Heft 
(1.1.2019) 03
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PUTZ 3/01

Forschung

Was sagen uns Feldpostbriefe?

Militärhistoriker untersuchen Extremerfahrungen

Kriegserlebnisse hinterlassen bei den beteiligten Menschen äußerliche und innerliche Ver­letzungen, Narben, Alpträu­me, die sie oft lebenslang nicht

verlieren. Was empfinden Menschen in derartigen Extremsituationen? Wie ver­

halten sie sich? Was bewegt sie, wenn sie an Kriegshandlungen teilnehmen müssen? Welche Auswirkungen haben diese Erfahrungen auf ihr weiteres Leben? Wenn auch auf den ersten Blick nicht unbedingt

vermutet, gehört die Militärgeschichte zu jenen Wissenschaftsgebieten, die

sich diesen Fragen zunehmend zuwenden.

Das war allerdings nicht immer so. Denn lange Zeit bildete die Operationsgeschichte, also die Geschichte der Bewegungen der Heere auf dem Gefechtsfeld, den Rernbestandteil der tradi­tionellen Kriegsgeschichte. Schlachten, Belagerungen und Feldzüge standen im Mittel­punkt. Politische, gesellschaft­liche, wirtschaftliche, kulturelle und andere Aspekte spielten so gut wie keine Rolle, weil das Hauptaugenmerk dem Kampf­wert des militärischen Instru­ments galt. In. Deutschland kommt noch erschwerend hin­zu, dass das Gebiet der Mili­

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Lipnic

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Ar MARSCHBEFEHL

Frontleitstelte WA SCHAU St... gemeldet am... a T. Uhr weitergeleitet am, 2. 4. mit Zug...: nach 1. P

Verpflegt einschl. Marschverpfl. bis

Unterschrift Zug-13 59 ‚uhr; Hauptmann

Feldpostbriefe oder wie hier ein Kriegsurlaubsschein sind

tärgeschichte nach zwei Welt­kriegen verständlicherweise zu­nächst zum Tabuthema erklärt wurde.Erst in den 70-er Jah­ren des 20. Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Geschichte der Neuzeit nicht betrieben werden kann, wenn man sich nicht gleichzeitig mit einem zentralen Faktor, nämlich Militär, Krieg, Rüstung, aus­einandersetzt erläutert der Militärhistoriker an der Uni Potsdam Prof. Dr. Bernhard R. Kroener.

Blick auch auf

Sozialgeschichte

Heute ist für die Fachleute klar, dass sowohl das Verhältnis von Militär und Gesellschaft als auch die innere Struktur des mili­tärischen Instruments gleicher­maßen Untersuchungsgegen­stände sein müssen. Erst in den letzten Jahren begannen sich die Experten auch dem Krieg als existentielle Bedrohung des In­dividuums zu widmen. Aus dieser Fragestellung heraus ist der methodische Zugang zur modernen Operationsgeschichte hervorgegangen, mit der sich auch die Militärhistoriker an der Potsdamer Uni beschäftigen. Kroener bewegen in diesem Zusammenhang also weniger die Abläufe der Kriegshandlungen.

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Ihn interessieren vielmehr sozialgeschichtliche, kulturan­thropologische Aspekte.Ich möchte methodische Zugangs­weisen finden, die einen Beitrag zur Erhellung des Phänomens menschlicher Extremerfahrung leisten(| können sagt er. Gegenwärtig werden mit der wissenschaftlichen Bestandsauf­nahme erste Schritte getan. Kroeners Ansatzpunkt ist der Zusammenhang von Opera­tionsgeschichte und Sozial­geschichte. Er hofft, aus his­torischen Quellen gleicher­maßen Elemente individueller wie kollektiver Kriegserfahrun­gen herausfinden zu können.

Ziel ist Sozialtopographie

Dabei steht die quantifizierende Analyse, die das Militär als soziale Gruppe insgesamt in den Blick nimmt, am Anfang. Erst wenn man die Gruppe kennt, kann das Erlebnis des Einzelnen gewichtet werden. Im anderen Fall stünde man vor einer Fülle von Individualerlebnissen, die nicht miteinander zu verbinden sind. Denn ein älterer, verhei­rateter Landwehrkämpfer mit drei Kindern, der etwa im Ersten Weltkrieg in der vordersten Front stand, hatte mit Sicherheit eine andere Sicht auf den Krieg

Dokumente von unschätzbarem Wert für die Potsdamer Militärhistoriker. Ermöglichen sie doch Aufschlüsse über individuelle Kriegserfahrungen.

Abb.: zg.

als ein Zwanzigjähriger, für den er zunächst vielleicht noch ein Abenteuer war. Um zu gesicherten Erkenntnis­sen gelangen zu können, richten Kroener und seine Mitarbeiter ihre Blicke auf Militärkirchen­bücher, Personenstandsnach­weise, Statistiken der mili­tärischen Behörden, Akten der Divisionen. Hier erwarten die Forscher Aussagen über die Zu­sammensetzung und die Struk­tur des in einer Operation einge­setzten Personals wie Alter; Familienverhältnisse, Dienst­grade, Einsatzorte der Verbände, Bewaffnung. Diese Faktoren sollen Aufschlüsse über Kriegs­erlebnisse und Kriegserfahrun­gen geben. Im nächsten Schritt gilt es, ein methodisches Instrumentarium zu entwickeln, mit dessen Hilfe eine Annähe­zung an die Realıtät des Extremerlebnisses möglich ist. Wir hoffen, so_Kroener,auf diese Weise. für bestimmte Konflikte der Neuzeit eine Sozialtopografie erstellen zu können, die uns in die Lage ver­setzt, die Fülle von Indivi­dualzeugnissen in ihren Aus­sagen zu differenzieren und zu gewichten.

B.E.

Augsburger Wissenschaftspreis

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