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(1.1.2019) 07
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Kultur

PUTZ 7/99

Drama im Cafe

Das Ritterzimmer liegt in der ersten Etage des Potsda­mer Brauereirestaurants Fliegender Holländer. Hier versammeln sich zwei­mal im Semester sechs bis neun Studierende unter Lei­tung ihrer Professorin Herta Schmid aus dem Institut für Slavistik der Uni Potsdam, um dramatische Texte der Slavistik literaturwissen­schaftlich zu interpretieren.

Meist wird aktiv, oft aber sehr aktiv gearbeitet. Und ganz be­wußt soll das an einem Ort außerhalb der Universität sein, so wie vergleichsweise kreatives Komponieren befördert wird, wenn Studierende sich im häuslichen Arbeitszimmer um ihren Dozenten am Flügel gruppieren.

Schon vor vier Jahren wurde die VeranstaltungsreiheNach­barn aus Mitteleuropa. Dich­terlesungen in Potsdam, die in MatschkesGalerieCafe statt­fand, begründet. Drama im Cafe knüpft daran an. Mittler­weile gab es schon die achte Sitzung, zuletzt standen die Handlungsanalyse und die Aufschlüsselung der mytholo­gischen Namen in Jean Paul Sartres StückDie Fliegen auf dem Programm. Frei und un­gezwungen finden die Dra­menfreunde zueinander, sie eint die Leidenschaftlichkeit des Denkvergnügens, der gekonnt­spielerische Umgang mit litera­rischen Sujets. Aufmerksam verfolgen sie den ausgearbeite­

Märchentypologie

Die deutsche Müärchenfor­schung hat als Zweig der ger­manistischen Volkskunde inter­nationale Klassifikationen her­vorgebracht. Hierzu gehören außer dem Verzeichnis der Märchentypik von Antti Aarne (1910) vor allem der Katalog The Types of the. Folktale (Antti Aarne und Stith Thomp­son) von 1964. Was der Ger­manist und Märchenkundler Diether Röth jetzt mit seinem Kleinen Typenverzeichnis der europäischen Zauber- und No­vellenmärchen vorlegt, bean­

ten Vortrag eines Kommilito­nen, um danach analysierend, erörternd, kommentierend die ThemenSprechakt,Figu­renensemble,Handlungs­struktur bezogen auf das Dra­menstück zu diskutieren. Schau­Charakter hat die Arbeit des er­lesenen Kreises nicht, und dies wird auch nicht angestrebt. Melden sich allerdings neue Mitstreiter oder Beobachter, dann ist es von höchstem Nut­zen und geradezu unverzicht­bar, nicht nur den jeweils im Institut ausliegenden Text zu studieren, sondern auch die eine oder andere Sekundär­quelle hilfreich heranzuziehen. Ein vereinbartes analytisches Handwerkszeug ist Gustav Freytags Modell der Dramen­analyse. In vorangegangenen Veranstaltungen standen unter anderem Harold! Pinters Moonlight auf dem Plan, im Hans Otto Theater konnten Proben zu Anton Tschechows StückDie Möwe besucht und der Regisseur Alexander Hawemann auch in die laufen­de Semesterarbeit einbezogen werden. Innerhalb der Univer­sität gab es bisher die Zusam­menarbeit mit den Professoren Norbert Franz und Martin Brunkhorst und der Leiterin derEnglish Drama Group, Dr. Hiltrud Wedde. Am Ende einer jeden Sitzung wird bera­ten, welches Werk des Litera­turkanons beim nächsten Mal am Tisch des Ritterzimmers verhandelt werden soll.

Dr. Thomas Freitag/PÖK

Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik

Der Untertitel des Buches lau­tet:Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule; jener historisch einzigartigen Schu­le, zu der gewöhnlich Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und aus der nächsten Generation das heutige Haupt dieses Phi­losophenkreises, der Theoreti­ker des politischen Linkslibera­lismus, Jürgen Habermas, ge­zählt werden. 1949 als Jahr der Gründung der Bundesrepublik und Jahr der zeitweisen

Campus Abb.zg. Rückkehr Horkheimers und Adornos nach Deutschland,

wird als Ausgangsdatum der von fünf Hochschullehrern verfaßten Studie gewählt. Da­mit ist mit besonderer Absicht die Zeit der Entstehung der Schule in der Weimarer Repu­blik und die Zeit der Emigrati­on ihrer führenden Vertreter ausgespart geblieben. Mit Nachdruck wird darauf verwie­sen, keine geschlossene Theo­riegeschichte zu liefern, son­

sprucht zwar den Charakter ei­nes Handbuches, um neue wis­senschaftliche Erkenntnisse ging es dabei aber nicht. Viel­mehr sollen sich die Nutzer des Buches, dies sind Fachleute und ungeschulte Müärchen­freunde in gleichem Maße, in den unübersichtlich erschei­nenden Erzähltexten künftig besser zurechtfinden und über den Grimmschen Märchen­schatz hinaus auch den Blick auf das europäische Märchen richten.Drachentöter,Dä: umlein,Froschkönig,Fi­scher und seine Frau dies sind bekannte Märchentypen.

Weniger landläufige Benen­nungsvorschläge unterbreitet der Autor beispielsweise mit Verschlafenes Stelldichein, Tiermädchen,Magisches Feuerzeug oderGe­schlechtswechsel, wobei er ein Märchen dann nach einer je­weiligen Typik ordnet, wenn es mit wenigstens fünf Varianten vertreten ist. Es folgt eine Skiz­ze des Handlungsverlaufs der Märchen, die Angabe von Vari­anten, Literatur und Bemer­kungen über die ungefähre Verbreitung des Typs samt des­sen ältester Quelle, so daß ein leserfreundliches, von der Mär­

dern der Wirkmächtigkeit der Geschichte des ursprünglichen Frankfurter Instituts für Sozi­alforschung nachzugehen hierzu gehört ganz auffällig das derzeit extrem gesteigerte und Öffentlich geführte er­kenntnistheoretische Links­Rechts-Spiel der beiden be­kanntesten zeitgenössischen Philosophen Peter Sloterdijk und Jürgen Habermas.

Von drei Perspektiven gehen die Autoren Clemens Albrecht, Günter C. Behrmann, Michael Bock, Harald Homann und Friedrich H. Tenbruck aus: der der Zeitzeugen, der Anhänger und der Gegener der Frankfur­ter Schule.Kritische Theorie die Terminologie findet sich erstmals in Horkheimers Auf­satz von 1937Traditionelle und kritische Theorie. Sie hätte, so die Verfasser, inner­halb der Philosophengruppe keine exklusive, selbstidentifi­

zierende Funktion, sondern eine selbstzuordnende, außerdem sei die Kritische

Theorieselbst das Ergebnis der Wirkung und nicht von ihr ablösbar. PUTZ

Clemens Albrecht, Günter C. Behrmann, Michael Bock, Harald Homann, Friedrich H. Tenbruck: Die intellektu­elle Gründung der Bundes­republik. Eine Wirkungsge­schichte der. Frankfurter Schule, Campus Verlag, Frankfurt/New York 1999, ISBN 3-593-36214-7, 649 S., 98,00 DM.

chen-Stiftung Walter Kahn in Auftrag gegebenes Handbuch entstanden ist. Ob außer den Zauber- und Novellenmärchen auch grundsätzliche typen­kundliche Werke für Tiermär­chen, Schwänke oder legen­denartige Märchen an die Seite gestellt werden, bleibt dahin­gestellt. Dr. T. Freitag, PÖK

Diether Röth: Kleines Ty­penverzeichnis der europä­ischen Zauber- und Novel­lenmärchen, Schneider Ver­lag, Hohengehren, 1998, 213 Seiten, 36,00 DM, ISBN 3-89676-099-8.

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