Heft 
(1.1.2019) 04
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PUTZ 4/00

Wissenschaft aktuel!

Geister, Götter und Dämonen

Der mythische Experimentalwissenschaftler Oskar Goldberg

Als Thomas Mann 1943 seine ersten Seiten desDok­tor Faustus verfasste, exi­stierten bei ihm bereits klare Vorstellungen über die Er­scheinung des Chaim Braisa­cher, Randfigur im Roman. Mit der beim Autor eher seltsam undeutlich bleiben­den Person sollte ein anderer karikiert werden: Oskar Goldberg. Dr. Manfred Voigts vom Studiengang Jü­dische Studien der Uni Pots­dam hat sich lange mit jenem Außenseiter in den Gelehr­tenstreits der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts beschäftigt.

Der Potsdamer Wissenschaftler nennt gleich drei Gründe, die zu seinen intensiven Nachfor­schungen. führten.-Gold­berg, sagt er,begegnete mir an Stellen, die ich nur schwer verbinden konnte. Er spielte eine Nebenrolle in der Tho­mas-Mann-Literatur, tauchte in den Briefen Walter Benja­mins und Gershom Scholems auf, fand Erwähnung in Rich­ard Sheppards Werk über den ‚Neuen Club, der Keimzelle des literarischen Expressionis­mus. Schon die erste Lektüre machte klar: Goldberg war ein Farbtupfer in seiner Zeit, stand für:sich. allein und stieß auf starke Gegner. Das veranlasste Voigts, genauer hinter die Fas­saden zu sehen, um mehr über das. Leben und Wirken des Mannes zu erfahren. Und er wurde fündig.

Zwei Wurzeln

Oskar Goldberg lebte von 1885 bis 1952. Den heute fast vergessenen Denker einer my­thischen Gottespräsenz be­zeichnen Experten als Religi­onsphilosophen, Mythenfor­scher, Kulturphilosophen, des­sen Gesinnung sich jedoch in­sofern gegen die Kultur rich­tete, als er in ihrer Geschichte nichts als einen Verfallsprozess zu sehen vorgab. Zwei Wur­zeln bestimmten das Denken des niemals wirklich Anerkann­ten.Der Frühexpressionismus und die jüdische Orthodoxie

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blieben in ihrer Widersprüch­lichkeit maßgebend für das ge­samte Schaffen des Gelehr­ten, resümiert der Uni-Wis­senschaftler. Aus dieser Span­nung sei auch das Hauptwerk Die Wirklichkeit der He­bräer entstanden, in dem der Pentateuch, die fünf Bücher Mosis, eine Interpretation er­führen, die die Darstellungen nicht als Sage, sondern als Be­richt von realen Vorgängen auffasse. Selbst Scholem, einer seiner beiden Erzfeinde und gegenteiliger Auffassung ins­besondere bezüglich der Kab­bala, bescheinigte dem Buch offensichtlichen Einfluss in den 30er Jahren.

Faschismusvorwurf

Dass Goldbergs Ansichten je­doch so sehr verdrängt wur­den, war insbesondere das Er­gebnis des Engagements seines zweiten Feindes. Es handelte sich dabei um Thomas Mann. Der große deutsche Dichter hatte schon imDoktor Fau­stus vorformuliert,. was er später noch genauer ausführte. Er betitelte den Jüdischen Außenseiter alstypisch jüdi­schen. Faschisten.Damit, erklärt Voigts dazu,War sozu­sagen der Deckel über dem Sarg Goldbergs geschlossen. Daran wollte keiner rühren. Der, Forscher verweist aller­dings in diesem Zusammen­hang nachdrücklich auf die Tätigkeit des jüdischen Intel­lektuellen in der Mannschen ZeitschriftMaß und Wert und macht so auf den offen­sichtlich vorhandenen Wider­spruch aufmerksam. Dass der Autor derBuddenbrocks oder des RomansJoseph und seine Brüder, für den erDie Wirklichkeit der Hebräer sehr genau studierte, zu jenem ver­nichtenden Urteil kam, ist kein Zufall. Schließlich, so Voigts, sei. Goldberg voneinerbe­stimmten historischen Funk­tion des jüdischen Volkes aus­gegangen.Hauptidee stellte dabei die notwendige Her­beiführung der mythischen Realität dar. Sollte dies nicht

geschehen, würde das Volk aus der Geschichte ausgestrichen. Dabei plädierte Goldberg nicht für die Herstellung der alten mythischen Welt, wohl aber für die Installierung einer neuen, wissenschaftsorientierten.

Mythos als

Wirklichkeit

Der Begriff Mythos besaß zen­tralen Stellenwert. Goldbergs Verständnis des Mythos als Wirklichkeit sui generis ba­sierte auf einer Tradition aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der ritualistisch­

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Stark angefeindet und mit seiner radikal mythischen Geschichtstheo­rie auf einsamen Pfaden: Oskar

Goldberg. Foto: Repro soziologischen Auffassung. Voigts. erläuternd:Diese

Richtung hob den Mythos als eine Daseinsform hervor, wel­che auch die gesamte prakti­sche Lebenswirklichkeit um­fasst und die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft be­stimmt. Die Wirklichkeit wie­derum, deren Urgestalt und Muster, stellt das Ritual dar.

Zwischenwelten

Seine Geschichtstheorie war eine radikal mythische. Dabei ging es ihm nur wenig um den Verlauf der Geschichte, ihn in­teressierte der Prozess des Ver­falls des Mythos:Indem er diesen Vorgang als Grundlage für Geschichte schlechthin deutete, erfolgte die Begrün­dung für die Universalität und Übertragbarkeit. des hebräi­schen Mythos. Das hatte die Fortwendung von der Kultur

und eine Hinwendung zum Kultus, eine Abwendung von den Göttern der Völker, aber auch vom innerweltlichen Gott Zur meint Voigts. Damit stünde Goldberg allein.

Bezeichnend für ihn sei dic These, dass fremde Götter, Geister, Engel und Dämonen tatsächlich in früheren Jahrtau senden existierten. Sie alle hät ten in den Zwischenwelten vor Mensch und Gott gewirkt Jene okkulten Kräfte seien durchaus nichts anderes als die durch Ritual handhabbaren Potenzen einer echten Stam­mesgemeinschaft und deren gelegentlicher Missbrauch durch einzelne.

Nachlass in Marbach

Die Theorien des zur Nazi Zeit im. US-amerikanischer Exil Lebenden reichten von der Soziologie bis zur theore tischen Mathematik. Goldberg stellte. nach Erkenntnisser Voigts eines der Extreme in nerhalb des nicht-assimilierten Judentums dar. Bei seinen Re cherchen im Forschungsvorha

Voraussetzung,

ben stieß der Wissenschaftler deshalb auf viel Neues.Das|

Spektrum des jüdischen Den kens gestaltete sich weitaus bunter, als wir heute rekon struieren können, stellt. er fest.Heftige Bewegungen, jähe Wendungen in der Mei nungsbildung gehörten zum Alltag.

Auskunft über die Vielschich tigkeit jener Tage gab dem Pri vatdozenten in Potsdam auch der schriftliche Nachlass Gold bergs. Voigts, der die zahlrei­chen persönlichen Doku­mente; Briefe,: Visitenkarten oder Notizbücher über Um­wege erhalten hat, gab sie an eine dafür wohl gute Adresse weiter. Das gesamte Material liegt heute, allerdings noch un­geordnet, im Deutschen Lite­ratur-Archiv Marbach. P.G.

Mehr über Oskar Goldberg erfahren Interessierte in dem Buch Manfred Voigts Oskar Goldberg. Der my­thische Religionswissen­schaftler. Ein verdrängtes Kapitel jüdischer Ge­schichte. Erschienen ist es 1992 im Agora Verlag Ber­lin.