Kultur
PUTZ 7/99
Drama im Cafe
Das Ritterzimmer liegt in der ersten Etage des Potsdamer Brauereirestaurants „Fliegender Holländer“. Hier versammeln sich zweimal im Semester sechs bis neun Studierende unter Leitung ihrer Professorin Herta Schmid aus dem Institut für Slavistik der Uni Potsdam, um dramatische Texte der Slavistik literaturwissenschaftlich zu interpretieren.
Meist wird aktiv, oft aber sehr aktiv gearbeitet. Und ganz bewußt soll das an einem Ort außerhalb der Universität sein, so wie vergleichsweise kreatives Komponieren befördert wird, wenn Studierende sich im häuslichen Arbeitszimmer um ihren Dozenten am Flügel gruppieren.
Schon vor vier Jahren wurde die Veranstaltungsreihe„Nachbarn aus Mitteleuropa. Dichterlesungen in Potsdam“, die in MatschkesGalerieCafe stattfand, begründet. Drama im Cafe knüpft daran an. Mittlerweile gab es schon die achte Sitzung, zuletzt standen die Handlungsanalyse und die Aufschlüsselung der mythologischen Namen in Jean Paul Sartres Stück„Die Fliegen“ auf dem Programm. Frei und ungezwungen finden die Dramenfreunde zueinander, sie eint die Leidenschaftlichkeit des Denkvergnügens, der gekonntspielerische Umgang mit literarischen Sujets. Aufmerksam verfolgen sie den ausgearbeite
Märchentypologie
Die deutsche Müärchenforschung hat als Zweig der germanistischen Volkskunde internationale Klassifikationen hervorgebracht. Hierzu gehören außer dem Verzeichnis der Märchentypik von Antti Aarne (1910) vor allem der Katalog The‘ Types of the. Folktale (Antti Aarne und Stith Thompson) von 1964. Was der Germanist und Märchenkundler Diether Röth jetzt mit seinem „Kleinen Typenverzeichnis der europäischen Zauber- und Novellenmärchen“ vorlegt, bean
ten Vortrag eines Kommilitonen, um danach analysierend, erörternd, kommentierend die Themen„Sprechakt“,„Figurenensemble“,„Handlungsstruktur“ bezogen auf das Dramenstück zu diskutieren. SchauCharakter hat die Arbeit des erlesenen Kreises nicht, und dies wird auch nicht angestrebt. Melden sich allerdings neue Mitstreiter oder Beobachter, dann ist es von höchstem Nutzen und geradezu unverzichtbar, nicht nur den jeweils im Institut ausliegenden Text zu studieren, sondern auch die eine oder andere Sekundärquelle hilfreich heranzuziehen. Ein vereinbartes analytisches „Handwerkszeug“ ist Gustav Freytags Modell der Dramenanalyse. In vorangegangenen Veranstaltungen standen unter anderem Harold! Pinters „Moonlight“ auf dem Plan, im Hans Otto Theater konnten Proben zu Anton Tschechows Stück„Die Möwe“ besucht und der Regisseur Alexander Hawemann auch in die laufende Semesterarbeit einbezogen werden. Innerhalb der Universität gab es bisher die Zusammenarbeit mit den Professoren Norbert Franz und Martin Brunkhorst und der Leiterin der„English Drama Group“, Dr. Hiltrud Wedde. Am Ende einer jeden Sitzung wird beraten, welches Werk des Literaturkanons beim nächsten Mal am Tisch des Ritterzimmers verhandelt werden soll.
Dr. Thomas Freitag/PÖK
Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik
Der Untertitel des Buches lautet:„Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule“; jener historisch einzigartigen Schule, zu der gewöhnlich Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und aus der nächsten Generation das heutige Haupt dieses Philosophenkreises, der Theoretiker des politischen Linksliberalismus, Jürgen Habermas, gezählt werden. 1949 als Jahr der Gründung der Bundesrepublik und Jahr der— zeitweisen—
Campus Abb.zg. Rückkehr Horkheimers und Adornos nach Deutschland,
wird als Ausgangsdatum der von fünf Hochschullehrern verfaßten Studie gewählt. Damit ist mit besonderer Absicht die Zeit der Entstehung der Schule in der Weimarer Republik und die Zeit der Emigration ihrer führenden Vertreter ausgespart geblieben. Mit Nachdruck wird darauf verwiesen, keine geschlossene Theoriegeschichte zu liefern, son
sprucht zwar den Charakter eines Handbuches, um neue wissenschaftliche Erkenntnisse ging es dabei aber nicht. Vielmehr sollen sich die Nutzer des Buches, dies sind Fachleute und ungeschulte Müärchenfreunde in gleichem Maße, in den unübersichtlich erscheinenden Erzähltexten künftig besser zurechtfinden und über den Grimmschen Märchenschatz hinaus auch den Blick auf das europäische Märchen richten.„Drachentöter“,Dä: umlein“,„Froschkönig“,„Fischer und seine Frau“— dies sind bekannte Märchentypen.
Weniger landläufige Benennungsvorschläge unterbreitet der Autor beispielsweise mit „Verschlafenes Stelldichein“, „Tiermädchen“,„Magisches Feuerzeug“ oder„Geschlechtswechsel“, wobei er ein Märchen dann nach einer jeweiligen Typik ordnet, wenn es mit wenigstens fünf Varianten vertreten ist. Es folgt eine Skizze des Handlungsverlaufs der Märchen, die Angabe von Varianten, Literatur und Bemerkungen über die ungefähre Verbreitung des Typs samt dessen ältester Quelle, so daß ein leserfreundliches, von der Mär
dern der Wirkmächtigkeit der Geschichte des ursprünglichen Frankfurter Instituts für Sozialforschung nachzugehen— hierzu gehört ganz auffällig das derzeit extrem gesteigerte und Öffentlich geführte erkenntnistheoretische LinksRechts-Spiel der beiden bekanntesten zeitgenössischen Philosophen Peter Sloterdijk und Jürgen Habermas.
Von drei Perspektiven gehen die Autoren Clemens Albrecht, Günter C. Behrmann, Michael Bock, Harald Homann und Friedrich H. Tenbruck aus: der der Zeitzeugen, der Anhänger und der Gegener der Frankfurter Schule.„Kritische Theorie“ — die Terminologie findet sich erstmals in Horkheimers Aufsatz von 1937„Traditionelle und kritische Theorie“. Sie hätte, so die Verfasser, innerhalb der Philosophengruppe „keine exklusive, selbstidentifi
zierende Funktion, sondern eine selbstzuordnende“, außerdem sei die Kritische
Theorie„selbst das Ergebnis der Wirkung und nicht von ihr ablösbar“. PUTZ
Clemens Albrecht, Günter C. Behrmann, Michael Bock, Harald Homann, Friedrich H. Tenbruck: Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der. Frankfurter Schule, Campus Verlag, Frankfurt/New York 1999, ISBN 3-593-36214-7, 649 S., 98,00 DM.
chen-Stiftung Walter Kahn in Auftrag gegebenes Handbuch entstanden ist. Ob außer den Zauber- und Novellenmärchen auch grundsätzliche typenkundliche Werke für Tiermärchen, Schwänke oder legendenartige Märchen an die Seite gestellt werden, bleibt dahingestellt. Dr. T. Freitag, PÖK
Diether Röth: Kleines Typenverzeichnis der europäischen Zauber- und Novellenmärchen, Schneider Verlag, Hohengehren, 1998, 213 Seiten, 36,00 DM, ISBN 3-89676-099-8.
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