Wissenschaft aktuell
PUTZ 7/99
Kinder brauchen Hilfe
Jedes sechste Kind lebt unter der Armutsgrenze
Mitte September fand am Institut für Sonderpädagogik im Bereich der Lernbehindertenpädagogik eine in
terdisziplinäre Arbeitstagung zur Frühförderung im Vorschulbereich statt. Die
Teilnehmer kamen aus den verschiedensten Einrichtungen der Frühförderung, aus wissenschaftlichen Institutionen, Schulen und politischen Gremien.
Im Zentrum des Interesses stand die immer größer werdende Gruppe der entwicklungsgefährdeten und-verzögerten Kinder im vorschulischen. Bereich. Aktuellen Untersuchungsergebnissen zur Einschulung im Land Brandenburg ist zu entnehmen, daß Risikofaktoren für die kindliche Entwicklung ansteigen. In besonderer Weise zeigen sich diese im Gesundheitszustand;-im-— Verhalten, im Denken und, in..der Lernleistung sowie in der Sprachentwicklung. Was sich an gesundheitlichen und Entwicklungsrisiken in Brandenburg abzeichnet, findet leider deutschlandweit vielfältige Bestätigung. So ist dem Bericht über die Lebenssituation von Kindern in Deutschland aus dem Jahre 1998 zu entnehmen, daß inzwischen jedes sechste Kind unterhalb der Armutsgrenze lebt. Etwa; 25: Prozent„der Drei- bis Vierjährigen sind in der sprachlichen und häufig auch in der geistigen Entwicklung zurückgeblieben. Ende 1973 waren es vergleichsweise
Schule soll Spaß machen. Damit auch entwicklungsgefährdete und—verzögerte Kinder Freude am Lernen haben, fordern Pädagogen deren frühzeitige Förderung und die Schaffung geeigneter Schulvorbereitender Einrich
tungen im Land Brandenburg.
nur vier Prozent. Beratung und Hilfe für Kinder und Eltern ergibt sich als logische Folgerung. Zentrales Anliegen der Arbeitstagung war deshalb auch die vorschulische Förderung potentiell schulleistungsversagender beziehungsweise lernbehinderter Kinder.
So wurden beispielsweise solche Themenbereiche beleuchtet, wie Belastungsfaktoren für lernbehinderte Schülerinnen und Schüler im Land Brandenburg, Qualitätsmerkmale für den Kooperationsprozeß zwischen Eltern und Fachleuten, theoretische Ansätze und Ergebnisse einer in Kindertagesstätten integrierten und spieltherapeutisch orientierten Förderung. Auch Ergebnisse aus Untersuchungen zur vorschulischen Entwicklung des aktiven Selbst, zur kognitiven Befähigung sowie zu familienun
Foto: Tribukeit
terstützenden Diensten wurden dargestellt und diskutiert. Es ist davon auszugehen, daß ein Großteil der entwicklungsverzögerten Kinder im Vorschulbereich mit erschwerten Lebens- und Lernbedingungen konfrontiert ist. Sie zeigen sich vor allem in schwierigen sozioökonomischen, gungsarmen soziokulturellen und psychosozialen Bedingungen, die erfolgreiches schulisches Lernen sehr erschweren oder gar nicht ermöglichen. Deshalb kommt es darauf an, gefährdeten und sozial benachteiligten Kindern bereits im Alter von drei bis sechs Jahren günstige Startbedingungen für den Schuleintritt zu verschaffen. Denn so wie Begabung und gute Lernleistungen in großem Maße auch das Ergebnis bisheriger Lernprozesse sind, so sind Lernversagen und
anre
Leistungsschwäche mit zunehmendem Alter auch ein Defizit an Lernerfahrungen. Keine spätere Nachhilfe oder Förderung kann dies entscheidend korrigieren. Deshalb sind Erzieherinnen im. Vorschulbereich sowie Regelschul- und Sonderpädagoginnen und —pädagogen in der Primarstufe gleichermaßen„in die Pflicht genommen“, entwicklungsverzögerte und-gefährdete Kinder schulvorbereitend zu fördern. Als wesentliches Fazit der Arbeitstagung lassen sich zwei Aspekte benennen. Zum einen geht es um die Bündelung aller Initiativen und Vorhaben zur Frühförderung im Land Brandenburg mit dem Ziel, ein flexibles Fördersystem im Sinne eines Netzwerkes aufzubauen, das einer Aussonderung in den allgemeinen Schulen begegnet. Zum anderen sollten Grundschulen des Landes um Schulvorbereitende Einrichtungen strukturell und inhaltlich bereichert werden. Frühförderung im Vorschulbereich ist hier in Verbindung zum späteren schulischen Lernen und den Tätigkeitsbereichen in den Kindertagesstätten gut denkbar. Entwicklungsgefährdete und entwicklungsverzögerte Kinder, vor allem aber solche, die durch Schuleingangsuntersuchungen vom Schulbesuch zurückgestellt wurden, sind hier gezielt zu fördern. Im Unterschied zu vielen anderen. Bundesländern. geschieht das bisher in Brandenburg nicht. Deshalb sollte eine gesetzlich verpflichtende Regelung geschaffen werden. Prof. Dr. Gerda Siepmann/ Institut für Sonderpädagogik
Balkan-Initiative
Verschiedene Berlin-Brandenburgische Wissenschafts- einrichtungen riefen kürzlich eine gemeinsame„Balkan-Initiative“ ins Leben. Den Initiatoren geht es darum, Hilfe von Wissenschaftlern für Wissenschaftler im heutigen Jugoslawien und seinen unmittelbaren Nachbarn zu organisieren. Es
geht ihnen gleichzeitig um wissenschaftliche Hilfe bei den jetzt notwendigen Aufbauanstrengungen.
An Stipendien, Gastprofessuren, Austauschprogramme, Sommerkurse, Aufbauworkshops und die Ausstattung von Symposien ist gedacht, um schnell und unbürokratisch aus
eigener Kraft erste Hilfe zu leisten. Darüber hinaus werden sich die Initiatoren um öffentliche und private Unterstützung und Mittel bemühen. Wer die Balkan-Initiative mit seiner Spende unterstützen möchte, kann dies über folgende Bankverbindung tun: Spendenkonto Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Deutsche Bank, BLZ: 100 700
00, Konto-Nr.: 727 40 20 00, Verwendungszweck: BalkanInitiative
Kontaktadresse:
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften; Dr... Karin Elisabeth Becker, Jägerstraße 22/23, 10117 Berlin(Mitte), Tel.: 030/20 370 583, E-Mail: becker@bbaw.de
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