Heft 
(1.1.2019) 07
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PUTZ 7/00

Forschun

Beschleunigen oder verwässern

Parlamentsexperten nutzen neuartigen Datensatz

Die späten 70-er und die 80-er Jahre des 20. Jahrhunderts waren unter anderem durch hohe Inflation und dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit geprägt. Also gewannen in dieser Zeit Bestrebungen zur Deregulie­rung von Arbeitszeit und Arbeitsverträgen an Aktuali­tät.

Daraus ergibt sich unter anderem die Frage, wie weit Parlamentsrecht und Parla­mentspraxis in der Behandlung von Gesetzesvorlagen Einfluss auf die Beschleunigung oder Verwässerung von Reformen haben. Mit dieser Thematik befasst sich Herbert Döhring, Professor für Vergleichende Politikwissenschaft an der Uni­versität Potsdam, und mit ihm eine multinationale Forscher­

gruppe.

Die Wissenschaftler sind der Auffassung, dass trotz energisch­er Schritte von Regierungen unterschiedlicher parteipolitisch­er Couleur in den einzelnen wes­teuropdischen Ländern die Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsverträgen in sehr

unterschiedlichem Ausmaß ver­wirklicht wurden.

In diesem Zusammenhang beschäftigt sie die Frage nach den Ursachen für das Zu­standekommen oder Scheitern der geplanten Reformen. Veto­positionen in Parteien und Verbänden können ebenso dazu

beigetragen wie die unter­schiedlich hohen Hürden des parlamentarischen Gesetzge­

bungsverfahrens.

Das Team prüft den Einfluss der Parlamente auf Reformen mit Hilfe eines neuartigen Daten­satzes. Er wurde anhand einer Liste theoretisch fundierter Prüfkriterien erstellt.

Der US-Kongress ist bisher das am besten untersuchte, anderer­seits aber das am meisten untypische Parlament west­licher Demokratien. Deshalb stellt sich für die Wissenschaftler die Frage, wie weit die in den USA verbreiteten Theorien tat­sächlich auf den ganz andersarti­gen institutionellen und kul­turellen Kontext westeuropä­ischer Parlamente angewandt werden können.

Döhring schwebt vor, von west­europäischen und amerikani­schen Parlamentsforschern eine Brücke zu schlagen zwischen zwei Zweigen der empirischen Parlamentsforschung, die bis­lang von einander nur selten Kenntnis genommen haben.

Aus der online zugänglichen Natlex Datenbank der ILO (International Labour Organisa­tion) in Genf wurde dafür eine Stichprobe von insgesamt 650 Gesetzesvorlagen aus dem Po­litikfeld der Deregulierung der Arbeitszeit in 18 westeuropä­ischen Ländern aus der Zeit von 1981 bis 1991 gezogen.

Durch Nachforschungen vor Ort in den Archiven und Bibliotheken der 18, auch der und weniger gut untersuchten, Parlamente West­europas beantworteten Länder­experten im Anschluss daran diese gemeinsame Prüfliste. Ihre Angaben wurden anschließend unter Federführung der Pots­damer Professur für Verglei­chende Politikwissenschaft in einem maschinenlesbaren Da­tensatz vercodet,(Das. Code­buch dieses Datensatzes liegt zur allgemeinen Einsicht auf der Webseite des Lehrstuhls aus: http: //www.uni-pots­dam.de/u/ls vergleich) Dieser neuartige Datensatz ist so angelegt, dass an ihm das Aus­maß des wahrscheinlichen Einflus-ses institutioneller Ver­fahrensregeln auf konkrete Po­litikergebnisse im Politikfeld Arbeit geprüft werden kann. B.E.

kleineren

[Parliamentary Organisation and Legislative Outcomes in Western Europe ist das Thema einer Tagung, die vom 21. bis zum 25. Oktober 2000 von der Professur. für VMergleichende Politikwissenschaft veranstaltet wird. Sie findet im Jagdschloss Glienicke statt. Weitere Informationen sind unter

http: //www.uni-pots­

IS Buchtipp:

Gefühle und Vernunft

Wie oft werden er oder sie ermahnt, sich nicht von Gefühlen leiten zu lassen, weniger emotional zu rea­gieren.

Der Philosoph Robert. Solomon würde eine derar'ige Forderung nicht aufstellen. Denn er ist davon überzeıgt, dass uns Gefühle in der Erkenntnis der Welt nicht behindern, sondern sie erst ermöglichen und so dem menschlichen Leben einen Sinn geben.

Wer sich von seinen Gefühlen leiten lässt, folgt in Wahrheit der Vernunft, so der Wissen­schaftler. Gefühle seien also Ausdruck unseres rationalen Denkens, seien Urteile, wobei Solomon das Ignorieren von Emotionen für- ebenso falsch hält wie deren Überhöhung. Weil wir fühlen, weil wir lieben, weil wir uns gefüls­mäßig verpflichten, deswe:;en hat das Leben einen Sinn. Wer sich dafür interessiert, vie ein Philosoph beweist, das cs eine Theorie der Gefühle g:bt, der lese das jetzt ins Deutsche übersetzte Buch von Solon:on Gefühle und der Sinn des Lebens,

Der Autor plädiert dafür,dic zuweilen tragische und fast immer irrige Gegenüberscel­lung von Vernunft und Emotionalität aufzugeben

Sehr lesenswert übrigens das am Ende des Bandes platzierte Whos Who der Gefühle. Hier werden in alphabetischer Reihenfolge ausgewählte Ge: fühle von A wie Angst über Eifersucht, Glaube, Mitleid, Scham bis Z wie Zufriedenheit

analysiert. B.E.

Robert C. Solomon(deutsch von Hans Günter Holl) Gefühle und der Sinn des Lebens, Zweitausendeins

In die empirische Parlaments-forschung, die Prof. Dr. Herbert Döhring gemein­sam mit einer multinationalen Gruppe be-treibt, ist auch der Deutsche

2000, 33,- DM, ISBN 3-86150-306-9.

dam.de/u/ls vergleich abrufbar.

Bundestag einbezogen. Foto: Eckardt

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