich gerade darauf konzentriert, hat seinen Grund. Literatinnen treten verstärkt erst im 18. Jahrhundert an die Öffentlichkeit. So kommen deshalb insbesondere beginnend aus dem 17. Jahrhundert Autobiographien, Briefe, Schreiben von Hand
werkerinnen, Frauenzeitschriften, Mädchentagebücher, aber auch schon ältere Texte von Nonnen, Mystikerinnen, Hexenprotokolle oder Nachlässe aus der Reformationszeit auf den Tisch.
der Reformationszeit bestätigten dies. Zum einen nehmen sich die Frauen demnach in ihren Formulierungen zurück, zum anderen allerdings stünden sie dem nicht gerade„zimperlichen“ Luther in nichts
An den Stadfrath zu Charand.
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Auch im Tone Luthers
Bei ihren Forschungen lassen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Zugang zu den Texten bewußt offen. Zur Untersuchung gelangt alles, was deren Interesse weckt. In den unterschiedlichen Textsorten geht es beispielsweise um rhetorische und stilistische Mittel, Modalkonstruktionen, orthographische Komponenten, Lexikalisches, die Verwendung von Schimpfwörtern oder auch Phraseologismen. Die Palette der Möglichkeiten reicht weit. Vorliegende Ergebnisse zeichnen bisher jedoch ein eher ambivalentes Bild.„Es gibt nach gegenwärtigen Erkenntnissen keinen einheitlichen weiblichen Sprachgebrauch, vielmehr dominieren individuelle Unterschiede“, erläutert die Potsdamer Uni-Mitarbeiterin. Schon
allein sieben Schreiberinnen
nach. Auch in den weiteren Zeitepochen sei das kaum anders.„Es existieren natürlich noch Texte; in denen unsere stereotypen Vorstellungen von Frauensprache befriedigt werden. Dazu gehören etwa die demütigen Formulierungen, seltenes Fluchen, die bedachte Verwendung von Wörtern“, konstatiert sie.„Männer verhalten sich jedoch oft nicht anders“, räumt Berner ein- und warnt zugleich vor jeglicher Pauschalisierung.
Neue Akzente
Ob sich aus den“einzelnen Beiträgen doch noch eine Geschichte des weiblichen Sprachgebrauchs zusammenfügt, ist wohl eher zu bezweifeln. Fest steht nach Ansicht der Wissenschaftler dennoch: Die Erschließung einer Vielzahl von Texten aus Frauenhand hat die Erkenntnisse über
den Einfluß von Frauen auf die Entwicklung von Sprache erweitert und sogar korrigiert. Sie bereichert die feministische Linguistik um wesentliche Einsichten in der Entstehung differenzierten Sprachgebrauchs. Berner selbst besitzt daran Anteil. Sie widmet sich in diesem Zusammenhang insbesondere der politischen Semantik im 19. Jahrhundert. Dabei geht es ihr vor allem um die Entstehung semantischer Konzepte, speziell neuer Bedeutungsinhalte der Emanzipationsbewegung.„Mich interessiert, wie der Begriff ‚Emanzipation‘ in den überlieferten Texten systematisch aufgebaut wird“, beschreibt sie das Anliegen. Bloße Wortorientierung, wie sie heute häufig zu finden ist, lehnt die Forscherin dabei strikt ab. Die Unterscheidung nach sozialhistorischen Gruppen ist ihr wichtig bei der Frage nach dem Weg des Begriffs „Emanzipation“ und damit verbundener Wörter in den Diskurs sowie nach der Art des Aufgreifens dieser durch unterschiedliche Richtungen der Frauenbewegung und der semantischen Entwicklung im Laufe der Zeit. Seinen Ausdruck fand dies nicht zuletzt auch in einem gerade gehaltenen Beitrag, der sich speziell mit| Emanzipationsansätzen der deutschen Vormärzpublizistin Fanny Lewald beschäftigte. Vorgetragen wurde er auf der Mitte September an der Uni Potsdam ausgetragenen IV. internationalen Fachtagung des Arbeitskreises.
P.G:
FTHORN
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