Titel
PUTZ 3/01
Novel Food auf Prüfstand
Was bringt die Gentechnik für die Ernährung?
Mit gezielten Eingriffen in die Erbinformation von Pflanzen versuchen Wissenschaftler am Max-Planck-Institut(MPI) für Molekulare Pflanzenphysiologie Pflanzen zur Produktion von ganz bestimmten Stoffen anzuregen: Früchte dieser Arbeit sind zum Beispiel Kartoffeln mit gesundheitsfördernden Substanzen oder Kartoffeln, die für die Industrie nachwachsende Rohstoffe produzieren können. Solche Entwicklungen werden in nun ausgegrün
deten Unternehmen wie PlantTec in Hermannswerder weiter verfolgt. PUTZ:
Redakteurin Antonia Rötger sprach mit dem Forschungskoordinator Dr. Rainer Höfgen vom MPI für Molekulare Pflanzenphysiologie.
Sie machen Grundlagenforschung an Pflanzen. Was ist ihr Ziel?
Höfgen: Wir benutzen gentechnische Ansätze, um zu verste
hen, wie bestimmte Dinge in der
Pflanzenphysiologie funktionieren. Eine unserer Pflanzen ist zum Beispiel Arabidopsis, eine Modellpflanze, deren Genom nun vollständig entziffert wurde. Wir arbeiten aber auch an Kartoffeln, Tomaten, Mais, Reis und Tabak.
Was interessiert sie dabei besonders? Höfgen: Bei der Kartoffel
konzentrieren wir uns auf die Stärkebiosynthese und gehen der Frage nach, wie es die Pflanze schafft, die Zusammensetzung der Stärke zu verändern oder Variationen herzustellen. Festkochende Kartoffeln haben zum Beispiel eine. andere Stärkezusammensetzung als mehlige Kartoffeln. Wir haben eine Vielzahl von Genen identifiziert, die an der Stärkesynthese beteiligt sind. Die haben wir gezielt.. verändert. und...in Pflanzen wieder eingesetzt, also gentechnisch. veränderte Pflanzen erzeugt, die nun andere Formen von Stärke produzieren. Können Sie mit dieser Methode denn besser als mit
der konventionellen Pflanzenzucht die Stärkeeigenschaften der Pflanze verändern?
Höfgen: Ja, wir können es zwar noch nicht am Computer vorher ausrechnen- das wäre ein Fernziel- aber wir haben inzwischen so viel Erfahrungen mit hunderten von Veränderungen gemacht, dass wir abschätzen können, in welche Richtung eine bestimmte Manipulation die Eigenschaften der Stärke verän
- dert.
Gentechnik macht’s möglich: Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für
auch an einer ganz neuartigen Kartoffel, die gar keine Stärke mehr herstellt, sondern statt dessen Fruktane produziert. Solche Fruktane kommen normalerweise in Chicoree oder Artischocken vor und werden probiotischen Joghurts zugesetzt, weil sie die Darmflora verbessern und damit das Risiko
‘ für Darmkrebs verringern. Wir
haben nun das zentrale Gen für die Stärkeproduktion aus
geschaltet und damit eine Art
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Molekulare Pflanzenphysiologie arbeiten an der Diätkartoffel. Die Knolle stellt
keine Stärke her.
Wofür ist die Qualität der Stärke denn überhaupt so wichtig?
Höfgen: Ein Großteil der Kartoffeln und in anderen Teilen der Welt vor allem auch von Mais wird nicht gegessen, sondern industriell verwertet. Stärke kann in Zukunft manche Erdölprodukte ersetzen. Da gibt es zum Beispiel Stärken, die nach dem Kochen klar bleiben, so dass man biologisch abbaubare Klarsichtfolien aus Stärke herstellen könnte.
Was bringen gentechnisch veränderte Kartoffeln für den Verbraucher?
Höfgen:. Wir. haben; zum Beispiel eine Kartoffel entwickelt,. die..nicht. mehr. diese hässlichen schwarzen Stellen bekommt, wenn sie im Winter gelagert. wird. Die haben wir schon mal bei einem Filmbeitrag als Pommes Frites zubereitet und gegessen. Aber wir arbeiten
Foto: Fritze
Diätkartoffel erzeugt, die wenig Kalorien hat und außerdem gut für die Darmflora ist. Dieses Projekt untersuchen wir noch, es gibt noch kein fertiges Produkt.
Geben gentechnisch veränderte Kartoffeln die Veränderung an ihre Sprösslinge weiter?
Höfgen: Diese Transgene werden stabil ins pflanzliche Genom integriert und dann normal wie jedes Gen vererbt. Die Kartoffeln vermehren sich über ihre Knollen, das sind sozusagen Klone der Pflanze.
Können die genetischen Veränderungen denn auch von den Versuchsfeldern auf andere, normale Kartoffelfelder übertragen werden?
Höfgen: Wir sind zwar in die niedrigste Sicherheitsstufe eingeordnet, beachten aber dennoch bestimmte Auflagen. Zum Beispiel würden wir unsere
Versuche nicht in der Nachbarschaft eines Kartoffelzüchters durchführen. Aber bei Kartoffeln ist das eigentlich sowieso kein Problem, weil die sich nicht über Samen vermehren, sondern über ihre Sprösslinge. Außerdem gibt es hier keine Kartoffelbauern und es gibt hier auch keine wilden Verwandten der Kartoffel, mit der sie sich auskreuzen könnte. Die Kartoffel ist also für Freilandversuche eine optimale Pflanze:
Die Diätkartoffel ist für unsere Industriegesellschaften interessant. Aber was bringt Gentechnik möglicherweise den ärmeren Regionen der Welt, wo Menschen an Mangelerscheinungen leiden? Höfgen: Meine eigene Arbeitsgruppe interessiert sich besonders für die Biosynthese von zwei Aminosäuren, Methionin und Cystein. Diese schwefelreichen Aminosäuren sind in der Regel zu wenig in der Pflanze enthalten, sind aber für Menschen essenziell:. Der menschliche Körper kann sie nicht herstellen, sondern muss sie aus der Nahrung aufnehmen. Wenn man Nutzpflanzen wie Reis oder Weizen dazu bringt, solche essenziellen Aminosäuren vermehrt zu bilden, kann das Mangelernährung in Regionen mit wenig tierischen Nahrungsmitteln vorbeugen.
Wie wird sich die Ernährung in zehn oder zwanzig Jahre durch diese Entwicklungen verändern?
Höfgen: Wir haben zur Zeit das Problem, dass die Menschen Gentechnik nur für medizinische Zwecke akzeptieren, die grüne Gentechnik aber ablehnen. Viele der Befürchtungen sind wissenschaftlich nicht begründbar. Wir wünschen uns, dass sehr viel mehr Produkte auf den Markt kommen. Diese Produkte sollten deutlich gekennzeichnet sein, so dass der Verbraucher ausprobieren kann, welche Qualitäten diese neuen Nahrungsmittel haben.
Vielen Dank für das Gespräch. 13