Forschung
PUTZ 9/00
Mein Freund ist Franzose
Forschungsprojekt zu Toleranz und Differenz
“Mein Freund ist Franzose, meine Pizza ist italienisch, mein Auto ist japanisch.” Dieser Verweis auf Multikulturalität hört sich auf den ersten Blick gut an. Der Amerikanist Prof. Dr. Rüdiger Kunow ist mit solchen Sprüchen allerdings weniger glücklich. Vielmehr zeige sich, dass der Umgang mit Differenz in den Gesellschaften des Westens, so auch in Deutschland, oft verharmlost werde. Und der Aufruf zur Toleranz löse die Probleme nicht wirklich. Um gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Rassismus vorzugehen, initiierte das Land Brandenburg 1998 das Projekt.“Tolerantes Brandenburg”. Es trug allerdings bisher nicht entscheidend dazu bei, die Zahl ausländerfeindlicher Übergriffe zu verringern. Kunow ist sich im Klaren darüber, dass Wissenschaftler Skinheads nicht von ihren Überzeugungen kurieren können.“Wir können und müssen aber Fragen stellen.” Einen Beitrag zu diesen wissenschaftlichen Debatten will das Projekt“Toleranz und Differenz”. an der‘ Universität Potsdam leisten. Prof. Rüdiger Kunow, der Romanist Prof. Dr. Ottmar Ette und der Erhiker Prof. Dr. Christoph Menke haben sich zusammengetan, um “Fragestellungen im Schnittpunkt von Moralität, Kultur und Politik” nachzugehen.
Die Fragen nach Toleranz und Differenz. beleuchten Perspek: tiven, Möglichkeiten und auch Grenzen von Akzeptanz des “Anderen” in modernen Gesellschaften. Bei allen guten Ansätzen überwiegt bei ehrlicher Betrachtung bisher eher Ratlosigkeit, so das Fazit der Forscher. Sie resultiert unter anderem daraus, dass zusammenwöächst, was nicht zusammengehört. Theoretisch betrachtet heißt das, der Begriff der Toleranz muss im Zusammenhang mit dem Problem der Differenz weiterentwickelt werden.
Es sei irrtümlicherweise üblich zu denken, dass Toleranz in einem demokratischen Staat kein Problem darstellt. Intoleranz und mangelnder Umgang mit Differenz sind vielmehr oft
schon in der Struktur des Staates angelegt. Kunow verweist auf Amerika. Dort sei die Nation von Anfang an auf Differenz gegründet worden. Anders als bei den europäischen Nationen hat Amerika keine gemeinsame Geschichte, gibt es keine Staatsterritorien. Die Frage; was Amerika also zusammenhält, war seit der Gründung der USA zen
(cHSEHE NICHT WEG!
Weltbevölkerung ist unterwegs. Daraus entstehen Konflikte. Viele Menschen sagen von sich, sie seien nicht ausländerfeindlich und können dann doch nicht mit den Lebensweisen anderer Kulturen in ihrer unmittelbaren Lebensnähe umgehen.
Nach Auffassung der drei Initiatoren des Projektes stellen
diese neuen Entwicklungen
BoOFINGER
Abb.: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung
tral für die politische Kultur des Landes. Heute ist sie deutlicher denn je zu beobachten. Sowohl “Globalisierung von oben” als auch“Globalisierung von unten” sind weltweit unübersehbare Tendenzen. Einerseits besteht ein verstärkter Austausch von Gütern, Kapital und Informationen. Produkte wie Coca Cola oder Nike kennt man auf der ganzen Welt, sie werden weltweit hergestellt und vermarktet. Eine andere Tendenz ergibt sich aus den ständig anwachsenden Migrationsströmen. Zehn* Prozent der
unsere bisher scheinbar unverrückbaren konzeptionellen Schemata in Frage.“Die Nation als Akteur im wirtschaftlichen wie im soziokulturellen Rahmen wird geschwächt.” Daraus ergibt sich die Frage, wie sich unter diesen neuen Bedingungen Toleranz. denken und leben lässt. Klar ist für die Wissenschaftler, dass Differenz‘ nicht mehr als Zwischenstadium auf dem Weg zu Homogenität oder als Faktor der Außenbeziehungen von Nationen verstanden werden kann. Differenz. ist heute nicht mehr die Ausnahme,
sondern die Regel. Deshalb erweisen sich solche Differenzkategorien wie Geschlecht, Klasse, Rasse, Sexualität, Alter oder Ethnizität national wie global zunehmend als titätsstiftend. Es gehe heute weniger um das Aushalten von Verschiedenheiten innerhalb einer Einheit, einer Nation beispielsweise, als vielmehr um die Akzeptanz der Verschiedenheit ohne Einheit. Deshalb sind sich die Wissenschaftler einig, dass der Toleranzbegriff eine veränderte Zielstellung erhalten muss. Das heißt, der Begriff muss die Akzeptanz des Fremden in Andersartigkeit beinhalten und nicht von der Duldung des Anderen ausgehen. Denn Toleranz setzt Anstrengungen, also Interesse, nicht Gleichgültigkeit voraus.
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B.E:
Promotionsstipendien
Die Deutsch-Französische Hochschule(DFH) in Saarbrücken fördert auch in diesem Jahr mit Mitteln der Robert Bosch Stiftung deutsch-französische Promotionsverfahren. Die Besonderheit deutschfranzösischen Promotion liegt in der gemeinsamen Betreuung und Begutachtung durch einen deutschen und französischen Hochschullehrer. Ein längerer Forschungsaufenthalt an der französischen Partnerhochschule sowie das Ablegen der Doktorprüfung in beiden Sprachen vor einer paritätisch besetzten Prüfungskommission gehören ebenfalls dazu.
Die Stipendiaten erhalten für einen Zeitraum von maximal zehn Monaten neben Reise- und Sachkosten eine monatliche Förderung von bis zu 1.600 DM. Anträge für eine solche Förderung sind in allen wissenschaftlichen Fachdisziplinen möglich.
Vorliegen müssen sie bis zum 30. April dieses Jahres,
Weitere Informationen unter: http: //www.dfh-ufa.org
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