a Forschung
PUTZ 7/00
Zu den Perspektiven
Vor vier Jahren ist der Versuch gescheitert, Berlin und Brandenburg zu einem gemeinsamen Bundesland zusammenzuführen. Seit einiger Zeit gibt es immer wieder einige vereinzelte und zaghafte Versuche, das Thema“Länderfusion” neu anzuschieben. Es scheint allerdings nicht, dass sich‘ bereits‘ eine breite Mehrheit für die Fusion gebildet hat— weder bei der Politik noch(erst recht) bei der Bevölkerung.
Seit der gescheiterten Volksabstimmung von 1996 hat sich die Situation von Brandenburg nicht‘ verbessert.' Gegenüber Berlin hat sich die Brandenburger Position eher verschlechtert. Berlin hat nunmehr eine deutlich stärkere Position, nicht zuletzt wegen der Anwesenheit der Bundesregierung. Die Instiutionen in beiden Ländern haben sich noch mehr verfestigt, als das schon 1996 der Fall war. Es ist jetzt sicher noch schwieiger, sie neu“aufzumischen”. Auch die drohende Neuregeung des_Finanzausgleichs (2004) verspricht keine Besseung. die seinerzeit versprocheen Ausgleichszahlungen dürfen im Falle einer Fusion vonseiten des Bundes nicht ein zweites Mal angeboten werden. Eine Wissenschaftlerinitiative für erlin-Brandenburg hat 1997 Mter dem Motto“Ein Jahr danach— Vereinigung dringender denn je”! zehn Thesen forMuliert, die heute kaum von geringerer Bedeutung sein dürften als damals. In ihnen unterstrich man noch. einmal die Vorzüge und Notwendigkeiten einer Fusion, hob zum Beispiel die positiven Folgen für die Nationale und internationale Wettbewerbsfähigkeit, vorhandene gemeinsame Ressourcen und Probleme, die VorbildWirkung einer dann durchzusetzenden Verwaltungsreform oder a3ch den Nutzen für eine konkurrenzfähige Wissenschaftslandschaft hervor.
Wenn heute über einen neuen
Anlauf zur Ländervereinigung
einer Ländervereinigung
nachgedacht wird, dann stehen weitere Aspekte im Mittelpunkt. So ist im breiteren Zusammenhang die Neuregelung des Finanzausgleichs und die generelle Länderneugliederung zu schen. Eine Fusionsinitiative darf zudem keine technokratische Werbekampagne von oben sein, wie das 1996 der Fall war. Es muss deutliche Anstöße“von unten”, aus der Bürgerschaft heraus geben. Hier ist derzeit nur wenig an Umdenken zu verspüren. Die wechselseitigen Vorurteile gegenüber dem jeweils anderen Land werden weiter kultiviert. Bei einem Neuanlauf sollte darüber hinaus die Identifikation mit der gemeinsamen Geschichte und Region in beiden Bevölkerungsteilen in viel stärkerem Maße als in der Vergangenheit angesprochen und geweckt werden. Die Ängste und Befürchtungen der Bevölkerung— insbesondere der Brandenburger- müssen ernster genommen werden. Überhaupt bedarf es vertrauensbildender Maßnahmen auf beiden Seiten, insbesondere viel stärkerer Kooperation, als das bislang der Fall ist. Wie beschränkt und unzureichend dies derzeit list; zeigen plastisch die Beziehungen der Universität Potsdam zu den drei Berliner Universitäten! Klar ist auch: Die Erfahrungen mit der bisher erfolgten Koope
ration zwischen den beiden Ländern—- hoher Zeit- und Koordinationsaufwand, faule
Kompromisse aufgrund widerstreitender Interessen müssen selbstkritisch ausgewertet und daraus Folgerungen für einen künftigen Fusionsvertrag g€eZOgen werden
Eine Fusion der beiden Länder hätte auf vielen Gebieten klare Vorteile, denen allerdings zweifellos auch verschiedene Problembereiche gegenüberstehen. Allein im Bereich von Staat und Verwaltung gibt es genug Hürden. Hier ist im Zuge einer Fusion zunächst ein erhebliches Einsparpotential zu erwarten: Reduzierung der Größe der beiden Landesparlamente, der Lan
desregierungen und der damit verbundenen Verwaltungsapparate. Insgesamt böte eine Fusion auch die Chance, die in beiden Landesverwaltungen bestehende
personelle Uberbesetzung her
Gehören Brandenburg und Berlin zusammen?
strukturen. Dass es hier auch viel Widerstand und Besitzstandswahrung geben dürfte, ist jedem klar. Nicht zuletzt sind eben auch zahlreiche Arbeitsplätze bedroht. Schließlich könnte auf
Wird die Brücke auch weiterhin ins jeweils andere Land führen? Die Weichen
scheinen noch nicht gestellt.
unterzufahren. In Berlin besteht zum Beispiel trotz 50.000 abgebauter Stellen ein erheblicher Rückbaubedarf. In Brandenburg, wo es gegenwärtig die politische Absicht gibt, rund 8.000 Stellen abzu-bauen, ist ebenfalls zusätzliches“Downsizing”-Potenzial gegeben. Eine Fusion würde darüber hinaus jedoch auch die Chance für eine tiefgreifende Staats- und Verwaltungsmodernisierung bieten. Berlin müsste in dem Fall auf seine bisherige Landesverwaltung verzichten und sich in eine ganz normale kreisfreie Stadt wandeln— allerdings in ungewöhnlicher Größenordnung und mit sehr dezentralen Bezirks
Foto: Fritze
Berliner Verwaltungsangehörige auch die Zumutung zukommen, statt in Wilmersdorf oder Mitte zukünftig in Potsdam oder gar Cottbus arbeiten zu müssen... Ähnlich wie im Hinblick auf das Thema Verwaltung könnte und müsste man Argumente zur Fusion natürlich auch unter anderen Blickwinkeln abwägen. Wichtig erscheint, dass zunächst einmal ein Diskussionsprozess (wieder) in Gang kommt.
Prof. Dr. Christoph Reichard/Kommunalwissenschaftliches Institut
PUTZ bleibt am Thema dran. Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Problem.
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