Heft 
(1.1.2019) 08
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PUTZ 8/00

Gute oder schlechte Lehre?

Objektivierbare Kriterien für Veranstaltungskritiken nötig

Seit Jahren wird auch an der Universität Potsdam dem Problem Lehrevaluation Auf­merksamkeit geschenkt. Nach der Erprobung einer ersten Fragebogenversion an der Wirtschafts- und Sozialwissen­schaftlichen Fakultät, an der im Sommersemester 1997 allein 1.750 Studierende und praktisch die gesamte Fakultät teilgenommen hatten, besteht seit dem Sommersemester 1998 für die Lehrenden aller Fakultäten der Universität die Gelegenheit, bei der Service­stelle für Evaluation Frage­bögen für die Bewertung ihrer Lehrveranstaltungen durch Studierende anzufordern und auswerten zu lassen.

Diese Gelegenheit wurde seit­dem reichlich genutzt. Die Anzahl der_ausgewerteten Bögen stieg stetig an. Über das Instrument der studentischen Veranstaltungskritik sollen dabei Lehrende und Studierende ein Feedback darüber erhalten, wie die Qualität der besuchten Lehrveranstaltung eingeschätzt wird. Zu den erfragten Inhalten zählen die Erwartungen, die aus Teilnehmersicht an den Besuch der Veranstaltung geknüpft wer­den, und ob diese erfüllt wer­den. Es wird um Informationen darüber gebeten, inwieweit das Verhalten der Lehrenden und Studierenden zum Gelingen der Veranstaltung beiträgt: Ob beispielsweise Interesse am Stoff gezeigt wird, eine Struktur der Lehrveranstaltung erkennbar ist, ob die Lernanforderungen klar werden, ob die Studierenden engagiert und gut vorbereitet sind, wie der Nutzen für das Studium und die spätere beruf­liche Praxis bewertet wird. In einer abschließenden Frage wer­den die Studierenden auch um eine Gesamteinschätzung der Lehrveranstaltung gebeten.

Da das wichtigste Ziel der stu­dentischen Veranstaltungskritik in der Optimierung des Lehr­und Lernprozesses gesehen wird, werden die Ergebnisse der Lehrveranstaltungskritik bisher nur an die jeweilige Lehrver­

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anstaltung rückgemeldet. Um innerhalb der betreffenden Lehrveranstaltungen die ange­strebte Diskussion der Ergeb­nisse zu ermöglichen, gibt die Arbeitsgruppe die Ergebnisse binnen kürzester Frist bekannt. Auf direkte Vergleiche oder gar Professorenrankings verzich­tete man bewusst. Zudem wäre die Ausarbeitung eines Ranking­verfahrens, das basalen metho­dischen Anforderungen Rech­nung trägt, nötig.

Faktoren für Bewertung

Als interessant erwiesen sich die für das Urteil der Studierenden ausschlaggebenden Maßstäbe über gute oder schlechte Lehre. Um sie genau festzustellen, fand eine Analyse der seit dem Som­mersemester 1998 angefallenen 13.720 Veranstaltungskritiken statt. Getrennt nach den Veran­staltungsformen Vorlesung und Seminar/Übung sollte geklärt werden, von welchen Faktoren die Gesamtbewertung einer Ver­anstaltung abhängt und welche Faktoren zur Erklärung der Gesamtbewertung beitragen.

den, die Veranstaltung das Interesse am Fach insgesamt fördert, der Dozent persönlich interessiert als stets ansprechbar oder auch dis­tanziert wirkt und Weiteres.

sowie

Bei den Vorlesungen ergibt sich ein vergleichbares Bild: Platz eins belegt die Einschätzung, ob der Dozent den Stoff der Vorlesung interessant vorträgt, gefolgt von der Frage nach der Erwartungsbilanz und der Einschätzung, ob die Vorlesung das Interesse am Fach insgesamt fördert. Auf den Plätzen vier und fünf folgen Einschätzungen, ob eine klare Vorlesungsstruktur erkennbar ist und der Dozent ansprechbar oder auch distanziert wirkt.

die

Erwartung undInteresse stellen demnach offenbar wichtige Bewertungskategorien dar. Solche Faktoren lassen sich allerdings nur schwer objek­tivieren und in verbindliche Qualitätsstandards für gute Lehre übersetzen. Allerdings erweisen sich auch Faktoren als relevant, die von den Lehrenden und Fächern durchaus gut

SS 1998

WS 1998/99 I seminare/Übungen

Die Anzahl ausgewerteter Fragebögen

Das wichtigste Ergebnis: Das Gesamturteil beruhte stark auf subjektiv gefärbten Urteilskom­ponenten. Am erklärungs­kräftigsten war bei den Semi­naren, inwieweit die an das Seminar gerichteten Erwartun­gen als erfüllt angesehen wer­

SS 1999

ist stetig angestiegen.

WS 1999/00 88 2000

Vorlesungen

Abb.: zg.

verbessert werden könnten. Dazu gehören sicherlich die Fragen nach der Struktur der Veranstaltung oder dem Vor­tragsstil der Lehrenden.

Darüber,; ob... sich. auf. der Grundlage von Lehrveranstal­

tungsbeurteilungen Kennziffern für gute Lehre entwickeln las­sen, wird man sicherlich trefflich streiten können. Eine Minimal­forderung dürfte die Forderung nach objektivierbaren Kriterien sein. Ob insbesondere Kategorie Interesses, die sich in vorliegen der Analyse als so zentral heraus­gestellt hat, dieser Anforderung gerecht kann, sicherlich zu diskutieren.

dle

des persönlichen

werden wäre

Fächervergleiche und Rankings Bieten Studierendenbefragun­gen eine tragfähige Basis!ür Fächervergleiche und Rankings? Offensichtlichja undnein Fürja spricht, dass unter E'satz aufwendiger, aber in den Sozialwissenschaften verfügba­rer(!) statistischer Techniken Rankings erstellt werden kön­nen, die von den Fächern durch­aus verantwortbare Bewer tungskomponenten zur Grund­lage haben. Allerdings stel'en solche Analysen auch Anfor derungen an die Fülle de erforderlichen Datenmaterials und folglich den Umfang«des Erhebungsinstruments. Für nein spricht hingegen der in der Praxis doch einigermafen begrenzte Spielraum.

Mit den studentischen Veranstaltungskritiken ist das Potsdamer Modell der Lehrevaluation jedoch noch nicht erschöpfend beschrieben. Weitere Säulen stellen die zen tralen Studierendenbefragunge" sowie externe KEvaluationen durch fachnahe Gutachter dar.

Uwe Engel/ehemals Uni Potsdam, Philipp Pohlen/

/Servicestelle für Evaluation