Wissenschaft aktuell
Konkurrenz für die Müllverbrennung
Neue Verfahren fast ausgereift
Ökologen können sich freuen: Die Mechanisch-Biologische Vorbehandlung(MBV) von Abfällen soll der Müllverbrennung rechtlich gleich gestellt werden. Die wissenschaftliche Basis dazu liefert ein Forschungsvorhaben, das Umweltwissenschaftler der Uni Potsdam koordiniert haben.
„Die mechanisch-biologische Abfallbehandlung kann sich Ökologisch mit der Müllverbrennung durchaus vergleichen“, stellt Konrad Soyez zufrieden ‚fest. Soyez: leitet‘»die Forschungsgruppe Ödkotechnologie am Zentrum für Umweltwissenschaften der Universität Potsdam und ist Koordinator des Verbundvorhabens „Mechanisch-Biologische Behandlung von zu deponierenden Abfällen“.
Mehr Recycling
Aufgabe der Umweltwissenschaftler war neben der Koordination die ökologische Bewertung der„kalten Verfahren“. Bei der MBV wird Müll aus Haushalten zunächst gesiebt und zerkleinert und so von brennbaren Stoffen wie Plastik, Papier und Holz befreit. Außerdem können Metalle und andere Wertstoffe aussortiert werden. Die übrigen organischen Abfälle, Aschen und Steinchen werden dann in speziellen Anlagen verrottet:"oder vergoren‘., und anschließend deponiert. Umweltschützer sehen in der MBV die Chance, mehr Abfälle zu recyceln. In der Müllverbrennnung, so ihr Argument, gehen zu viele wertvolle Stoffe verloren.
Im Audimax der Uni Potsdam hat der Forschungsverbund kürzlich vor 350 Wissenschaftlern aus Deutschland und angrenzenden Ländern die Ergebnisse der KEinzelprojekte vorgestellt: Danach sind die Umwelt-Auswirkungen der 23 heute bestehenden, großtechnischen Mechanisch-Biologischen Anlagen noch sehr un
terschiedlich. Aber inzwischen sei klar, wie man den biologischen Teil der Behandlung verbessern kann. Das Bundesministerium für Forschung hat diese Untersuchungen mit 14 Millionen Mark unterstützt.
Nach einem sechsjährigen
Streit um die Zulässigkeit von
Durch die„kalten Verfahren“ sollen in Zukunft weniger Wertstoffe auf der Deponie landen.
sogenannten„kalten Verfahren“ soll darum der rechtlich gegebene Zwang zur Müllverbrennung aufgehoben werden. In Zukunft können Kommunen, die keine Müllverbrennungsanlage bauen wollen, ihre Restabfälle sortieren, einen Teil biologisch vorbehandeln und die Reste auf der Deponie ablagern. Lediglich die brennbaren Abfälle sollen in Müllverbrennungs- und Industrieanlagen verbrannt werden. „Die Kommunen können sich nun die kostengünstigere Alternative zwischen MBV und Müllverbrennung aussuchen“, sagt Bernd Engelmann vom Umweltbundesamt. Die Kosten der Müllverbrennung schwanken zwischen 100 und 400 DM je Tonne Abfall, bei den„kalten Verfahren“ zwischen 100 und 200 DM.
PUTZ 8/99
Strenge Auflagen
Die vorgelegten Forschungsergebnisse machen für die MBV strenge Auflagen an die Abluft und die Qualität der Stoffe, die noch auf die Deponie gehen. Bernhard Remde, Leiter der Abteilung Abfallwirtschaft im heutigen Ministerium für Landwirtschaft, Umweltschutz und Raumordnung Brandenburg, sieht darum das Ende für die„Billig-MBV“, wie man sie heute in Brandenburg findet: „In wenigen Jahren werden nur noch High-Tech Anlagen
zugelassen.“ Bei diesen Anlagen würden die ersten Phasen der Mülltrennung und biologischen Behandlung in geschlossenen Hallen und mit Ablufterfassung betrieben. Ob dann eine MBA oder MVA die billigere Lösung ist, sei von Ort zu Ort unterschiedlich:„Wenn eine Kommune genügend Deponieraum hat, kann die MBA billiger sein.“ Müsste die Kommune aber zusätzlich zur MBA eine Deponie neu bauen, dann sei eventuell die Müllverbrennung billiger. mf
Foto: Franken
Sachgerechte Entscheidung
Die Ergebnisse der Forschungsgruppe Ökotechnologie helfen mit, die Grundlagen für ein neues Abfallrecht zu schaffen. Ein Kommentar von Konrad Soyez, Leiter der Forschungsgruppe Ökotechnologie am Zentrum für Umweltwissenschaften der Uni Potsdam.
Das Bundesumweltministerium (BMU) hat am 24. August dieses Jahres seine neue Strategie für die Abfallwirtschaft vorgestellt. Sie soll demnach Teil einer nachhaltigen Stoffwirtschaft sein, soll die bisher umstrittenen mechanischbiologischen Verfahren(MBV) einschließen und nach 2020 ohne Deponien auskommen. Eingeflossen sind erfreulicherweise die Ergebnisse eines BMBF-Verbundvorhabens zur MBV mit bundesweit 18 Projekten in 30 Institutionen, das seit 1995 von der ForschungsAruppe Ökotechnologie koordiniert wird.
Zur Umsetzung will das BMU die beteiligten Kreise direkt einbeziehen. Bei der ersten Anhörung mit Staatssekretär Rainer Baake und 250 Fachleuten am 24. September konnte ich als Koordinator des Verbundes die Positionen meiner Arbeitsgruppe vortragen und weiteren Forschungsbedarf skizzieren. Die Ergebnisse der Anhörung werden publiziert und sollen eine Grundlage für die weitere Diskussion sein. Die Sacharbeit soll sichern, daß Kabinett und Bundesrat bis Mitte 2000 über neue Regelungen entscheiden können.
Der mit der Anhörung in Gang gesetzte Prozeß stellt aus meiner Sicht einen begrüßenswerten Weg dar, wie Forschungsergebnisse wirksam gemacht und wie sachgerechte Entscheidungen der Politik vorbereitet werden sollten.
N