PUTZ 3/01
Titel
Milch ist ein ganz besonderer Saft
Ernährungsphysiologen sind einem Rätsel auf der Spur
Viele Mütter haben es selbst erlebt: Die Zeit, in der sie ihre Kinder gestillt haben, war etwas ganz Besonderes; sie kostete aber auch Kraft und Energie. Zum Abspecken eignet sich die Stillzeit jedoch nicht. Nimmt eine stillende Mutter gezielt ab, so gelangen die in ihren Fettzellen gespeicherten Schadstoffe direkt in die Muttermilch. Sie soll sich also ruhig etwas gönnen.:.
„toren,
Klinikum der Berliner Charite hat Schweigert nun eine Studie mit zwanzig Frauen. abgeschlossen und dabei möglicherweise ein altes Rätsel gelöst. Denn die erste Milch, die einige Tage nach der Entbindung einschießt, ist ein ganz besonders reichhaltiger Cocktail aus Vitaminen, Immunstoffen und WachstumsfakDiese so; genannte Kolostralmilch. ist dickflüssig
und hat wegen. der“ hohen|
a
Muttermilch ist durch keine künstliche Säuglingsnahrung wirklich zu ersetzen.
Mit ihren Besonderheiten Ernährungswissenschaftler.
Obwohl es inzwischen sehr gute künstliche Säuglingsnahrung gibt, scheint Stillen noch immer das Beste für die Kinder zu sein. Gestillte Kinder schlafen zwar nicht so schnell durch, leiden in späteren Jahren jedoch deutlich seltener an. Diabetes, Fettleibigkeit und Herz-Kreislauferkrankungen. Dies könnte teil
weise, an. der. besonderen — Zusammensetzung der ‚Muttermilch liegen, vermutet Professor Florian Schweigert aus dem Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Potsdam. Gemeinsam. mit. Professor Joachim Dudenhausen vom Perinatalzentrum im Virchow
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beschäftigen sich
Potsdamer Foto: Repro
auch
Konzentration von Carotinoiden(die auch in Karotten reichlich enthalten sind) eine gelbe Farbe. Aber dies ist eigentlich sehr merkwürdig: Warum können sich Carotinoide und andere fettlösliche Vitamine ausgerechnet in dieser ersten Milch so anreichern, die doch wesentlich weniger fetthaltig ist als die reife Muttermilch?
Für die Studie haben zwanzig Frauen noch auf der Entbindungsstation eine kleine Probe von dem kostbaren Saft für die Wissenschaft abgezweigt. Am neunzehnten Tag nach‘ der Entbindung wurden sie von jungen Medizinern zu Hause
besucht und um eine weitere Probe der nun reifen Milch gebeten. Die reife Muttermilch enthält wesentlich weniger der fettlöslichen Vitamine, obwohl sie fetthaltiger als die Kolostralmilch ist.„Es scheint so zu sein, dass:kurz nach der Geburt ein besonderer Mechanismus
„greift, der fettlösliche Vitamine
aus dem Blut der Mutter in den Milchdrüsen anreichern kann“, sagt Schweigert. Dabei spielen Lipoproteine eine Rolle, die im Blut der Mutter in drei unterschiedlichen Typen vorkommen. Lipoproteine* haben einen wasserlöslichen Anteil, der Protein binden kann und einen Anteil, ‚der. die fettlöslichen Vitamine binden känn.„Ohne Lipoproteine würden fettlösliche Vitamine im Blut wie Fettaugen auf der. Suppe schwimmen“, erklärt Schweigert. An den milchbildenden Zellen der Brustdrüse gibt es für jeden Lipoproteintyp speziell passende Rezeptoren. So kommt das Lipoprotein samt angehängtem fettlöslichen Vitamin in die Milchdrüse und schließlich in die Milch.
Aus den Analysen von Milchund Blutproben haben Schweigert und seine Mitarbeiter nun folgendes Szenario entworfen: Im, Blut gibt es verschiedene Carotinoide, die sich auf die drei Lipoproteinfraktionen VIDL, VDL und_HDL verteilen: Aber die Mischung der verschiedenen Carotinoide‘ ist. für® jede Lipoprotein-Fraktion verschieden, gewissermaßen wie ein Fingerabdruck von Mensch zu Mensch.„Und jetzt beobachten wir in der Kolostralmilch eine Carotinoid-Zusammensetzung, die ganz typisch für die LDLFraktion der Lipoproteine ist, während die reife Milch eher eine Carotinoid-Zusammensetzung besitzt, die derjenigen der VLDL-Fraktion entspricht“, erklärt Schweigert. In der frühen Phase der Milchbildung‘ muss daher die LDL-Fraktion über den LDL-Rezeptor die Carotinoide transportiert haben. Und wenige Tage später übernimmt die VLDL-Fraktion diese Aufgabe.„Normalerweise geht der gesamte Lipidtransfer über die VLDL-Fraktion, doch in den
ersten Tagen nach der Entbindung ist es offenbar ganz anders“, sagt Schweigert.
Natürlich sei es schwierig zu unterscheiden, ob für den statistisch besseren Gesundheitszustand gestillter Kinder nur bestimmte Milchinhaltsstoffe verantwortlich sind oder ob stillende Mütter vielleicht insge
samt auch besser auf eine gesunde Ernährung achten, räumt.Schweigert. ‚ein. Die
Hypothese von.Schweigert über die selektiven Mechanismen an den Brustzellen könnte auch zur Lösung eines anderen Problems beitragen: Denn Pestizidrückstände, PCBs und andere fettlösliche Schadstoffe gelangen vom Blut der Mutter in die Milch. Wenn man den Mechanismus genauer verstünde, könnte man unter Umständen ‚durch die Zufuhr bestimmter Vitamine und/oder: Carotinoide..‘das Verhältnis von Schadstoffen und Vitamine zu Gunsten der nützlichen Vitamine verschieben. „Aber: das“ist. noch: reine Spekulation“, meint Professor Schweigert. Und bis dahin gilt einfach die Empfehlung, in der Stillzeit gut und gesund‘zu essen, wie überhaupt im rest“ lichen Leben auch.
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