Heft 
(1.1.2019) 06
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Wissenschaft aktue!l

Paradies für gefährdete Arten

Uni-Wissenschaftler untersuchen Döberitzer Heide

In Ostdeutschland wurden zwischen 1990 und 1994 insgesamt 1026 militärische Liegenschaften mit einer Ge­samtfläche von 243 000 Hektar von der Sowjetarmee und der ehemaligen Natio­nalen Volksarmee an Bund und Länder übergeben. Die größten Truppenübungs­plätze liegen in Brandenburg und sind heute teilweise in Naturschutzgebiete inte­griert. Neben eindeutig bela­steten Teilen, dort wo eine intensive militärische Nut­zung bestand, existieren auf bis zu 90 Prozent der Lie­genschaften unbestritten Ökologisch wertvolle Flächen. Der überwiegende Teil davon ist so genanntes Offenland. Darunter versteht Flächen, auf denen einerseits weder Forst noch dichter na­turnaher Wald besteht und die andererseits nicht intensiv landwirtschaftlich genutzt wer­den.

Diese Ökologisch wertvollen Offenlandschaften bieten die Möglichkeit, großräumige, un­zerschnittene und nährstof­farme Lebensräume für seltene Tiere und Pflanzen zu sichern, zu gestalten und nachhaltig zu entwickeln.

Zu diesem Zweck fördert das Bundesministerium für Bil­dung und Forschung seit Juni dieses Jahres das Verbundpro­jektOffenland-Management auf ehemaligen und in Nut­zung befindlichen Truppenü­bungsplätzen. Im Rahmen des Forschungsvorhabens soll am Beispiel verschiedener Übungsplätze wissenschaftlich untersucht werden, wie eine Erhaltung dieser Flächen mit ihrem Tier- und Pflanzenbe­stand möglich ist. Die Arbeiten umfassen unter anderem Un­tersuchungen dazu, welchen Einfluss die Beweidung der Flächen durch Haustiere, be­sonders Schafe und Ziegen, oder durch Wildtiere hat. Hier ist unter anderem der Einsatz von Elchen geplant. Unter­sucht wird auch, inwieweit das

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man

Befahren der Flächen mit Pan­zerfahrzeugen oder die Ro­dung mit Feuer einen mög­lichst langanhaltendenOffen­haltungseffekt erzielt und welchen Einfluss die Maßnah­men auf die dort lebenden Tiere haben. Für letzteres ist eine Zusammenarbeit mit der Bundeswehr auf noch genutz­ten Übungsplätzen geplant.

Neben diesen Ökologischen Aspekten soll die ökonomische

mee Ende der 40er Jahre be­endet. 1991 wurde der Platz schließlich an das Land Bran­denburg übergeben.

Der frühe Beginn der militäri­schen Nutzung bewahrte das Gebiet weitestgehend vor den Einflüssen moderner Landnut­zung. Durch die militärische Aktivität kam es nicht zu einer Reduzierung der Vielfalt von Biotopen und Arten, sondern sogar zu einer Erweiterung der

Der Truppenübungsplatz Jüterbog ist die einzige größere deutsche Binnen­Foto: Wolfgang Beier

wanderdüne in Deutschland.

Tragfähigkeit der vorgeschla­genen Maßnahmen geprüft und soziologischen Fragestel­lungen nachgegangen werden. Dazu gehört eine Analyse der Akzeptanz der Naturschutzge­biete durch die Anwohner.

Erste Erfahrungen mit Trup­penübungsplätzen konnten Wissenschaftler der Uni Pots­dam bereits in der wenige Ki­lometer westlich von Berlin ge­legenen Döberitzer Heide sammeln. Das Gebiet, das eine Fläche von mehr als 40 km2 umfasst, wurde bereits im 18. Jahrhundert zu VÜbungs­zwecken von der preußischen Armee genutzt. Wilhelm I. ließ um 1895 den Truppenübungs­platz Döberitz mit einer Fläche von 4.400 Hektar ausbauen. Bis zum Ende des II. Weltkrie­ges wurde das Gelände ständig erweitert. Eine kurzzeitige Phase ziviler Nutzung durch die Ansiedlung von Neubau­ern wurde durch dieRote Ar­

Biodiversität. So zeichnet sich die Döberitzer Heide durch Nährstoffarmut, Artenreich­tum und geradezu modellhafte Vernetzung der Lebensräume, angesiedelt in der unmittelba­ren Nachbarschaft einer Mil­lionenmetropole, aus.

Die wissenschaftlichen Akti­vitäten in der- Döberitzer Heide begannen im Jahr 1990. Zunächst überwiegend durch Mitarbeiter des ehrenamtli­chen Naturschutzes, seit 1993 auch durch Wissenschaftler der Uni Potsdam, wurde eine In­ventarisierung der und Tiere des Gebietes durch­geführt. Dabei kamen seltene und verschollen geglaubte Ar­ten zum Vorschein. 133 Wild­bienen-, 125 Raubwespen-, 159 Laufkäfer-, 29 Heu­schrecken-, 30 Libellen- und 119 Spinnenarten konnten nachgewiesen werden. Ein ho­her Prozentsatz davon ist in

Pflanzen

derRoten Liste der gefährde­ten Arten aufgeführt.

Die Pflege dieses Naturschutz­gebietes obliegt zur Zeit dem Naturschutz-Förderverein Döberitzer Heide e.V:. In den vergangenen Jahren wur­den, u.a. mit Fördermitteln der EU, Reit- und Wanderwege eingerichtet und von Munit:­onsresten geräumt. Auf diese Weise sollen Besucher einen Einblick in das Naturschutzge­biet erhalten.

Im Rahmen des Verbundpro­jekts soll nun ein detailliertes Konzept zur weiteren Ent­wicklung dieses Gebietes und anderer Truppenübungsplätze erarbeitet werden. Diese Auf­gabe wird in enger Koopera­tion mit Naturschutz-Förder­vereinen, den umliegenden Gemeinden und den Behörden des Landes Brandenburg ver­wirklicht.

Das Projekt beschäftigt sich auch mit der Frage, ob ein großräumiger Biotopverbund für Offenland in Ostdeutsch­land eingerichtet werden kann. Darüber hinaus sollen Hin­weise zum Umgang mit Kon­versionsflächen in ganz Europa erarbeitet werden. Geplant ist auch die Herausgabe eines Handbuches zur ökologi­schen Entwicklung von Trup­penübungsplätzen, um die Umsetzung der Ergebnisse zu erleichtern.

Das Verbundprojekt hat eine Laufzeit von drei Jahren und wird mit rund vier Millionen Mark finanziert. Daran betei­ligt sind die Universität Pots­dam, die BITU Cottbus, die Universität Freiburg, das Mu­seum Görlitz und das Institut für Agrartechnik Bornim. Eine enge Kooperation ist mit dem IV. Korps der Bundeswehr ge­plant. Neben dem Institut für Biochemie und Biologie wir­ken auch Institute der Fächer Geographie und Geoökologie, Chemie sowie der Soziologie der Universität Potsdam mit.

Prof. Dr. Dieter Wallschläger/Institut für Biochemie und Biologie