Heft 
(1.1.2019) 07
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Wissenschaft aktuell

PUTZ 7/99

Kinder brauchen Hilfe

Jedes sechste Kind lebt unter der Armutsgrenze

Mitte September fand am Institut für Sonderpädago­gik im Bereich der Lernbe­hindertenpädagogik eine in­

terdisziplinäre Arbeitsta­gung zur Frühförderung im Vorschulbereich statt. Die

Teilnehmer kamen aus den verschiedensten Einrichtun­gen der Frühförderung, aus wissenschaftlichen Institu­tionen, Schulen und politi­schen Gremien.

Im Zentrum des Interesses stand die immer größer wer­dende Gruppe der entwick­lungsgefährdeten und-verzö­gerten Kinder im vorschuli­schen. Bereich. Aktuellen Un­tersuchungsergebnissen zur Einschulung im Land Bran­denburg ist zu entnehmen, daß Risikofaktoren für die kindliche Entwicklung anstei­gen. In besonderer Weise zei­gen sich diese im Gesundheits­zustand;-im- Verhalten, im Denken und, in..der Lernlei­stung sowie in der Sprachent­wicklung. Was sich an gesund­heitlichen und Entwicklungsri­siken in Brandenburg abzeich­net, findet leider deutschland­weit vielfältige Bestätigung. So ist dem Bericht über die Le­benssituation von Kindern in Deutschland aus dem Jahre 1998 zu entnehmen, daß in­zwischen jedes sechste Kind unterhalb der Armutsgrenze lebt. Etwa; 25: Prozentder Drei- bis Vierjährigen sind in der sprachlichen und häufig auch in der geistigen Entwick­lung zurückgeblieben. Ende 1973 waren es vergleichsweise

Schule soll Spaß machen. Damit auch entwicklungsgefährdete undverzö­gerte Kinder Freude am Lernen haben, fordern Pädagogen deren frühzei­tige Förderung und die Schaffung geeigneter Schulvorbereitender Einrich­

tungen im Land Brandenburg.

nur vier Prozent. Beratung und Hilfe für Kinder und El­tern ergibt sich als logische Folgerung. Zentrales Anliegen der Arbeitstagung war deshalb auch die vorschulische Förde­rung potentiell schulleistungs­versagender beziehungsweise lernbehinderter Kinder.

So wurden beispielsweise sol­che Themenbereiche beleuch­tet, wie Belastungsfaktoren für lernbehinderte Schülerinnen und Schüler im Land Branden­burg, Qualitätsmerkmale für den Kooperationsprozeß zwi­schen Eltern und Fachleuten, theoretische Ansätze und Er­gebnisse einer in Kindertages­stätten integrierten und spielt­herapeutisch orientierten För­derung. Auch Ergebnisse aus Untersuchungen zur vorschu­lischen Entwicklung des akti­ven Selbst, zur kognitiven Be­fähigung sowie zu familienun­

Foto: Tribukeit

terstützenden Diensten wur­den dargestellt und diskutiert. Es ist davon auszugehen, daß ein Großteil der entwicklungs­verzögerten Kinder im Vor­schulbereich mit erschwerten Lebens- und Lernbedingun­gen konfrontiert ist. Sie zeigen sich vor allem in schwierigen sozioökonomischen, gungsarmen soziokulturellen und psychosozialen Bedingun­gen, die erfolgreiches schuli­sches Lernen sehr erschweren oder gar nicht ermöglichen. Deshalb kommt es darauf an, gefährdeten und sozial be­nachteiligten Kindern bereits im Alter von drei bis sechs Jah­ren günstige Startbedingungen für den Schuleintritt zu ver­schaffen. Denn so wie Bega­bung und gute Lernleistungen in großem Maße auch das Er­gebnis bisheriger Lernprozesse sind, so sind Lernversagen und

anre­

Leistungsschwäche mit zuneh­mendem Alter auch ein Defizit an Lernerfahrungen. Keine spätere Nachhilfe oder Förde­rung kann dies entscheidend korrigieren. Deshalb sind Er­zieherinnen im. Vorschulbe­reich sowie Regelschul- und Sonderpädagoginnen und pädagogen in der Primarstufe gleichermaßenin die Pflicht genommen, entwicklungsver­zögerte und-gefährdete Kin­der schulvorbereitend zu för­dern. Als wesentliches Fazit der Ar­beitstagung lassen sich zwei Aspekte benennen. Zum einen geht es um die Bündelung al­ler Initiativen und Vorhaben zur Frühförderung im Land Brandenburg mit dem Ziel, ein flexibles Fördersystem im Sin­ne eines Netzwerkes aufzubau­en, das einer Aussonderung in den allgemeinen Schulen be­gegnet. Zum anderen sollten Grund­schulen des Landes um Schul­vorbereitende Einrichtungen strukturell und inhaltlich be­reichert werden. Frühförde­rung im Vorschulbereich ist hier in Verbindung zum späte­ren schulischen Lernen und den Tätigkeitsbereichen in den Kindertagesstätten gut denk­bar. Entwicklungsgefährdete und entwicklungsverzögerte Kinder, vor allem aber solche, die durch Schuleingangsunter­suchungen vom Schulbesuch zurückgestellt wurden, sind hier gezielt zu fördern. Im Unterschied zu vielen an­deren. Bundesländern. ge­schieht das bisher in Branden­burg nicht. Deshalb sollte eine gesetzlich verpflichtende Re­gelung geschaffen werden. Prof. Dr. Gerda Siepmann/ Institut für Sonderpädagogik

Balkan-Initiative

Verschiedene Berlin-Branden­burgische Wissenschafts- ein­richtungen riefen kürzlich eine gemeinsameBalkan-Initiati­ve ins Leben. Den Initiatoren geht es darum, Hilfe von Wis­senschaftlern für Wissenschaft­ler im heutigen Jugoslawien und seinen unmittelbaren Nachbarn zu organisieren. Es

geht ihnen gleichzeitig um wissenschaftliche Hilfe bei den jetzt notwendigen Aufbauan­strengungen.

An Stipendien, Gastprofessu­ren, Austauschprogramme, Sommerkurse, Aufbauwork­shops und die Ausstattung von Symposien ist gedacht, um schnell und unbürokratisch aus

eigener Kraft erste Hilfe zu lei­sten. Darüber hinaus werden sich die Initiatoren um öffent­liche und private Unterstüt­zung und Mittel bemühen. Wer die Balkan-Initiative mit seiner Spende unterstützen möchte, kann dies über folgen­de Bankverbindung tun: Spendenkonto Berlin-Brandenburgische Aka­demie der Wissenschaften, Deutsche Bank, BLZ: 100 700

00, Konto-Nr.: 727 40 20 00, Verwendungszweck: Balkan­Initiative

Kontaktadresse:

Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaf­ten; Dr... Karin Elisabeth Becker, Jägerstraße 22/23, 10117 Berlin(Mitte), Tel.: 030/20 370 583, E-Mail: becker@bbaw.de

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