Heft 
(1.1.2019) 08
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PUTZ 8/99

Studiosi

Radfahrer reisen dritter Klasse

Willkommen in Potsdam. Selbst an den Fahrradständern wird es eng. Foto: Franken

Den Rad-Pendlern stinkt es. Erst sind die Regionalzüge überfüllt, dann müssen sie ihr Rad durch lange Gänge am neuen Potsdamer Haupt­bahnhof schieben. Doch die Bahn meint: Sie sind nicht unsere wichtigste Zielgrup­pe. Marcus Franken hat sich für die PUTZ am Potsdamer Bahnhof umgehört.

Spätestens am Bahnhof Zoo geht der Ärger los."Wieder nur ein Fahrradwagen", stöhnt die Studentin, als der Regio­nalzug langsam um die Ecke biegt. Auf dem Bahnsteig tum­meln sich neben Pendlern und Touristen auch 20 bis 30 Rad­fahrer- viele davon Studenten an der Uni Potsdam und an der Fachhochschule. Denn rund die Hälfte der 12000 Studenten in Potsdam wohnt

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in Berlin und muss jeden Tag mit dem Rad, der S-Bahn, dem Auto oder dem Zug pendeln. Gut 20 Minuten braucht der Regionalzug vom Zoo bis Potsdam, nur wenig länger bis Bahnhof Sanssouci(früher Wildpark), der Station am Neuen Palais. Weil die S-Bahn fast doppelt so lange unter­wegs ist, sind die Züge mor­gens meist überfüllt.

Logistik

und Hilfe

Schon am Zoo wird das Ein­steigen mit dem Rad zur logi­stischen Großtat: Besonders wenn- wie an diesem Herbst­morgen- die Bahn nur einen der auffälligen Doppelstock­wagen mit den Radabteilen einsetzt. Dann werden die Rä­der in das schmale Fahrradab­teil gequetscht, vor den Türen gestapelt und zum Parken so­

Reisende mit Rad sind nicht im Blick

gar die Stufen zum oberen Ab­teil hochgetragen.Wer steigt wo wieder aus? lautet die Fra­ge. Die nach Sanssouci müssen zuerst einsteigen, dann jene nach Potsdam Stadt. Aber wehe, wenn jemand sein Rad ganz nach hinten stellt und dann als erster in Wannsee wie­der raus muß. Dann wird aus der Übung in Logistik auch noch eine Prüfung in Kommu­nikation und Hilfsbereitschaft.

Warten an der Rolltreppe

"Da muss es einen Ausfall ge­geben haben", entschuldigt sich Bahn-Sprecherin Kathari­na Hartmann. Normalerweise sollte der RE 1 mit zwei Dop­pelstockwagen unterwegs sein. "Wir haben nicht genug von diesen Fahrzeugen, um so ei­nen Ausfall auszugleichen", gesteht sie bedauernd ein. Doch gleichzeitig sind die Radfahrer- das gibt die Bun­desbahn ganz offen zu- nicht die erste Zielgruppe des Staats­betriebes."Die normalen Rei­senden bewegen sich ohne Fahrrad",sagt Ylartmann. Und wer mit dem Rad reise, müsse wissen, dass es"gewisse Schwierigkeiten mit sich bringt".

Doch selbst am neuen Potsda­mer Bahnhof hören die

Was meinen

Echt schade Inke Schramm, 19, Geoöko­logie in Golm "Ich fang gerade erst in Pots­dam an und wohne noch in Berlin. Aber das Pendeln nervt jetzt schon so, dass ich nach Potsdam ziehen will. Ich muss am Alex um 8.15 Uhr losfah­ren, um die Vorlesung um 9.15: Uhr::zu: erreichen. Was nervt, ist ‚das Schieben; im Bahnhof und dass die Bahn so voll ist. Echt schade ist außer­dem, dass es kein Semester­ticket gibt. So muss ich jeden Monat 90,- Mark für das ABC­Ticket der BVG bezahlen." Fortsetzung auf Seite 21

"Schwierigkeiten" nicht auf. Der naheliegendste Weg vom Bahnsteig in die Stadt führt die Rolltreppe hoch. Den Aufzug und die einfache Treppe be­nutzt fast niemand, so gut ha­ben die Architekten sie ver­steckt. Doch vor der Rolltrep­pe heißt es wieder: Warten. Wer schneller oben sein will und sich mit dem Rad in die Menschentraube begibt, ris­kiert böse Blicke von Leuten, die Sorge um ihre frisch gewa­schene Bürokleidung haben.

Schaufensterbummel

Oben angekommen, können die Pedaleure immer noch nicht in die Pedale treten, son­dern müssen ihr Rad erstmal durch die blank gewischten Gänge der neuen Einkaufsmei­le schieben."Es ist hier zu eng und zu gefährlich zum Fah­ren", sagt einer der Wachleute, der aufpasst, dass niemand den Bahnhof zum Radweg macht. Auf die"höfliche Bitte" abzu­steigen, reagieren die meisten

+ prompt und freiwillig- obwohl

die Wachschützer der Bahn keine Strafen verhängen dür­fen. Bußgelder und Strafanzei­gen drohen erst, wenn es ein­mal krachen sollte. Unfälle hat es bisher noch nicht gegeben. Doch das"Schicben. nervt, schließlich nimmt man das Rad mit, um vom Zug möglichst schnell zur Uni zu kommen. Und nicht zum Schaufenster­bummel..

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die Radler?

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Fotos: Franken