PUTZ 8/99
Wissenschaft aktuell
Dem Gehirn die Geheimnisse abringen
Psychologe und Physiker im gemeinsamen Uni-Projekt
Menschen brauchen in der Regel lange, bis sie verschiedene motorische und kognitive Tätigkeiten gleichzeitig in guter Qualität erledigen können. Das eine läßt sich oftmals nur schwer mit dem anderen koordinieren. Für den Körper stellen sich höchste Anforderungen, vor allem für die Steuerungsmechanismen im Kopf. Der Psychologe Dr. Ralf Krampe und der Physiker Dr. Ralf Engbert aus dem Innovationskolleg„Formale Modelle kognitiver Komplexität“ der Uni Potsdam beschäftigen sich deshalb damit, was im Gehirn passiert, wenn verschiedene mentale Prozesse koordiniert werden müssen.
Dem Problem gehen die Wissenschaftler in ihrem_Forschungsvorhaben„Interferenzen von Bewegungskontrolle und mentalen Operationen“ nach. Ganz zufällig ist die Forschungsarbeit freilich nicht. Sie ergibt sich aus dem Teilprojekt „Synchronisation kognitivmotorischer Prozesse“, dessen fünfjährige Finanzierung durch‘‘die; Deutsche Forschungsgemeinschaft zwar gerade zum Abschluß kam, inhaltlich dennoch seine Fortsetzung findet.
Theoretische Physik hilft Bei‘ der Lösung“der Forschungsaufgabe stehen die Experten vor einem handfesten Hindernis. Denn wie das Gehirn die verschiedenen Abläufe steuert, ist weder zu sehen noch unmittelbar festzustellen. Hilfreich aber sind Verfahren der theoretischen Physik: Ein mathematisches Modell kann die gesammelten Daten formal beschreiben. Mit den Methoden nichtlinearer Dynamik lassen sich dann aus den Abweichungen in der Koordination beider Prozesse Muster erkennen, die Rückschlüsse auf die Bewegungssteuerung zulassen. So können später die in der Grundlagenforschung erhaltenen Ergebnisse Nutzen in der Praxis bringen, etwa beim
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Training bestimmter Fertigkeiten.
Experiment mit der Trommel
Die Versuchspersonen, jeweils 24 über 65-Jährige und 24 Gymnasiasten, müssen in regelmäßigen Intervallen auf eine Trommel schlagen und dabei gleichzeitig fortlaufend auf dem Monitor erscheinende Zahlen beziehungsweise Ziffernfolgen addieren. Damit jede Handlung auch genau erfaßt wird, ist die Trommel über ein sogenanntes DrumSet mit dem Computer verbunden. Ein Vorteil: Nach dem jeweiligen Durchgang gibt es per Balkendiagramm
ganzen präsentiert der Bildschirm bei jedem Durchgang von rund 30 bis 60 Anschlägen neun Zifferndarbietungen.
Rechnen in Etappen
Das Experiment umfasst zwei Variationen. Sie betreffen den zeitlichen Ablauf. Das Vorgabe-Tempo für die motorische Aufgabe des Trommelns beträgt zum einen 300, zum anderen 600 Millisekunden. Immer gleich aber stellt sich die Art der dabei abzuarbeitenden insgesamt vier Etappen von „Rechenaufgaben‘“ dar;; die eine konsequente Steigerung des Anforderungsniveaus beinhalten. Dies zu bewältigen, schaffen zwar die Älteren, die
Die 68-jährige Uschy Geier gehört zum Kreis der insgesamt 48 Teilnehmer an der Studie. Das hier erfolgende Training ihres Arbeitsgedächtnisses
macht ihr Spaß.
gleich die Auswertung des Geleisteten. Der Ausführende erkennt sofort, wo und in welchem Ausmaß Schwierigkeiten bestehen. Daß sie überhaupt kommen, scheint angesichts der Anlage des Versuchs fast selbstverständlich. Schließlich hören die Probanden nur zu Beginn eine stetige Taktvorgabe, sobald der eigene Einsatz erfolgt,„spielt“ der Computer den Ton des Metronoms lediglich für einige Zyklen mit, und der Agierende bemüht sich nun, das Vorgabetempo allein zu halten. Nach kurzer Zeit schon erscheinen in zufälligen Abständen schnell wieder verschwindende Zahlen, mit denen mentale Operationen durchzuführen sind. Im
Foto: Tribukeit
Jüngeren steigen jetzt erst in die Studie ein, doch ganz ohne Probleme geht es nicht. Petra Grüttner, die die einzelnen Sitzungen als psychologisch-technische Assistentin aus praktischer: Sicht: leitet, kennt ‚die „Tücken“! genau.„Der Versuch‘; sagt! sie,„erfordert Konzentration. Immerhin sollen unsere Versuchspersonen ein hohes Anforderungspensum meistern, bei dem verschiedene Aspekte eine Rolle spielen. Dazu gehören Fähigkeiten wie Reaktionsaufnahme, Verarbeitung der Information, Zwischenspeicherung, optisches Wahrnehmungsvermögen, die manuelle Fähigkeit des Trommelns und nicht zuletzt die des Lösens kompli
zierter kognitiver Aufgabenstellungen.“ Genau sechs rund 90-minütige Sitzungen dienen dem Sammeln von Fakten.
Erste Ergebnisse
Die Wissenschaftler interessiert die Genauigkeit, mit der die Bewegung in Abhängigkeit von der Störung durch die jeweiligen parallelen mentalen Operationen kontrolliert werden kann.„Obwohl man vermuten mag, dass sich Kopfrechnen und eine einfache manuelle Bewegung nicht sonderlich stören, zeigen unsere derzeit vorliegenden Ergebnisse, dass dies dennoch der Fall ist“, konstatiert Ralf Krampe. Seine Daten belegen: Je schwerer die gleichzeitige Rechenaufgabe, desto stärker die Tendenz zum veränderten Schlagrhythmus. Das Tempo wirklich zu halten, wird schwieriger. Und: Nach der Präsentation der Ziffern gibt es eine leichte Unregelmäßigkeit in der Dauer der produzierten Intervalle.
Hypothesen vor Bestätigung Experten gehen davon aus, dass Menschen über begrenzte Ressourcen für Aufmerksamkeitsprozesse verfügen. Die Potsdamer Untersuchung zielt darauf ab herauszufinden, inwieweit bei älteren Personen diese Kapazität möglicherweise begrenzter als bei jüngeren Leuten ist. Eine Bestätigung der Annahme liegt jedoch noch nicht endgültig vor. Dazu fehlen gegenwärtig letzte Daten der Teilnehmer aus den Gymnasien. Fest steht jedoch, dass sich in diesem Fall in der Doppelaufgaben-Situation bei den älteren Personen vergleichsweise größere Störungen in der Bewegungssteuerung zeigen. Zudem vermuten die Fachleute weniger Effektivität im„Management“ wechselnder Anforderungen bei simultanen Aufgaben. Die bereits erhaltenen Resultate deuten auf die Bestätigung beider Hypothesen.
P.G.