PUTZ 8/99
Studiosi
Radfahrer reisen dritter Klasse
Willkommen in Potsdam. Selbst an den Fahrradständern wird es eng. Foto: Franken
Den Rad-Pendlern stinkt es. Erst sind die Regionalzüge überfüllt, dann müssen sie ihr Rad durch lange Gänge am neuen Potsdamer Hauptbahnhof schieben. Doch die Bahn meint: Sie sind nicht unsere wichtigste Zielgruppe. Marcus Franken hat sich für die PUTZ am Potsdamer Bahnhof umgehört.
Spätestens am Bahnhof Zoo geht der Ärger los."Wieder nur ein Fahrradwagen", stöhnt die Studentin, als der Regionalzug langsam um die Ecke biegt. Auf dem Bahnsteig tummeln sich neben Pendlern und Touristen auch 20 bis 30 Radfahrer- viele davon Studenten an der Uni Potsdam und an der Fachhochschule. Denn rund die Hälfte der 12000 Studenten in Potsdam wohnt
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in Berlin und muss jeden Tag mit dem Rad, der S-Bahn, dem Auto oder dem Zug pendeln. Gut 20 Minuten braucht der Regionalzug vom Zoo bis Potsdam, nur wenig länger bis Bahnhof Sanssouci(früher Wildpark), der Station am Neuen Palais. Weil die S-Bahn fast doppelt so lange unterwegs ist, sind die Züge morgens meist überfüllt.
Logistik
und Hilfe
Schon am Zoo wird das Einsteigen mit dem Rad zur logistischen Großtat: Besonders wenn- wie an diesem Herbstmorgen- die Bahn nur einen der auffälligen Doppelstockwagen mit den Radabteilen einsetzt. Dann werden die Räder in das schmale Fahrradabteil gequetscht, vor den Türen gestapelt und zum Parken so
Reisende mit Rad sind nicht im Blick
gar die Stufen zum oberen Abteil hochgetragen.„Wer steigt wo wieder aus?“ lautet die Frage. Die nach Sanssouci müssen zuerst einsteigen, dann jene nach Potsdam Stadt. Aber wehe, wenn jemand sein Rad ganz nach hinten stellt und dann als erster in Wannsee wieder raus muß. Dann wird aus der Übung in Logistik auch noch eine Prüfung in Kommunikation und Hilfsbereitschaft.
Warten an der Rolltreppe
"Da muss es einen Ausfall gegeben haben", entschuldigt sich Bahn-Sprecherin Katharina Hartmann. Normalerweise sollte der RE 1 mit zwei Doppelstockwagen unterwegs sein. "Wir haben nicht genug von diesen Fahrzeugen, um so einen Ausfall auszugleichen", gesteht sie bedauernd ein. Doch gleichzeitig sind die Radfahrer- das gibt die Bundesbahn ganz offen zu- nicht die erste Zielgruppe des Staatsbetriebes."Die normalen Reisenden bewegen sich ohne Fahrrad",“sagt Ylartmann. Und wer mit dem Rad reise, müsse wissen, dass es"gewisse Schwierigkeiten mit sich bringt".
Doch selbst am neuen Potsdamer Bahnhof hören die
Was meinen
Echt schade Inke Schramm, 19, Geoökologie in Golm "Ich fang’ gerade erst in Potsdam an und wohne noch in Berlin. Aber das Pendeln nervt jetzt schon so, dass ich nach Potsdam ziehen will. Ich muss am Alex um 8.15 Uhr losfahren, um die Vorlesung um 9.15: Uhr::zu: erreichen.‘ Was nervt, ist ‚das‘ Schieben; im Bahnhof und dass die Bahn so voll ist. Echt schade ist außerdem, dass es kein Semesterticket gibt. So muss ich jeden Monat 90,- Mark für das ABCTicket der BVG bezahlen." Fortsetzung auf Seite 21
"Schwierigkeiten" nicht auf. Der naheliegendste Weg vom Bahnsteig in die Stadt führt die Rolltreppe hoch. Den Aufzug und die einfache Treppe benutzt fast niemand, so gut haben die Architekten sie versteckt. Doch vor der Rolltreppe heißt es wieder: Warten. Wer schneller oben sein will und sich mit dem Rad in die Menschentraube begibt, riskiert böse Blicke von Leuten, die Sorge um ihre frisch gewaschene Bürokleidung haben.
Schaufensterbummel
Oben angekommen, können die Pedaleure immer noch nicht in die Pedale treten, sondern müssen ihr Rad erst’mal durch die blank gewischten Gänge der neuen Einkaufsmeile schieben."Es ist hier zu eng und zu gefährlich zum Fahren", sagt einer der Wachleute, der aufpasst, dass niemand den Bahnhof zum Radweg macht. Auf die"höfliche Bitte" abzusteigen, reagieren die meisten
+ prompt und freiwillig- obwohl
die Wachschützer der Bahn keine Strafen verhängen dürfen. Bußgelder und Strafanzeigen drohen erst, wenn es einmal krachen sollte. Unfälle hat es bisher noch nicht gegeben. Doch‘ das"Schicben. nervt, schließlich nimmt man das Rad mit, um vom Zug möglichst schnell zur Uni zu kommen. Und nicht zum Schaufensterbummel..
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die Radler?
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Fotos: Franken