digitale
Wissenschaft aktuell
PUTZ 4/00
Nicht kleckern, sondern klotzen
Beim Internet hinkt Deutschland noch Jahre hinterher
In der Stadt LaGrange im US-Bundesstaat Georgia hat der Stadtrat beschlossen, die Chancenungleichheit durch einen kostenlosen Kabel-TV-Internet-An
_ schluß für fast alle Haushalte bis zum Ende 2000 zu besei
| tigen.
Zugleich kommen bürgerfreundliche Dienste übers Netz in die Wohnzimmer.
Führerscheinverlängerungen, das Ablesen von Strom- und Gaszählern, Infos zu Kinderbetreuungsmöglichkeiten sol
len so zu Selbstverständlichkei
| Andre
ten avancieren. Davon ist Deutschland noch ein ganzes Stück entfernt. Mit den Gründen für das Nachhinken beim nternet haben sich jetzt aus ökonomischer Sicht auch Prof. Dr. Paul J.J. Welfens und Dr. Jungmittag aus der
Wirtschafts- und Sozialwissen
beträchtliche | und Wachstumseffekte. | Veränderungen dringend not
| schaftlichen Fakultät der Uni
Potsdam in ihrer Studie„Aus
| wirkungen einer Internet Flat | rate auf Wachstum und Be| schäftigung in Deutschland“ | befasst.
| Beide erwarten durch entspre| chende Weichenstellungen für
eine neue digitale Wirtschaft BeschäftigungsDass
wendig seien, zeige nach ihrer
| Ansicht schon allein die derzeit vorhandene Nutzungshäufig| keit des Internets. Hier liege | Deutschland mit etwas über 23 | Prozent klar hinter den USA,
wo bereits 51 Prozent der
| Haushalte mit ihm arbeiteten.
. Preissenkungen nötig
| Den Rückstand bewirken of— fensichtlich unter anderem die | derzeit obligaten hohen Preise | für die Netznutzung.„Die In: ternet-Zugangspreise in der _ Deutschland sind etwa dreimal | so hoch wie in den USA, wo
beziehungsweise in
rund 40 Prozent der Nutzer preiswerte Pauschaltarife in
Anspruch nehmen“, umreißt | Welfens | Deutsche
Die AG
Dilemma. Telekom
das
(DTAG) will nun reagieren. Ab Jahresmitte sol deren Ankündigung, soll es einen monatlichen Pauschaltarif von 99,- DM geben. Das sei jedoch nach wie vor teuer, meint der Wirtschaftswissenschaftler aus der Alma mater- In den/ USA} Kanada, Neuseeland oder Großbritannien zahlten Kunden vergleichsweise 40 bis 50 DM.
Weg vom Schmalband Als fast wichtiger beurteilen die Wissenschaftler eine Veränderung bei der verfügbaren Bandbreite der Übertragungswege. Der Durchbruch zu einem schnellen Internet könnte nach deren Auffassung durch die„Ausbeutung“ des Kabel
TV-Systems passieren. In Deutschland besitzen annähernd 40 Prozent der Haushalte Kabel-TV-An
schluss und rund zwei Drittel davon wären in der Lage, Kabel sofort zu nutzen. Zusatzinvestitionen müssen demnach her. Doch auf dem Weg zur Hebung des„Internet-Goldschatzes“ im Kabel-TV-Netz befindet sich nach Ansicht der Potsdamer Experten ein wesentliches Haupthindernis. Es handelt sich um die Deutsche Telekom AG.„Die hat zumindest in Westdeutschland im Festnetz und im Kabel-TV-System ein Doppelmonopol inne“, konstatiert Welfens. Man habe dort zwar begonnen, aus den neu gegründeten Regionalgesellschaften Teile an andere Investoren zu verkaufen, doch das allein reiche nicht aus. Es fehle der eine weitere Belebung bringende Wettbewerb auf diesem Gebiet. Die DTAG aber sitze überall als Minderheitsaktionär mit am Tisch. Sich selbst Konkurrenz zu machen, bemühe sie sich daher nur wenig. Hier müsse auch die Politik durch stärkere Zwänge handeln.
Deutschland im Zugzwang
Die Uni-Wissenschaftler warten von den Akteuren in
er
Regierung und Parlament mehr Initiative als bisher.„Unterlassene Reformen in der Telekom- und Internetpolitik fordern schließlich ihren Preis“ sagen sic.| Wirklicher Wettbewerb könne laut Studie zur Senkung der Internetzugangspreise um 50 Prozent und zur Entwicklung modernster elektronischer Dienstleistungen führen. Am Ende stünden dann nach ihren Erkenntnissen ein halber Prozentpunkt mehr Sozialprodukt
Jahre, bis man sich international tatsächlich wieder mit an der Spitze befindet. Das aber setzt die Erhöhung von Ausgaben für Information und Kommunikation voraus. Schweden, die USA oder die Schweiz machen es vor: Sie geben dafür gegenwärtig sieben Prozent des Bruttosozialprodukts aus. In Deutschland beträgt die Rate derzeit lediglich fünf Prozent.„Wenn wir also wirklich aufholen wollen, müssen wir mehr investieren. Wir dürfen
Nutzungsdichte ın%
Finnland Schweden| Dänemark
Deutschland
Niederlande f Frankreich Spanien
Großbritannien
Bei der Untersuchung der Internet-Nutzungsdichte von Unternehmen ausgewählter Länder im Jahr 1998 stellten Potsdamer Uni-Wissenschaftler ei
nen Mittelplatz deutscher Firmen fest.
(Aus: Studie„Auswirkungen einer Internet Flat rate auf Wachstum und Beschäftigung in Deutschland“, Potsdam März 2000)
und bis zu 400 000 neue Arbeitsplätze.
Deutschland ist im Zugzwang. Doch die zu lösenden Aufgaben scheinen von beträchtlicher Größe.„Das fängt schon in den Schulen an“, erklärt Welfens. Während beispielsweise in Irland oder auch Finnland bereits alle Schulen am Netz hingen, biete sich in der Bundesrepublik ein eher trauriges Bild. Doch dies soll sich nun ändern. Bis 2002 wollen alle Bundesländer ihre Hausaufgaben erledigen. Nach Einschätzung der Potsdamer Experten verstreichen jedoch vermutlich noch vier bis fünf
nicht kleckern, müssen klotzen“, schlussfolgert Welfens. Auch die jetzt in Aussicht gestellten 20000 green cards helfen voraussichtlich nur wenig. „Die Idee ist zwar nicht schlecht, aber auch nicht neu“, urteilen die Potsdamer. Doch ob ihre Umsetzung überhaupt klappt, bezweifeln sie. „Deutschland ist für führende Fachkräfte auf dem InternetGebiet gar nicht so interessant“, so das Urteil.„Die Leute gehen dorthin, wo es Top-Projekte gibt“, vermuten beide. Gerade hieran mangele es aber.
P.G6.
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