PUTZ 5/00
Wissenschaft aktuell
Immer nur Stückwerktechnik
Beate Jessel über ökologische Landschaftsplanung
Untrennbar mit dem menschlichen Leben verbunden- auf komplexe Gebilde nicht ganzheitlich anwendbar; als Wissenschaft auf eine umfassende Grundlagenerfassung angewiesen- in der Anwendung durch zeitliche und finanzielle Rahmenbe
dingungen eingeschränkt und immer mit Wertentscheidungen verknüpft:
Diese Gegensätze zogen sich wie ein roter Faden durch die Antrittsvorlesung von Beate Jessel.„Können wir Ökologisch planen“, fragte die Professorin am Institut für Geoökologie an der Universität Potsdam.
Dabei war es nicht ihr Ziel, diese Widersprüche aufzulösen. Vielmehr ging es Beate Jessel darum, den schwierigen Spagat zwischen ökologischer Wissenschaft und Ökologisch orientierter Planung deutlich zu machen. Zu zeigen, was Planung‘ leisten kann, aber auch, wo die. Grenzen ‚einer Planung liegen, die sich auf landschaftsökologische Grundlagen bezieht.
An Schnittstelle
Die ökologischen Wissenschaften beschäftigen sich mit einem breiten Arbeitsfeld, angefangen. von den Beziehungen einzelner Organismen zur Außenwelt über verschiedene Landschaftsräume bis hin zur Humanökologie, die das menschliche und gesellschaftliche Handeln im: Raum'erforscht. An der Schnittstelle zwischen den LandschaftsÖkosystemen und dem Gesellschaft-Umwelt-System ordnet Beate Jessel die LandschaftsPlanung,„die gedankliche Vorwegnahme künftigen Handelns in Landschaftsräumen“, ein.
Während die ökologische Wissenschaft darauf ausgerichtet ist, Erkenntnis zu sammeln, geht es in der Planung in erster Linie darum, Entscheidungen zu treffen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Wissen
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schaft und Planung liegt zudem darin, dass menschliche Wertvorstellungen in die Planungsentscheidungen einfließen.„Etwa die Entscheidung, gerade einen bestimmten Biotoptyp oder eine bestimmte Zielart zu erhalten— in Brandenburg etwa die Großtrappe“.
Beispiel Lüneburger Heide
Dass die ökologischen Wissenschaften Maßnahmen zum Erreichen eines Ziels, nicht aber das Ziel selbst liefern können,
Prof. Dr. Beate Jessel: Umwelt kann man nicht ganzheitlich planen. Foto: Archiv
machte Beate Jessel am Beispiel der Lüneburger Heide klar. Während diese Landschaft heute oft als der Prototyp einer vielfältigen, eigenartigen und vor allem ‚schönen‘ Landschaft und damit als erhaltenswert betrachtet wird, ist die Gegend — vom Standpunkt der ökologischen Wissenschaft aus gesehen— die Folge einer jahrhundertelangen Ressourcenausbeutung. Permanente Stoffentnahme und damit einhergehende Verschlechterung der Bodenqualität haben dazu geführt, dass es sich eigentlich um ein„gestörtes“ Ökosystem handelt.
Sukzessive Planung Sobald die Beziehung des
Menschen zu seiner Umwelt betroffen ist, folgt der Umgang mit ihr nicht immer rationalen Gründen. Aufforstungsmaßnahmen beispielsweise werden zur Zeit stark subventioniert— sind also ökoreizvoll. Trotzdem sich manche Land
nomisch trennen wirte nur ungern von Äckern, die bereits seit Generationen in der Familie bewirtschaftet werden. Andererseits deuten Umfragen darauf hin, dass im bayrischen Allgäu und in den Mittelgebirgen in den nächsten sechs Jahren fast jeder zweite Hof aufgegeben werden wird. Dann ist die Landschaftsplanung gefragt. Beate Jessel warnte davor zu glauben, dass man die Umwelt ganzheitlich planen kann. Am Beispiel des Donaumoos zeigte sie, wie das systematische Durchplanen ganzer Landschaftsräume scheiterte. Nachdem der Mensch das Moor trockengelegt, besiedelt und bewirtschafter: hatte, traten immer ncue Probleme auf, wie ein weiteres Absinken des Grundwasserspiegels, Erosion oder Spätfrostgefährdung. Immer neue planerische Maßnahmen wurden nötig.
Kleine Schritte
Statt einer solchen deterministischen Planung empfichlt Beate Jessel, nachvollziehbare Teilziele zu entwickeln, zum Beispiel hinsichtlich Landschaftsnutzung, Erholungsfunktion und Artenschutz. Diese sollen dann in ihrer Priorität geordnet und innerhalb vorgegebener Spielräume erreicht werden.
„Der sogenannte Landschaftsplaner sollte sich darüber im Klaren sein“, so Beate Jessel, „dass...Handeln in Landschaften immer nur Stückwerktechnik
sein kann. Das heißt ein Vorgehen in kleinen Schritten, das in beständiger Rückkoppelung mit den eingetretenen Veränderungen und dem Prinzip der laufenden Fehlerkorrektur einhergeht.“ urs
Erfolgreiche Kooperation
Erfolgreich abgeschlossen wurde ein zweijähriges Ko operationsprojekt zwischen dem Interdisziplinären For schungszentrum Dünne Or ganische und Biochemisch Schichten der WUniversitä Potsdam und dem Institu für Hochmolekulare Verbin dungen St. Petersburg, Rus sland. Es setzte eine zehn jährige Zusammenarbei fort, die seit 1996 von de Deutschen Forschungsge meinschaft gefördert wird. Das Projekt auf dem Gebie der Polymerphysik beschäf tigte sich mit der Frage, wi: die chemische Struktur be stimmter Polymere mit de ren räumlicher Anordnun; in Lösung zusammenhängt Dank eines an der Uni Pots dam entwickelten neuen Lö sungsmittels konnten di« Materialien zu geordneten Filmen mit besonderen opti schen Eigenschaften verar beitet werden. Solche Film: kommen als Ausgangsmate rialien für die Herstellun; von Leuchtdioden oder La serdioden infrage.
„Das Projekt ermöglicht‘ Wissenschaftlern der Un Potsdam Zugang zu einzig artigen Messgeräten. Auf deı anderen Seite konnte damit die Arbeitsfähigkeit eines lei stungsstarken Physiklabor: in St. Petersburg abgesicher!
werden“, fasst‘ Burkhard Schulz, verantwortlicher Leiter des Projektes auf
deutscher Seite, zusammen. urs
Wir sind nicht
nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun. Moliere
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