Titel
PUTZ 9/00
50 manche Tugend vergessen
Was sich für Uni-Angehörige mit Preußen verbindet
Dur Volker Pohl, Dezernent für Betriebstechnik, Bauangelegenheiten und Hausverwaltung
“Ich weiß die historischen Ereignisse, die mit Preußen verbunden. werden; natürlich: entsprechend zu werten. Die militärischen Auswüchse sind problematisch, sie wirken teilweise negativ und bis in unsere Zeit hinein. Andererseits beeindrucken mich auch die Leistungen, die in Wirtschaft und Wissenschaft vollbracht wurden. Des Weiteren hat mich eine gewisse Exaktheit im Handeln, die ich zu den preußischen Tugenden zähle, immer beeindruckt. Für mich war sie immer ein wichtiger Orientierungspunkt, insbesonBereich der Verwal
dere im tung.”
19 DE Thilo Köhn, 8 Bereichsleitung ZEIK “Preußen ist ein historischer Begriff, der je nach betrachtetem geschichtlichen Abschnitt sehr unterschiedliche Sachverhalte beschreibt und in rund acht Jahrhunderten mannigfache edeutungen hatte. Mit dem Aufstieg zur europäischen Großmacht besonders unter Friedrich II. bekam der Begriff Preußen eine völlig neue Dimension. Die damaligen Zeitgenossen versuchten, sich den rasanten Aufstieg durch die Charaktereigenschaften der Bewohner Preußens sowie der herrschenden Dynastie zu erklären: bedingungsloser Gehor
sam, Disziplin und Unterordnung, aber auch Mut vor Königsthronen und Zivilcourage für Gerechtigkeit und Toleranz, Perfektion und Gründlichkeit, Treue, Selbstzucht, Pflichtgefühl. So manche Tugend also, die uns heute- über die historische Dimension des Begriffs hinaus- etwas wert sein sollte.”
Prof. Dr. 8 Ss Roland> Ober- S hänsli;
Dekan der MathematischNaturwissenschaftlichen Fakultät
“Da werde ich alsolvonPUTIZ nach meinem“Preussenbild” gefragt. Das sei interessant zu erfahren, wie ein Schweizer; sollte es heißen ein Ausländer, einer ohne Leitkultur?-, darüber denkt.Ich ging in mich. Habe ich ein Preussenbild? Preussen gibt's ja schon lange nicht mehr. Ist es wirklich relevant, in der postwende Gesellschaft, als einer der am Aufbau einer jungen Uni-versität beteiligt ist, ein Preussenbild zu haben oder zu entwickeln?
Kurz, ich habe kein “Preussenbild”— und ich bestehe hier auf der Schreibweise wie wir sie pflegen, mit zwei s, schon lange. Dennoch gingen mir zu Preussen einige Gedanken durch den Kopf.— Preussen: Souveräne/Kriegsherren/ Despoten mit“Welten” hunger und der dazu notwendigen Offenheit und Toleranz— ob diese beiden Ausdrücke von heute schon damals so verstanden wurden?— Preussen: ja “Principaute” ‚in— Neuen: burgschen— herrlicher Blick über den. See und auf, die Voralpen. Da kam doch auch Marat her, der später in Paris von sich reden machte.Nein, ich habe kein“Preussenbild”, ich lebe in einer postrevolutionären, demokrati-schen Gesellschaft.”
Nr ofrla Mantei, Geschichte/Politikwissenschaften/Medienwissenschaften “Mit Preußen verbinde ich vor allem Traditionsbewusstsein, Treue, Ordnung und Militär. Also eine gewisse Starre, ein unbedingtes Festhalten an bestimmten Prinzipien. Viclleicht kommt daher auch die reservierte Haltung gegenüber progressiven Entwicklungen. Auf alle Fälle ist es Preußen und eben nicht Bayern, wodurch das
Deutschlandbild im Ausland beeinflusst wird. Auch der riesige Verwaltungs-. und
Beamtenapparat, den Deutschland besitzt, hat in Preußen seine Wurzeln.“
Klaus
Br er
strich,
Büro für Akademische Angelegenheiten
“Mein Preußen-Bild ist eher etwas diffus. Als alter “Brandenburg-Tourist” ver
binde ich damit in erster Linie schon Militär und Garnisonen, den Alten Fritzen sowie natürlich die herrlichen Schlösser und Gärten im Umland. Ich sehe Preußen also mehr vom geographischen, sprich_landschaftlichen Aspekt her. Vom Militärischen her gesehen, ist es natürlich nicht weit zum typisch preußischen(deutschen) Ordnungssinn, der ja durchaus auch seine positiven Seiten hat und den sich gerade die Politiker etwas mehr zu eigen machen sollten.”
‘Gründung des
Mythos Preußen
Jubiläen sind immer auch Anlässe für Ausstellungen, Festveranstaltungen, Andenkenproduktionen und nicht zuletzt Publikationen. Zu Büchern die zum 300. Geburtstag des preußischen Staates 2001 erscheinen, gehört der bereits herausgekommene Band
den ersten
“Preußen- Geschichte eines Mythos”. Dieser Bild-TextBand ist nicht nur für den
KennerfderäMaterie feine facettenreiche Darstellung preußischer Geschichte, sondern bietet auch dem interessierten Laien wichtige Einblicke. Herausgeber Prof. Dr. Julius H. Schoeps und elf weitere Autoren, darunter neun Wissenschaftler aus der |
| Julius HL. Schoeps
Preußen
[Sesehlente aine
Universität Potsdam, zeichnen mit ihren Beiträgen das Bild preußischer Historie von den Anfängen 1701 bis zur Auflösung des Staates 1947. In der Bewertung steht Preußen nicht selten für Extreme wie Aufklärung, Absolutismus, Militarismus, Minderheitenschutz, Disziplin und Untertanengeist. Mit ihrer differenzierten Herangehensweise kommen die Verfasser dem Mythos Preußen in seiner Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit auf die Spur. Beleuchtet wird die Zeit vor der preußischen Staates, die Krönung des ersten Königs in Preußen, die Ära Friedrichs II., das Zeitalter der Reformen und des Kaiserreichs bis zur Auflösung des Staates. Der Sammelband ist nicht zuletzt aufgrund des aussagekräftigen Bildteils zur Lektüre zu empfehlen. Umfangreiches Material aus dem Bildarchiv des Preußischen Kulturbesitzes wurde dafür verwendet und zumeist mit detaillierten Bildunterschriften versehen. B.E. Julius H. Schoeps, Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz (Hrsg.): Preußen- Geschichte eines Mythos, be.bra verlag berlin.brandenburg 2000, ISBN 3-89809-003-5, 59.90 DM.
15