PUTZ 7/00
Forschun
Beschleunigen oder verwässern
Parlamentsexperten nutzen neuartigen Datensatz
Die späten 70-er und die 80-er Jahre des 20. Jahrhunderts waren unter anderem durch hohe Inflation und dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit geprägt. Also gewannen in dieser Zeit Bestrebungen zur Deregulierung von Arbeitszeit und Arbeitsverträgen an Aktualität.
Daraus ergibt sich unter anderem die Frage, wie weit Parlamentsrecht und Parlamentspraxis in der Behandlung von Gesetzesvorlagen Einfluss auf die Beschleunigung oder Verwässerung von Reformen haben. Mit dieser Thematik befasst sich Herbert Döhring, Professor für Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Potsdam, und mit ihm eine multinationale Forscher
gruppe.
Die Wissenschaftler sind der Auffassung, dass trotz energischer Schritte von Regierungen unterschiedlicher parteipolitischer Couleur in den einzelnen westeuropdischen Ländern die Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsverträgen in sehr
unterschiedlichem Ausmaß verwirklicht wurden.
In diesem Zusammenhang beschäftigt sie die Frage nach den Ursachen für das Zustandekommen oder Scheitern der geplanten Reformen. Vetopositionen in Parteien und Verbänden können ebenso dazu
beigetragen wie die unterschiedlich hohen Hürden des parlamentarischen Gesetzge
bungsverfahrens.
Das Team prüft den Einfluss der Parlamente auf Reformen mit Hilfe eines neuartigen Datensatzes. Er wurde anhand einer Liste theoretisch fundierter Prüfkriterien erstellt.
Der US-Kongress ist bisher das am besten untersuchte, andererseits aber das am meisten „untypische“ Parlament westlicher Demokratien. Deshalb stellt sich für die Wissenschaftler die Frage, wie weit die in den USA verbreiteten Theorien tatsächlich auf den ganz andersartigen institutionellen und kulturellen Kontext westeuropäischer Parlamente angewandt werden können.
Döhring schwebt vor, von westeuropäischen und amerikanischen Parlamentsforschern eine Brücke zu schlagen zwischen zwei Zweigen der empirischen Parlamentsforschung, die bislang von einander nur selten Kenntnis genommen haben.
Aus der online zugänglichen „Natlex“ Datenbank der ILO (International Labour Organisation) in Genf wurde dafür eine Stichprobe von insgesamt 650 Gesetzesvorlagen aus dem Politikfeld der Deregulierung der Arbeitszeit in 18 westeuropäischen Ländern aus der Zeit von 1981 bis 1991 gezogen.
Durch Nachforschungen vor Ort in den Archiven und Bibliotheken der 18, auch der und weniger gut untersuchten, Parlamente Westeuropas beantworteten Länderexperten im Anschluss daran diese gemeinsame Prüfliste. Ihre Angaben wurden anschließend unter Federführung der Potsdamer Professur für Vergleichende Politikwissenschaft in einem maschinenlesbaren Datensatz vercodet,(Das. Codebuch dieses Datensatzes liegt zur allgemeinen Einsicht auf der Webseite des Lehrstuhls aus: http: //www.uni-potsdam.de/u/ls vergleich) Dieser neuartige Datensatz ist so angelegt, dass an ihm das Ausmaß des wahrscheinlichen Einflus-ses institutioneller Verfahrensregeln auf konkrete Politikergebnisse im Politikfeld Arbeit geprüft werden kann. B.E.
kleineren
[“Parliamentary Organisation and Legislative Outcomes in Western Europe” ist das Thema einer Tagung, die vom 21. bis zum 25. Oktober 2000 von der Professur. für VMergleichende Politikwissenschaft veranstaltet wird. Sie findet im Jagdschloss Glienicke statt. Weitere Informationen sind unter
http: //www.uni-pots
IS Buchtipp:
Gefühle und Vernunft
Wie oft werden er oder sie ermahnt, sich nicht von Gefühlen leiten zu lassen, weniger emotional zu reagieren.
Der Philosoph Robert€. Solomon würde eine derar'ige Forderung nicht aufstellen. Denn er ist davon überzeıgt, dass‘ uns Gefühle in der Erkenntnis der Welt nicht behindern, sondern sie erst ermöglichen und so dem menschlichen Leben einen Sinn geben.
Wer sich von seinen Gefühlen leiten lässt, folgt in Wahrheit der Vernunft, so der Wissenschaftler. Gefühle seien also Ausdruck unseres rationalen Denkens, seien Urteile, wobei Solomon das Ignorieren von Emotionen für- ebenso falsch hält wie deren Überhöhung. „Weil wir fühlen, weil wir lieben, weil wir uns gefü’lsmäßig verpflichten, deswe:;en hat das Leben einen Sinn.“ Wer sich dafür interessiert, vie ein Philosoph beweist, das‘ cs eine Theorie der Gefühle g:bt, der lese das jetzt ins Deutsche übersetzte Buch von Solon:on „Gefühle und der Sinn des Lebens“,
Der Autor plädiert dafür,„dic zuweilen tragische und fast immer irrige Gegenüberscellung von Vernunft und Emotionalität“ aufzugeben
Sehr lesenswert übrigens das am Ende des Bandes platzierte „Who’s Who“ der Gefühle. Hier werden in alphabetischer Reihenfolge ausgewählte Ge: fühle von A wie Angst über Eifersucht, Glaube, Mitleid, Scham bis Z wie Zufriedenheit
analysiert. B.E.
Robert C. Solomon(deutsch von Hans Günter Holl) Gefühle und der Sinn des Lebens, Zweitausendeins
In die empirische Parlaments-forschung, die Prof. Dr. Herbert Döhring gemeinsam mit einer multinationalen Gruppe be-treibt, ist auch der Deutsche
2000, 33,- DM, ISBN 3-86150-306-9.
dam.de/u/ls vergleich abrufbar.
Bundestag einbezogen. Foto: Eckardt
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