PUTZ 9/00
Verantwortung statt Anpassung
Gegen die Verteufelung preußischer Tugenden
Ein renommierter HistorikerKollege glaubte kürzlich, in einer Debatte abfällig über Preußen und die sogenannten „preußischen Tugenden“ herfallen zu müssen. Begriffe wie Pflichtgefühl, Pünktlichkeit, Sparsamkeit beziehungsweise das Maßhaltenkönnen, Bescheidenheit und Gewissenhaftigkeit, die gemeinhin mit Preußen und dem Preußentum in Verbindung gebracht werden, nannte er herablassend„Sekundärtugenden“. Sie würden, so argumentierte er, nicht mehr in unsere Zeit passen.
tenc. Tugend. nach 1933 ‚geradezu in ihr Gegenteil verkehrt wurde. So konnte es geschehen, dass aus Selbstbewusstsein Überheblichkeit Ordnungsliebe Pedanterie und die Pflichterfüllung zur Unmenschlichkeit verkam. Nur, Negativentwicklungen dieser Art sind kein
wurde, aus kleinliche
Beweis dafür, dass die„preußischen Tugenden“ überholt sind deshalb, manche meinen, auf den Müllhaufen der Geschichte gehören. Es ist viel darüber geschrieben worden, wie es zum Formenverlust und
und wie
zu den Deformationen der
„ König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zwischen Demokratie und Militär.“ In der Revolution 1848/49 wurde das Militär zu einem wichtigen Machtfaktor zugunsten der gegenrevolutionären Kräfte. Karikatur 1848.
Aus:„Preußen- Geschichte eines Mythos“
Er sprach es zwar nicht aus, aber ganz offensichtlich war er der Ansicht, diese Begriffe seien durch die NS-Zeit ein für allemal entwertet. Dabei dachte er vermutlich an denunzierende Blockwarte, prügelnde Polizisten und folternde KZ-Aufseher. Zweifellos sind manche der „preußischen Tugenden“ im Hitler-Deutschland pervertiert worden. Das hing zum einen damit zusammen, dass die Form über den Inhalt gestellt wurde. Zum anderen damit, dass unter der Decke der. äußerlichen Disziplinierung die eine oder andere in Preußen hochgehal
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Inhalte gekommen ist. Am einleuchtendsten sind die Erklärungen, die von einer Auflösung des„preußischen Stils“ ausgehen. Angeblich fällt Prozess mit dem Ende Preußens zusammen, mit dem Aufgehen Preußens in Deutschland also. Das 1871 entstandene Deutsche Reich, so heißt es, hätte nur noch wenig. mit dem alten Preußen zu tun gehabt, insbesondere nicht mit dessen Geist und dessen Staatsidee. Arthur Moeller van den Bruck, einer der Weimarer Jungkonservativen, von dem der Begriff „Preußischer. Stil“ stammt,
dieser
einmal:„Preußen
Opfer Der Zusammenbegann: mit: der
bemerkte wurde das Deutschland. bruch Selbstentfremdung, mit seiner
von
völligen Verkennung der eigenen Werte“.
Die zwei Seiten
Preußen konnte reaktionär, aber auch und fortschrittlich sein. Es gab die obrigkeitlich-militärischbürokratische Tradition, danauch das liberalBekenntnis, das
modern
eben aber demokratische Preußen der Verweigerung, des Nichtmitmachens. Zahlreich sind die Namen jener, die ethische Maximen für wichtiger erachteten: als Verhalten und Gehorsam- nicht
angepasstes selten diese Maximen ihr Leben hin.
Der Widerstand gegen Hitler zum Beispiel, dem Männer mit schr preußischen Namen wie York und Witzleben, Moltke und Schulenberg angehörten, legt Zeugnis für dieses andere Preußen ab. Seine Vertreter hatten sich einer sittlichen Idee verschrieben. Sie verkörperten eine Haltung des Widerstands, für Satz des Generalfeldmarschalls Hellmuth Graf von Moltke‘: zutreffen‘ könnte. „Überhaupt“, bemerkte er einmal in einem Gespräch mit dem Historiker Heinrich Friedjung „Gehorsam ist Prinzip, aber der Mann steht über dem Prinzip“.
gaben sie für
die ein
Orientierung an Geist und Ethos
Zu den„preußischen Tugenden“ mag man stehen,
wie man will. Der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere. in der jetzt
schwierigen Phase des Zusammenwachsens, stünde es gut an, sich mehr als bisher an Geist und Ethos des nicht mehr existierenden Preußens zu orientieren. Denn das, was wir gegenwärtig im Prozess der noch immer andauernden Vereinigung erleben, macht deutlich, dass die eigentlichen Probleme nicht so
abgrundtief
schr wirtschaftlicher Natur sind sondern dass es an ethischer Maßstäben und Orientierunge: mangelt.
„Jravailler-. pour le Roi d Prusse“ haben es die Franzoscı genannt, wenn einer eine Sach um ihrer selbst willen tat, ohn Aussicht auf Belohnung. Das heute. zu. fordern; wir vergebene Liebesmüh. Mit eine solchen Forderung würde mar sich machen denn zunehmend gilt als erst Bürgerpflicht, zu konsumiereı um jeden Preis und sich di Taschen vollzustopfen Uneigennützige Dienstauffas sung, gewissenhafte Pflichterfiil lung und absolute Unbestech lichkeit sind Einstellungen, di in unserer hedonistischen und auf schnellen Genuss program mierten Gesellschaft nicht meh
heute lächerlich
sehr gefragt sind.
Der eingangs schon angespro chene Historiker-Kollege mi seiner spöttelnden Kritik a Preußen und den„preußischer Tugenden“ kommt mir in letzte Zeit häufiger in den Sinn. Sein Ansichten sind so selten nicht
Sollten sie es werden, dann wirc es um die Kultur.(nich Leitkultur) dieses Landes nich mehr gut bestellt sein.
Julius H. Schoep
a Julius F Schoeps hat ein Professur fü IN eu€ ı : Geschichte l am Histor schen Institu der Univer| sität Potsdar inne und ist zugleich Direktor de Moses Mendelssohn Zentrums fü europäisch- jüdische Studien€.} an der Universität Potsdam.
Pressemitteilungen der Universität Potsdam online unter: http://www.uni-potsdam. de/u/pressmitt/index.htm