Heft 
(1.1.2019) 09
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PUTZ 9/00

Verantwortung statt Anpassung

Gegen die Verteufelung preußischer Tugenden

Ein renommierter Historiker­Kollege glaubte kürzlich, in einer Debatte abfällig über Preußen und die sogenannten preußischen Tugenden her­fallen zu müssen. Begriffe wie Pflichtgefühl, Pünktlichkeit, Sparsamkeit beziehungsweise das Maßhaltenkönnen, Be­scheidenheit und Gewissen­haftigkeit, die gemeinhin mit Preußen und dem Preußen­tum in Verbindung gebracht werden, nannte er he­rablassendSekundärtugen­den. Sie würden, so argu­mentierte er, nicht mehr in unsere Zeit passen.

tenc. Tugend. nach 1933 ‚ge­radezu in ihr Gegenteil verkehrt wurde. So konnte es geschehen, dass aus Selbstbewusstsein Überheblichkeit Ordnungsliebe Pedanterie und die Pflichterfül­lung zur Unmenschlichkeit verkam. Nur, Negativentwick­lungen dieser Art sind kein

wurde, aus kleinliche

Beweis dafür, dass diepreußi­schen Tugenden überholt sind deshalb, manche meinen, auf den Müllhaufen der Geschichte gehören. Es ist viel darüber geschrieben worden, wie es zum Formenverlust und

und wie

zu den Deformationen der

König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zwischen Demokratie und Militär. In der Revolution 1848/49 wurde das Militär zu einem wichtigen Machtfaktor zugunsten der gegenrevolutionären Kräfte. Karikatur 1848.

Aus:Preußen- Geschichte eines Mythos

Er sprach es zwar nicht aus, aber ganz offensichtlich war er der Ansicht, diese Begriffe seien durch die NS-Zeit ein für allemal entwertet. Dabei dachte er ver­mutlich an denunzierende Blockwarte, prügelnde Polizis­ten und folternde KZ-Aufseher. Zweifellos sind manche der preußischen Tugenden im Hitler-Deutschland pervertiert worden. Das hing zum einen damit zusammen, dass die Form über den Inhalt gestellt wurde. Zum anderen damit, dass unter der Decke der. äußerlichen Disziplinierung die eine oder andere in Preußen hochgehal­

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Inhalte gekommen ist. Am ein­leuchtendsten sind die Erklär­ungen, die von einer Auflösung despreußischen Stils ausge­hen. Angeblich fällt Prozess mit dem Ende Preußens zusammen, mit dem Aufgehen Preußens in Deutschland also. Das 1871 entstandene Deutsche Reich, so heißt es, hätte nur noch wenig. mit dem alten Preußen zu tun gehabt, ins­besondere nicht mit dessen Geist und dessen Staatsidee. Arthur Moeller van den Bruck, einer der Weimarer Jungkon­servativen, von dem der Begriff Preußischer. Stil stammt,

dieser

einmal:Preußen

Opfer Der Zusammen­begann: mit: der

bemerkte wurde das Deutschland. bruch Selbstentfremdung, mit seiner

von

völligen Verkennung der eige­nen Werte.

Die zwei Seiten

Preußen konnte reaktionär, aber auch und fortschrittlich sein. Es gab die obrigkeitlich-militärisch­bürokratische Tradition, dan­auch das liberal­Bekenntnis, das

modern

eben aber demokratische Preußen der Verweigerung, des Nichtmitmachens. Zahlreich sind die Namen jener, die ethi­sche Maximen für wichtiger erachteten: als Verhalten und Gehorsam- nicht

angepasstes selten diese Maximen ihr Leben hin.

Der Widerstand gegen Hitler zum Beispiel, dem Männer mit schr preußischen Namen wie York und Witzleben, Moltke und Schulenberg angehörten, legt Zeugnis für dieses andere Preußen ab. Seine Vertreter hat­ten sich einer sittlichen Idee ver­schrieben. Sie verkörperten eine Haltung des Widerstands, für Satz des Generalfeld­marschalls Hellmuth Graf von Moltke: zutreffen könnte. Überhaupt, bemerkte er ein­mal in einem Gespräch mit dem Historiker Heinrich Friedjung ­Gehorsam ist Prinzip, aber der Mann steht über dem Prinzip.

gaben sie für

die ein

Orientierung an Geist und Ethos

Zu denpreußischen Tugenden mag man stehen,

wie man will. Der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere. in der jetzt

schwierigen Phase des Zusam­menwachsens, stünde es gut an, sich mehr als bisher an Geist und Ethos des nicht mehr existieren­den Preußens zu orientieren. Denn das, was wir gegenwärtig im Prozess der noch immer andauernden Vereinigung erle­ben, macht deutlich, dass die eigentlichen Probleme nicht so

abgrundtief

schr wirtschaftlicher Natur sind sondern dass es an ethischer Maßstäben und Orientierunge: mangelt.

Jravailler-. pour le Roi d Prusse haben es die Franzoscı genannt, wenn einer eine Sach um ihrer selbst willen tat, ohn Aussicht auf Belohnung. Das heute. zu. fordern; wir vergebene Liebesmüh. Mit eine solchen Forderung würde mar sich machen denn zunehmend gilt als erst Bürgerpflicht, zu konsumiereı um jeden Preis und sich di Taschen vollzustopfen Uneigennützige Dienstauffas sung, gewissenhafte Pflichterfiil lung und absolute Unbestech lichkeit sind Einstellungen, di in unserer hedonistischen und auf schnellen Genuss program mierten Gesellschaft nicht meh

heute lächerlich

sehr gefragt sind.

Der eingangs schon angespro chene Historiker-Kollege mi seiner spöttelnden Kritik a Preußen und denpreußischer Tugenden kommt mir in letzte Zeit häufiger in den Sinn. Sein Ansichten sind so selten nicht

Sollten sie es werden, dann wirc es um die Kultur.(nich Leitkultur) dieses Landes nich mehr gut bestellt sein.

Julius H. Schoep

a Julius F Schoeps hat ein Professur IN eu ı : Geschichte l am Histor schen Institu der Univer| sität Potsdar inne und ist zugleich Direktor de Moses Mendelssohn Zentrums europäisch- jüdische Studien.} an der Universität Potsdam.

Pressemitteilungen der Universität Potsdam online unter: http://www.uni-potsdam. de/u/pressmitt/index.htm