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Geister, Götter und Dämonen
Der mythische Experimentalwissenschaftler Oskar Goldberg
Als Thomas Mann 1943 seine ersten Seiten des„Doktor Faustus“ verfasste, existierten bei ihm bereits klare Vorstellungen über die Erscheinung des Chaim Braisacher, Randfigur im Roman. Mit der beim Autor eher seltsam undeutlich bleibenden Person sollte ein anderer karikiert werden: Oskar Goldberg. Dr. Manfred Voigts vom Studiengang Jüdische Studien der Uni Potsdam hat sich lange mit jenem Außenseiter in den Gelehrtenstreits der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts beschäftigt.
Der Potsdamer Wissenschaftler nennt gleich drei Gründe, die zu seinen intensiven Nachforschungen. führten.-„Goldberg“, sagt er,„begegnete mir an Stellen, die ich nur schwer verbinden konnte. Er spielte eine Nebenrolle in der Thomas-Mann-Literatur, tauchte in den Briefen Walter Benjamins und Gershom Scholems auf, fand Erwähnung in Richard Sheppards Werk über den ‚Neuen Club‘, der Keimzelle des literarischen Expressionismus“. Schon die erste Lektüre machte klar: Goldberg war ein Farbtupfer in seiner Zeit, stand für:sich. allein und stieß auf starke Gegner. Das veranlasste Voigts, genauer hinter die Fassaden zu sehen, um mehr über das. Leben und Wirken des Mannes zu erfahren. Und er wurde fündig.
Zwei Wurzeln
Oskar Goldberg lebte von 1885 bis 1952. Den heute fast vergessenen Denker einer mythischen Gottespräsenz bezeichnen Experten als Religionsphilosophen, Mythenforscher, Kulturphilosophen, dessen Gesinnung sich jedoch insofern gegen die Kultur richtete, als er in ihrer Geschichte nichts als einen Verfallsprozess zu sehen vorgab. Zwei Wurzeln bestimmten das Denken des niemals wirklich Anerkannten.„Der Frühexpressionismus und die jüdische Orthodoxie
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blieben in ihrer Widersprüchlichkeit maßgebend für das gesamte Schaffen des Gelehrten“, resümiert der Uni-Wissenschaftler. Aus dieser Spannung sei auch das Hauptwerk „Die Wirklichkeit der Hebräer“ entstanden, in dem der Pentateuch, die fünf Bücher Mosis, eine Interpretation erführen, die die Darstellungen nicht als Sage, sondern als Bericht von realen Vorgängen auffasse. Selbst Scholem, einer seiner beiden Erzfeinde und gegenteiliger Auffassung insbesondere bezüglich der Kabbala, bescheinigte dem Buch offensichtlichen Einfluss in den 30er Jahren.
Faschismusvorwurf
Dass Goldbergs Ansichten jedoch so sehr verdrängt wurden, war insbesondere das Ergebnis des Engagements seines zweiten Feindes. Es handelte sich dabei um Thomas Mann. Der große deutsche Dichter hatte schon im„Doktor Faustus“ vorformuliert,. was‘ er später noch genauer ausführte. Er betitelte den Jüdischen Außenseiter als„typisch jüdischen. Faschisten“.„Damit“, erklärt Voigts dazu,„War sozusagen der Deckel über dem Sarg Goldbergs geschlossen. Daran wollte keiner rühren.“ Der, Forscher verweist allerdings in diesem Zusammenhang nachdrücklich auf die Tätigkeit des jüdischen Intellektuellen in der Mannschen Zeitschrift„Maß und Wert“ und macht so auf den offensichtlich vorhandenen Widerspruch aufmerksam. Dass der Autor der„Buddenbrocks“ oder des Romans„Joseph und seine Brüder“, für den er„Die Wirklichkeit der Hebräer“ sehr genau studierte, zu jenem vernichtenden Urteil kam, ist kein Zufall. Schließlich, so Voigts, sei. Goldberg von‘einer‘bestimmten historischen Funktion des jüdischen Volkes ausgegangen.„Hauptidee stellte dabei die notwendige Herbeiführung der mythischen Realität dar. Sollte dies nicht
geschehen, würde das Volk aus der Geschichte ausgestrichen.“ Dabei plädierte Goldberg nicht für die Herstellung der alten mythischen Welt, wohl aber für die Installierung einer neuen, wissenschaftsorientierten.
Mythos als
Wirklichkeit
Der Begriff Mythos besaß zentralen Stellenwert. Goldbergs Verständnis des Mythos als Wirklichkeit sui generis basierte auf einer Tradition aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der ritualistisch
T
Stark angefeindet und mit seiner radikal mythischen Geschichtstheorie auf einsamen Pfaden: Oskar
Goldberg. Foto: Repro soziologischen Auffassung. Voigts. erläuternd:„Diese
Richtung hob den Mythos als eine Daseinsform hervor, welche auch die gesamte praktische Lebenswirklichkeit umfasst und die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft bestimmt. Die Wirklichkeit wiederum, deren Urgestalt und Muster, stellt das Ritual dar.“
Zwischenwelten
Seine Geschichtstheorie war eine radikal mythische. Dabei ging es ihm nur wenig um den Verlauf der Geschichte, ihn interessierte der Prozess des Verfalls des Mythos:„Indem er diesen Vorgang als Grundlage für Geschichte schlechthin deutete, erfolgte die Begründung für die Universalität und Übertragbarkeit. des hebräischen Mythos. Das hatte die Fortwendung von der Kultur
und eine Hinwendung zum Kultus, eine Abwendung von den Göttern der Völker, aber auch vom innerweltlichen Gott Zur meint Voigts. Damit stünde Goldberg allein.
Bezeichnend für ihn sei dic These, dass fremde Götter, Geister, Engel und Dämonen tatsächlich in früheren Jahrtau senden existierten. Sie alle hät ten in den Zwischenwelten vor Mensch und Gott gewirkt Jene okkulten Kräfte seien durchaus nichts anderes als die durch Ritual handhabbaren Potenzen einer echten Stammesgemeinschaft und deren gelegentlicher Missbrauch durch einzelne.
Nachlass in Marbach
Die Theorien des zur Nazi Zeit im. US-amerikanischer Exil Lebenden reichten von der Soziologie bis zur theore tischen Mathematik. Goldberg stellte. nach‘ Erkenntnisser Voigts eines der Extreme in nerhalb des nicht-assimilierten Judentums dar. Bei seinen Re cherchen im Forschungsvorha
Voraussetzung“,
ben stieß der Wissenschaftler deshalb auf viel Neues.„Das|
Spektrum des jüdischen Den kens gestaltete sich weitaus bunter, als wir heute rekon struieren können“, stellt. er fest.„Heftige Bewegungen, jähe Wendungen in der Mei nungsbildung gehörten zum Alltag“.
Auskunft über die Vielschich tigkeit jener Tage gab dem Pri vatdozenten in Potsdam auch der schriftliche Nachlass Gold bergs. Voigts, der die zahlreichen persönlichen Dokumente; Briefe,: Visitenkarten oder Notizbücher über Umwege erhalten hat, gab sie an eine dafür wohl gute Adresse weiter. Das gesamte Material liegt heute, allerdings noch ungeordnet, im Deutschen Literatur-Archiv Marbach. P.G.
Mehr über Oskar Goldberg erfahren Interessierte in dem Buch Manfred Voigts‘ „Oskar Goldberg. Der mythische Religionswissenschaftler. Ein verdrängtes Kapitel jüdischer Geschichte“. Erschienen ist es 1992 im Agora Verlag Berlin.