PUTZ 6/00
Wissenschaft aktuell
Himmlische Illusionen
Erforschung des Universums mit Gravitationslinsen
Lichtstrahlen laufen geradeaus. So lehrt es die alltägliche Erfahrung und so wird Licht auf der Erde auch bei technischen Anwendungen eingesetzt. Trotzdem: Wer glaubt, dass diese Annahme immer und ohne Einschränkung gültig ist, der hat seine Rechnung ohne Albert Einstein gemacht.
Schon 1915 sagte Einstein in der allgemeinen Relativitätstheorie vorher, dass Lichtstrahlen durch die Schwerkraft kosmischer Objekte abgelenkt und gebündelt werden, sie also auch krumme Wege gehen können. Heute nutzt man diesen Effekt in der Astronomie. Joachim Wambsganß berichtete in seiner Antrittsvorlesung darüber, welche Auswirkungen das„Licht auf krummen Wegen“ bei der Himmelsbeobachtung hat, und wie Astronomen diesen Effekt für ihre Forschungsarbeiten nutzen können.
Was geschieht, wenn das Licht auf seinem Weg von einem Stern zum Beobachter auf der Erde ein weiteres kosmisches Objekt passiert, zum Beispiel ein schwarzes Loch oder eine Galaxie? Aufgrund der Schwerkraft dieser Objekte wird das Licht abgelenkt und beschreibt eine gekrümmte Bahn... Der Beobachter jedoch rechnet mit
einem geradlinigen Licht
strahl. Er sicht den Stern deshalb. an einer Position, die Nicht der tatsächlichen spricht.
Dieser so genannte Gravitationslinseneffekt kann sich auch auf andere Weise auswirken. Je nach Größe, Form und Posi
ent
tion der„Linse“ werden weit entfernte Sterne oder Galaxien verstärkt oder verzerrt gesehen. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass man gleichzeitig zwei, drei oder mehr Bilder von ihnen sieht.
Die Veränderung einer Sternposition wurde bereits 1919— vier. Jahre Einsteins Theorie— bei einer Sonnenfinsternis nachgewiesen. Die New York Times sprach damals von einer.„Epoche machenden Entdeckung“ von Sir Arthur Eddington. Es sollte allerdings noch 60 Jahre dauern; bis Dennis Walsh 1979 den ersten Doppelquasar fand. Der Quasar— ein hell leuchtendes Objekt am Rande des Weltalls war aufgrund einer Gravitati
nach
onslinse nicht nur doppelt, sondern auch verstärkt zu sehen.
Inzwischen physik die verschiedenen Erscheinungsformen des Phänomens der Lichtablenkung(wie „jeuchtende Bögen“,„Einsteinringe“ oder„Microlensing“) in vielfältiger Weise aus. Man gewinnt dadurch neue
nutzt die Astro
Erkenntnisse sowohl über die verstärkten Hintergrundobjekte als auch über die als„Lin
wirkenden Materiean
sen“
Der CGravitationslinseneffekt soll auch bei der Suche nach Dunkler Materie helfen und dabei, Planeten außerhalb uı seres Sonnensystems aufzı spüren. Dabei ist er den and« ren zurzeit verwendeten Mc thoden in einem Aspekt überlegen. Er könnte, anders als
diese, auch: Planeten von der
Gravitationslinsensystem: Ein Galaxienhaufen wirkt als Gravitationslin
auf eine Hintergrundgalaxie, die hier fünffach abgebildet ist. Foto: NAS
Hubble Space Telescope
sammlungen, deren Größe, Masse und Struktur bestimmt werden kann. Sogar über den Kosmos als Ganzes lässt sich einiges lernen. Das Alter des Universums haben Wissenschaftler aus Arbeiten mit Gravitationslinsen heute auf etwa 15 Milliarden Jahre bestimmt.
Größe unserer Erde nachwe sen.„Bis jetzt haben wir m dieser Methode noch keine ex traterrestrischen Planeten ge funden, aber ich bin sicher, dass dies in den nächsten Jal ren geschehen wird“, sagt Jochim Wambsganß.
urs
Technik im Alltag
„Mensch, Maschinen, Mechanismen“ heißt ein weiterer Band der sechsteiligen Reihe„Mensch Natur Technik“ des Brockhausverlages, der kürzlich erschienen ist.
Dieser vierte Band soll, so die Herausgeber, eine Bestandsaufnahme der„Technik im Alltag“ bieten. Viele elementare Techniken seien mittlerweile so Allgemeingut geworden, dass man sich ihrer grundlegenden Bedeutung kaum mehr bewusst ist. Der neue Band will gerade diese Bereiche dar
14
stellen, ‚ihre geschichtliche Entwicklung beschreiben, aber auch Potenzial und Gefahren der Techniken aufzeigen. Die Lektüre des Buches soll. dem Leser neben. Fakten‘ auch die Möglichkeit vermitteln, Technik zu bewerten.
Das Buch ist in sieben Ab
schnitte unterteilt, die den Themen Landwirtschaft und Ernährung, Textiltechnik,
Bauen und Wohnen, Kommunikationstechnik, Verkehrstechnik, Medizintechnik und
Umwelttechnik sind.
Tatsächlich trifft der Leser hier auf ein breites Spektrum vieler Techniken und Entwicklungen des Alltags. Sei es die Herstellung von Sauerkraut, der Unterschied in der Produktion von kalt- und warmgepresstem Speiseöl oder die chemische Struktur von Nylon, um nur
gewidmet
einige Beispiele zu nennen. Das Buch geht auch auf neue, Entwicklungen ein.
Das Kapitel Medizintechnik beschäftigt sich sowohl mit Einsatzmöglichkeiten in der Diagnostik als auch in der Therapie, nicht ohne die physikali
schen Grundlagen und die ge schichtliche Entwicklung veı schiedener Techniken zu eı wähnen.
Auch in diesem vierten Band sind es oft wieder die vielen Bilder, Skizzen, Infografiken und eingestreuten Randnotizen, die zum Lesen anregen. urs
Brockhaus-Redaktion (Hrsg.), Brockhaus„Mensch Natur Technik. Mensch, Maschinen, Mechanismen“, 702 Seiten, 98,- DM. ISBN 3
7653-7944-1. F.A. Brockhaus Leipzig, Mannheim 2000.