Heft 
(1.1.2019) 04
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digitale

Wissenschaft aktuell

PUTZ 4/00

Nicht kleckern, sondern klotzen

Beim Internet hinkt Deutschland noch Jahre hinterher

In der Stadt LaGrange im US-Bundesstaat Georgia hat der Stadtrat beschlossen, die Chancenungleich­heit durch einen kostenlosen Kabel-TV-Internet-An­

_ schluß für fast alle Haushalte bis zum Ende 2000 zu besei­

| tigen.

Zugleich kommen bürger­freundliche Dienste übers Netz in die Wohnzimmer.

Führerscheinverlängerungen, das Ablesen von Strom- und Gaszählern, Infos zu Kinder­betreuungsmöglichkeiten sol­

len so zu Selbstverständlichkei­

| Andre

ten avancieren. Davon ist Deutschland noch ein ganzes Stück entfernt. Mit den Grün­den für das Nachhinken beim nternet haben sich jetzt aus ökonomischer Sicht auch Prof. Dr. Paul J.J. Welfens und Dr. Jungmittag aus der

Wirtschafts- und Sozialwissen­

beträchtliche | und Wachstumseffekte. | Veränderungen dringend not­

| schaftlichen Fakultät der Uni

Potsdam in ihrer StudieAus­

| wirkungen einer Internet Flat | rate auf Wachstum und Be­| schäftigung in Deutschland | befasst.

| Beide erwarten durch entspre­| chende Weichenstellungen für

eine neue digitale Wirtschaft Beschäftigungs­Dass

wendig seien, zeige nach ihrer

| Ansicht schon allein die derzeit vorhandene Nutzungshäufig­| keit des Internets. Hier liege | Deutschland mit etwas über 23 | Prozent klar hinter den USA,

wo bereits 51 Prozent der

| Haushalte mit ihm arbeiteten.

. Preissenkungen nötig

| Den Rückstand bewirken of­ fensichtlich unter anderem die | derzeit obligaten hohen Preise | für die Netznutzung.Die In­: ternet-Zugangspreise in der _ Deutschland sind etwa dreimal | so hoch wie in den USA, wo

beziehungsweise in

rund 40 Prozent der Nutzer preiswerte Pauschaltarife in

Anspruch nehmen, umreißt | Welfens | Deutsche

Die AG

Dilemma. Telekom

das

(DTAG) will nun reagieren. Ab Jahresmitte sol deren Ankündigung, soll es einen monatlichen Pauschaltarif von 99,- DM geben. Das sei jedoch nach wie vor teuer, meint der Wirtschaftswissenschaftler aus der Alma mater- In den/ USA} Kanada, Neuseeland oder Großbritannien zahlten Kun­den vergleichsweise 40 bis 50 DM.

Weg vom Schmalband Als fast wichtiger beurteilen die Wissenschaftler eine Verän­derung bei der verfügbaren Bandbreite der Übertragungs­wege. Der Durchbruch zu ei­nem schnellen Internet könnte nach deren Auffassung durch dieAusbeutung des Kabel­

TV-Systems passieren. In Deutschland besitzen annähernd 40 Prozent der Haushalte Kabel-TV-An­

schluss und rund zwei Drittel davon wären in der Lage, Ka­bel sofort zu nutzen. Zusatzin­vestitionen müssen demnach her. Doch auf dem Weg zur Hebung desInternet-Gold­schatzes im Kabel-TV-Netz befindet sich nach Ansicht der Potsdamer Experten ein we­sentliches Haupthindernis. Es handelt sich um die Deutsche Telekom AG.Die hat zumin­dest in Westdeutschland im Festnetz und im Kabel-TV-Sy­stem ein Doppelmonopol inne, konstatiert Welfens. Man habe dort zwar begon­nen, aus den neu gegründeten Regionalgesellschaften Teile an andere Investoren zu verkau­fen, doch das allein reiche nicht aus. Es fehle der eine weitere Belebung bringende Wettbewerb auf diesem Ge­biet. Die DTAG aber sitze überall als Minderheitsaktionär mit am Tisch. Sich selbst Kon­kurrenz zu machen, bemühe sie sich daher nur wenig. Hier müsse auch die Politik durch stärkere Zwänge handeln.

Deutschland im Zugzwang

Die Uni-Wissenschaftler warten von den Akteuren in

er­

Regierung und Parlament mehr Initiative als bisher.Un­terlassene Reformen in der Te­lekom- und Internetpolitik fordern schließlich ihren Preis sagen sic.| Wirklicher Wettbewerb könne laut Studie zur Senkung der Internetzu­gangspreise um 50 Prozent und zur Entwicklung modern­ster elektronischer Dienstlei­stungen führen. Am Ende stünden dann nach ihren Er­kenntnissen ein halber Pro­zentpunkt mehr Sozialprodukt

Jahre, bis man sich internatio­nal tatsächlich wieder mit an der Spitze befindet. Das aber setzt die Erhöhung von Ausga­ben für Information und Kom­munikation voraus. Schweden, die USA oder die Schweiz ma­chen es vor: Sie geben dafür gegenwärtig sieben Prozent des Bruttosozialprodukts aus. In Deutschland beträgt die Rate derzeit lediglich fünf Pro­zent.Wenn wir also wirklich aufholen wollen, müssen wir mehr investieren. Wir dürfen

Nutzungsdichte ın%

Finnland Schweden| Dänemark

Deutschland

Niederlande f Frankreich Spanien

Großbritannien

Bei der Untersuchung der Internet-Nutzungsdichte von Unternehmen aus­gewählter Länder im Jahr 1998 stellten Potsdamer Uni-Wissenschaftler ei­

nen Mittelplatz deutscher Firmen fest.

(Aus: StudieAuswirkungen einer Internet Flat rate auf Wachstum und Beschäftigung in Deutschland, Potsdam März 2000)

und bis zu 400 000 neue Ar­beitsplätze.

Deutschland ist im Zugzwang. Doch die zu lösenden Aufga­ben scheinen von beträchtli­cher Größe.Das fängt schon in den Schulen an, erklärt Welfens. Während beispiels­weise in Irland oder auch Finn­land bereits alle Schulen am Netz hingen, biete sich in der Bundesrepublik ein eher trau­riges Bild. Doch dies soll sich nun ändern. Bis 2002 wollen alle Bundesländer ihre Haus­aufgaben erledigen. Nach Ein­schätzung der Potsdamer Ex­perten verstreichen jedoch ver­mutlich noch vier bis fünf

nicht kleckern, müssen klot­zen, schlussfolgert Welfens. Auch die jetzt in Aussicht ge­stellten 20000 green cards hel­fen voraussichtlich nur wenig. Die Idee ist zwar nicht schlecht, aber auch nicht neu, urteilen die Potsdamer. Doch ob ihre Umsetzung überhaupt klappt, bezweifeln sie. Deutschland ist für führende Fachkräfte auf dem Internet­Gebiet gar nicht so interes­sant, so das Urteil.Die Leute gehen dorthin, wo es Top-Projekte gibt, vermuten beide. Gerade hieran mangele es aber.

P.G6.

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