Heft 
(1.1.2019) 03
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PUTZ 3/01

Titel

Milch ist ein ganz besonderer Saft

Ernährungsphysiologen sind einem Rätsel auf der Spur

Viele Mütter haben es selbst erlebt: Die Zeit, in der sie ihre Kinder gestillt haben, war etwas ganz Besonderes; sie kostete aber auch Kraft und Energie. Zum Abspecken eignet sich die Stillzeit jedoch nicht. Nimmt eine stillende Mutter gezielt ab, so gelangen die in ihren Fettzellen gespei­cherten Schadstoffe direkt in die Muttermilch. Sie soll sich also ruhig etwas gönnen.:.

toren,

Klinikum der Berliner Charite hat Schweigert nun eine Studie mit zwanzig Frauen. abgeschlos­sen und dabei möglicherweise ein altes Rätsel gelöst. Denn die erste Milch, die einige Tage nach der Entbindung einschießt, ist ein ganz besonders reichhaltiger Cocktail aus Vitaminen, Im­munstoffen und Wachstumsfak­Diese so; genannte Kolostralmilch. ist dickflüssig

und hat wegen. der hohen|

a

Muttermilch ist durch keine künstliche Säuglingsnahrung wirklich zu ersetzen.

Mit ihren Besonderheiten Ernährungswissenschaftler.

Obwohl es inzwischen sehr gute künstliche Säuglingsnahrung gibt, scheint Stillen noch immer das Beste für die Kinder zu sein. Gestillte Kinder schlafen zwar nicht so schnell durch, leiden in späteren Jahren jedoch deutlich seltener an. Diabetes, Fettlei­bigkeit und Herz-Kreislaufer­krankungen. Dies könnte teil­

weise, an. der. besonderen Zusammensetzung der ‚Mutter­milch liegen, vermutet Professor Florian Schweigert aus dem Institut für Ernährungswissen­schaft der Universität Potsdam. Gemeinsam. mit. Professor Joachim Dudenhausen vom Perinatalzentrum im Virchow­

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beschäftigen sich

Potsdamer Foto: Repro

auch

Konzentration von Carotino­iden(die auch in Karotten reich­lich enthalten sind) eine gelbe Farbe. Aber dies ist eigentlich sehr merkwürdig: Warum kön­nen sich Carotinoide und andere fettlösliche Vitamine ausgerech­net in dieser ersten Milch so anreichern, die doch wesentlich weniger fetthaltig ist als die reife Muttermilch?

Für die Studie haben zwanzig Frauen noch auf der Entbin­dungsstation eine kleine Probe von dem kostbaren Saft für die Wissenschaft abgezweigt. Am neunzehnten Tag nach der Entbindung wurden sie von jun­gen Medizinern zu Hause

besucht und um eine weitere Probe der nun reifen Milch gebeten. Die reife Muttermilch enthält wesentlich weniger der fettlöslichen Vitamine, obwohl sie fetthaltiger als die Kolo­stralmilch ist.Es scheint so zu sein, dass:kurz nach der Geburt ein besonderer Mechanismus

greift, der fettlösliche Vitamine

aus dem Blut der Mutter in den Milchdrüsen anreichern kann, sagt Schweigert. Dabei spielen Lipoproteine eine Rolle, die im Blut der Mutter in drei unter­schiedlichen Typen vorkommen. Lipoproteine* haben einen wasserlöslichen Anteil, der Pro­tein binden kann und einen Anteil, ‚der. die fettlöslichen Vitamine binden känn.Ohne Lipoproteine würden fettlösliche Vitamine im Blut wie Fettaugen auf der. Suppe schwimmen, er­klärt Schweigert. An den milch­bildenden Zellen der Brustdrüse gibt es für jeden Lipoproteintyp speziell passende Rezeptoren. So kommt das Lipoprotein samt angehängtem fettlöslichen Vitamin in die Milchdrüse und schließlich in die Milch.

Aus den Analysen von Milch­und Blutproben haben Schwei­gert und seine Mitarbeiter nun folgendes Szenario entworfen: Im, Blut gibt es verschiedene Carotinoide, die sich auf die drei Lipoproteinfraktionen VIDL, VDL und_HDL verteilen: Aber die Mischung der verschiedenen Carotinoide ist. für® jede Lipoprotein-Fraktion verschie­den, gewissermaßen wie ein Fingerabdruck von Mensch zu Mensch.Und jetzt beobachten wir in der Kolostralmilch eine Carotinoid-Zusammensetzung, die ganz typisch für die LDL­Fraktion der Lipoproteine ist, während die reife Milch eher eine Carotinoid-Zusammenset­zung besitzt, die derjenigen der VLDL-Fraktion entspricht, erklärt Schweigert. In der frühen Phase der Milchbildung muss daher die LDL-Fraktion über den LDL-Rezeptor die Caro­tinoide transportiert haben. Und wenige Tage später übernimmt die VLDL-Fraktion diese Auf­gabe.Normalerweise geht der gesamte Lipidtransfer über die VLDL-Fraktion, doch in den

ersten Tagen nach der Entbindung ist es offenbar ganz anders, sagt Schweigert.

Natürlich sei es schwierig zu unterscheiden, ob für den statis­tisch besseren Gesundheitszu­stand gestillter Kinder nur be­stimmte Milchinhaltsstoffe ver­antwortlich sind oder ob stil­lende Mütter vielleicht insge­

samt auch besser auf eine gesunde Ernährung achten, räumt.Schweigert. ‚ein. Die

Hypothese von.Schweigert über die selektiven Mechanismen an den Brustzellen könnte auch zur Lösung eines anderen Problems beitragen: Denn Pestizidrück­stände, PCBs und andere fettlös­liche Schadstoffe gelangen vom Blut der Mutter in die Milch. Wenn man den Mechanismus genauer verstünde, könnte man unter Umständen ‚durch die Zufuhr bestimmter Vitamine und/oder: Carotinoide..das Verhältnis von Schadstoffen und Vitamine zu Gunsten der nütz­lichen Vitamine verschieben. Aber: dasist. noch: reine Spekulation, meint Professor Schweigert. Und bis dahin gilt einfach die Empfehlung, in der Stillzeit gut und gesundzu essen, wie überhaupt im rest lichen Leben auch.

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