PUTZ 3/01
Titel
Leben in verdünnter Schwefelsäure
Biologen untersuchen extrem sauren Restlochsee
Auf den zerklüfteten Halden ehemaliger_Braunkohleabbaugebiete wachsen allmählich Gräser und Sträucher, ‚die Gruben haben sich mit Wasser gefüllt. Eine der größten dieser Landschaftsbaustellen liegt in der Lausitz, genauer im Tagebaugebiet Lauchhammer-Plessa. Hier soll der Fürst-Pückler-Landschaftspark entstehen, benannt nach einem der kreativsten Gartenarchitekten des frühen neunzehnten Jahrhunderts, der sein Anwesen in einen naturnahen, aber raffiniert geplanten Park umgestaltete.
Fürst Pückler ließ gewaltige Erdmassen bewegen und ausgewachsene Bäume versetzen. Aber vor den Problemen, die heutige Landschaftsplaner damit haben, die ehemaligen Braunkohleabbaugebiete in idyllische Erholungslandschaften zu verwandeln, hätte er wohl kapitulieren müssen: Die zahlreichen Grabungslöcher haben sich mit Wasser: gefüllt,- das, durch chemische Reaktionen mit
Potsdamer Uni-Wissenschaftler untersuchen extrem saure Restlochseen in der Lausitz, um Lebensformen zu
finden. Foto: zg9. Eisen-Schwefel-Verbindungen im umgebenden Erdreich so sauer wie verdünnte Schwefelsäure ist. Selbst Wasserflöhe ertragen solche Bedingungen nicht, geschweige denn Wirbeltiere wie Fische.”Natürlich kann man die Hand hineinstecken,
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aber hinterher braucht man zwei Tuben Hautcreme” veranschaulicht Professor Ursula Gaedke aus dem Uni-Institut für Biochemie und Biologie das Problem. Nur einige wenige Algen-Arten und winzige tierische Organismen wie Wimpern- und Rädertierchen, aber auch vereinzelt Sonnentierchen können| in| diesen Bergbaurestseen mit pH-Werten unterhalb von Drei überleben.
Gaedke und ihre Mitarbeiter untersuchen seit zwei Jahren solche extrem unempfindlichen Organismen, um herauszufinden, was ihr Wachstum fördert und was es behindert. Wir haben jetzt fast alle relevanten Plankton-Arten isoliert und können mit ihnen experimentieren”, sagt Ursula Gaedke. Die Doktorandin Vera Bissinger beobachtet zum Beispiel, welche Rolle das Licht beim Wachstum des Planktons im sauren Milieu spielt. Bissinger:. und ihre Kollegen‘ varlieren in den Erlenmeyerkolben die Lichteinstrahlung, sprudeln Kohlendioxid in die Atmosphäre oder geben Phosphorverbindungen als Nährstoffe. dazu, um das Wachstum der mikrometergroßen Algen anzuregen. Die größeren. Organismen wie Wimpern- und Rädertierchen, die etwa den Durchmesser eines feinen Haars erreichen, werden mit fluoreszierenden Plastikkügelchen gefüttert. Unter dem Mikroskop. zählen... sie. die Kügelchen., im Innern der Tierchen und wissen so genau, wie viel beispielsweise ein Rädertierchen frisst. Interessant ist dabei auch, welche Faktoren das Wachstum der Lebewesen begrenzen.”Dies sind teilweise ziemlich ungewöhnliche Faktoren”). erklärt‘ Professor Gaedke: Zum Beispiel mangelt es an der Wasseroberfläche an Kohlendioxid, so dass die Algen trotz ausreichendem Sonnenlicht nur ungenügend Energie aus der Photosynthese gewinnen können. Und in etwas größerer Wassertiefe steht zwar genügend CO2 zur Verfügung, aber es: ist für die Photosynthese bereits zu dunkel, da das Wasser sehr eisen
haltig. und damit rostbraun
gefärbt ist.
Vermutlich haben sich in diesem Milieu deshalb nur Plankton
Arten durchgesetzt, die nicht nur wie Pflanzen aus Licht und Kohlendioxid Energie gewinnen, sondern auch wie Bakterien
spielsweise das Wachstum bestimmter Planktonarten anregen, könnten dagegen effizient und sehr kostengünstig zu einer allmählichen Verschiebung im Stoffhaushalt der Seen führen. Wenn dabei der eine oder andere See zum Baden einlädt, um. so! besser. Aber auch die
Bizarres Leben: Rädertierchen sind auch in extrem saurem Gewässer noch
lebensfähig.
oder tierische Organismen aus dem Wasser Nahrung gewinnen können.”Reine Pflanzen sind offenbar nicht lebensfähig” meint Gaedke. Erste Ergebnisse ihrer Arbeitsgruppe deuten darauf hin, dass Organismen, die in solchen extremen Bedingungen überleben, deutlich mehr Lichtenergie oder Futter brauchen als Organismen in freundlicherem Umfeld.
Auch das Bundesforschungsministerium: ist an. diesen Arbeiten interessiert. Ab Mai dieses Jahres beteiligen sich die Potsdamer voraussichtlich an einem regionalen BMBF-Projekt über. die sauren. Restlochgewässer. Gesucht werden Methoden, mit denen man die natürlichen biologischen Stoffumsetzungen so beeinflussen kann, dass sie. die, Neutralisierung der Seen fördern. Denn technische Lösungen wie die Zumischung von Kalk sind nicht nur teuer, ihre Wirkung ist auch oft. nicht dauerhaft. Gezielte biologische Eingriffe, die bei
Foto: zg.
sauren Seen haben ihren Reiz, betont die Uni-Wissenschaftlerin: Weil so wenige Partikel ihr Wasser trüben, kann man stellenweise bis in die Tiefe von 16 Metern hinuntersehen- in kristallklare, rostbraune Gewässer, die von erstaunlich robusten Lebewesen besiedelt sind.
ar