Heft 
(1.1.2019) 09
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PUTZ 9/00

Titel

Preußische Toleranz und Militarismus

Konzept für Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte vorgelegt

Mit der Geschichte Branden­burgs und damit mit der Geschichte Preußens wird sich das Haus der Brandenbur­gisch- Preußischen Geschich­te(HBPG) beschäftigen. Es soll im Kutschstall am Neuen Markt entstehen und voraus­sichtlich im Jahr 2002 eröffnet werden. Eine Grün­dungskommission hat unter dem Vorsitz von Bernhard Kroener ein Konzept für dieses Haus erarbeitet. Über das Haus, das Konzept und die Geschichte sprach Ursula

Resch-Esser mit Bernhard Kroener, Professor am Historischen Institut der

Universität Potsdam.

Herr Kroener, was verbirgt sich hinter dem BegriffHaus der Brandenburgisch-Preu­ßischen Geschichte? Kroener:. DieIdee zur Errichtung eines Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte liegt schon einige Jahre zurück und hat, wie viele zukunftsweisende Projekte, auch eine ganze Anzahl geistiger Väter und Mütter. Ziel ist es, nach der Wiederbegründung des Landes Brandenburg, die his­torische und kulturelle Ent­wicklung dieses Bundeslandes darzustellen. Das Haus soll Menschen in Brandenburg, aber auch seinen Besuchern die Vielfalt der historischen Bau­zeugnisse ebenso nahe bringen wie die breit gefächerte und lebendige Museumslandschaft. Anregungen zu diesem Vorhaben lieferten die bereits bestehenden oder in Gründung befindlichen Häuser in Bayern oder Baden Württemberg.

ZUusätz­bereits

Warum dieses Haus, lich zu all den existierenden Museen?

Kroener: Das Haus soll bewusst kein weiteres Museum sein, son­dern ‚ein Bürgerforum in Kombination mit einem Schaufenster für die Geschichte Brandenburgs, das Interesse wecken undzu Diskussionen anregen soll. Das lässt sich in keinem anderen

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Museum so realisieren. Es ist vielmehr daran gedacht, auf diese Weise die unter­schiedlichen Sammlungsschwer­punkte und thematischen

Orientierungen der brandenbur­gischen Museen den Besuchern in einer Form zu präsentieren,

Leitete die Gründungskommission des Hauses der Brandenburgisch­Preußischen Geschichte: Professor Bernhard Kroener Foto: Fritze

die zum Nachdenken anregt und das Interesse weckt, auch diese Einrichtungen aufzu­suchen.

Wie soll das konkret aussehen?

Kroener: Ein Schwerpunkt ist die Ausstellung. Sie wird sich an Stereotypen und Vorurteilen orientieren,:die man mit der brandenburgisch-preußischen Geschichte gemeinhin verbin­det, um dann die historische Entwicklung in Auseinanderset­zung mit dem eigenen Standort kritisch zu reflektieren. Daneben wird es ein Jahresprogramm geben mit Vorträgen, Lesungen, Musik oder Sonderausstellun­gen, die einzelne Aspekte der Dauerausstellung aufgreifen oder weitere Detailinformatio­nen liefern.

Sie sprachen von Vorurteilen und Stereotypen zum Thema Preußen. Welche davon sind

aus Ihrer Sicht am weitesten verbreitet?

Kroener: Schr häufig wird heute mit dem Begriff der Preußischen Toleranz operiert. Gerade dieser Begriff muss aber bezüglich seines Entstehungskontexts kri­tisch hinterfragt werden. Es ist immer problematisch, wenn his­torische Ereignisse oder Begriffe auf aktuelle politische Situatio­nen umgemünzt werden.

Was ist denn irreführend am

Begriffder preußischen Toleranz? Kroener: Die Aufnahme von

Fremden im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert war auch eine wirtschaftspolitische Entscheidung. Man nahm Bürger aus anderen Ländern auf, um die Bevölkerungsdichte zu erhöhen. Dem Land sollte eine bestimmte Gruppe von hochqualifizierten Arbeits­kräften zugeführt werden, um Manufakturen und Handwerke anzusiedeln und damit den allgemeinen Wohlstand des Landes zu heben.

bestimmte

Wie war die Reaktion der Bevölkerung auf die neuen Mitbürger?

Kroener:. Die Politik der preußischen Regierungen stieß nicht unbedingt auf Gegenliebe bei der ansässigen Bevölkerung. Es ist über eine längere Zeit zu Spannungen gekommen, bis die neuen Bewohner akzeptiert wur­den. So gesehen bedarf der Begriff der Preußischen Tole­ranz einer differenzierten his­torischen Interpretation.

Ein ebenfalls weit verbreiteter Begriff ist der Preußische Militarismus,

Kroener: Ja, aber auch dieser Begriff wird häufig verwendet, ohne dass dabei sein spezifischer Entstehungskontext ausreichend berücksichtigt wird. Es ist zweifellos richtig, dass es im späten 19. Jahrhundert nach der Reichsgründung und den mili­tärischen Erfolgen der Eini­gungskriege eine politische und

auch eine gesellschaftliche Über­bewertung des Militärischen n Preußen, aber auch in anderen| Teilen des Deutschen Reich| gegeben hat. Dies gilt aber eigentlich nur für die Phase zwischen 1890 und dem Ende der Monarchie. Das, was nach 1918 geschehen ist, lässt sich nicht mehr ohne weiteres unter dem BegriffPreußen subsum mieren. Problematisch ist es auch, das Phänomenpreufii­scher Militarismus auf das 18. Jahrhundert zu übertragen. Der Einsatz des Militärs als selbstver

ständliches Stilmittel der Außenpolitik lässt sich ın Preußen ebenso wie in allen

anderen europäischen Staaten feststellen. Seine Bereitschaft zur Kriegsführung betrifft ein besonders markantes Beispicl, eine gesellschaftliche Militari­sierung lässt sich jedoch daraus keineswegs ableiten. Es ist his­torisch schlichtweg falsch, ein Ahnenreihe von Friedrich den Großen über Bismarck und Hindenburg bis zu Adolf Hitler zu konstruieren.

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Zurück zur Gegenwart, genauer zur Zukunft. Wi geht es weiter mit dem Haus der Brandenburgisch-Preu­

ßBischen Geschichte?

Kroener: Die Gründungskom­mission hat ihre Arbeit getan und Frau Ministerin Wanka ein wie wir glauben, tragfähiges Rahmenkonzept vorgelegt. Die Entscheidung über das weitere Vorgehen liegt nunbein Ministerium für Wissenschaft Forschung und Kultur.

Vielen Dank für das Gespräch,

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