Heft 
(1.1.2019) 04
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Titel

PUTZ 4/01

Springende Blicke gehören dazu

Augenbewegungen in der Analyse

Die meisten Menschen haben von selbst Lesetechniken ent­wickelt, mit denen sie sich in der Flut der Texte zurecht­finden. Doch was sie genau tun, wie sie ihre Blickbe­wegungen steuern, ob sie geduldig einen Buchstaben nach dem anderen entziffern oder eher Worte als Ganzes erfassen, das können die meis­ten nicht ohne weiteres sagen. Die Potsdamer Kognitions­wissenschaftler Prof. Dr. Reinhold Kliegl und Dr. Ralf Engbert haben inzwischen sehr genaue theoretische Modelle des Lesens entwi­ckelt.

Experimentell gewinnen sie im Blicklabor des Interdisziplinären Zentrums für kognitive Studien ihre Daten. Dort lesen Ver­suchspersonen Sätze von Com­puterbildschirmen ab, während eine Kamera ihre Augenbewe­gungen aufnimmt. Die Blicke gehen dabei keineswegs mit

einer kontinuierlichen Bewe­gung von links nach rechts, tas­ten die Buchstaben also nicht der Reihenfolge nach ab. Die Augen springen mit schnellen

Biewielgunigen (Sakkaden), verweilen einge

Zeit­

lang auf ce iinfeim Wort, um dann zum näch­sten oder übernächsten zu

eilen und lassen kleine, leicht zu erkennende oder häufige Wörter oft aus, kommen aber gele­gentlich auch auf ein zunächst

übersprungenes oder bereits fi­xiertes Wort zurück. Der Physiker Engbert und der kogni­tive Psychologe Kliegl haben nun ein mathematisches Modell entwickelt, das dieses Verhalten wie­diengleiblen kann

Bisher domi­

nieren rc sequen­zielle Mo­

delle die Litera­tur, sagt Engbert, also Modelle, in denen angenommen wurde, dass beim Lesen die Worte immer der Reihenfolge nach verarbeitet werden.Doch Lesen ist anders

als Hören, in vielen Sätzen sprin­gen wir beim Lesen auch noch mal im Text zurück. Das neue Blickbewegungsmodell macht hier theoretische Vorhersagen, die experimentell im Labor überprüft werden können. Ein­geflossen in die Modellierung sind auch neue neurophysiolo­gische Ergebnisse, die zeigten, dass die Planung der Blickbewe­gungen viel flexibler und kurzfristiger abläuft, als man bis­lang angenommen hat. Das neue mathematische Modell passt ausgesprochen gut zu den experimentellen Daten- die Blicke verraten also, was die Neuronen des Gehirns an Steuerarbeit leisten müssen. Vom Verständnis der beiden entscheidenden Prozesse beim Lesen der Blicksteuerung und der lexikalischen Verarbeitung erhoffen die Wissenschaftler in Zukunft auch Hilfe für Kinder mit Leseschwäche. Zur Zeit fließen die Ergebnisse aus dem mathematischen Modell bereits in den Aufbau neuartiger Experimente ein, an denen auch Kinder mit Leseschwierigkeiten teilnehmen.

ar

Vermeiden oder sich stellen

Über den unterschiedlichen Umgang mit Gefahr

Fast jede Frau kennt die Angst vor einsamen, dunklen Wegen, leeren Parkhäusern oder an­deren Gefahrenstellen. Viele haben sexuelle Aggressionen oder sogar eine Vergewal­tigung bereits selbst erlebt. Wie aber Frauen mit solchen Ängsten umgehen und welche kognitiven Strategien sie ent­wickelt haben, um mit diesem täglichen Stressfaktor zu Jeben, hat Professor Dr. Barbara Krahe, Psychologin an der Universität Potsdam nun untersucht.

Für diese Studie arbeitete Krahe mit 143 Psychologiestudentin­nen. Fast 40 Prozent dieser jun­gen Frauen gaben an, bereits tat­sächlich einen Übergriff erlebt zu haben. Drei Viertel berich­teten, dass sie Angst hätten, zum Opfer zu werden. Alle Studen­tinnen wurden mit einer detail­lierten und realistischen Schil­derung einer Vergewaltigung anhand eines Polizeiprotokolls

konfrontiert und gebeten, sich in das Opfer hineinzuversetzen. Danach machten sie Tests, die auf ihre kognitiven Strategien

Für viele Frauen ist die Angst ständiger Wegbegleiter.

schließen ließen. Grob lassen sich dabei vier Kategorien unter­scheiden: Niedrigängstliche, Hochängstliche, Angstvermeide­rinnen und Sensibilisiererinnen. Während die Angstvermei­

derinnen ihre Aufmerksamkeit leicht von bedrohlichen Infor­mationen abwenden, um sich nicht damit zug belasten;

Foto: Repro

reagieren Sensibilisiererinnen auf Gefahrenreize mit verstärkter Aufmerksamkeit. Nach diesen Tests sollten alle Studentinnen möglichst detailgetreu auf­schreiben, woran sie sich aus der

Schilderung noch erinnerten. Tatsächlich erinnerten sich die Angstvermeiderinnen am schlechtesten. Sie hatten das schreckliche Erlebnis bereits weitgehend aus ihrem Gedächt­nis verbannt.Mit beiden Stra­tegien kauft man Vor- und Nachteile ein, erklärt Krahe. Die Sensibilisiererinnen sind zwar durch ihre deutliche Wahrnehmung von Gefahren­situationen ständig belastet, können sich aber auch besser durch rechtzeitige Vorsichts­maßnahmen schützen. Die Angst-Vermeiderinnen dagegen haben, wie einige Studien zeigen, durch ihrerosa Brille eine positivere Lebenseinstel­lung und bessere soziale Kontakte nehmen dafür aber auch mögliche Risiken nicht so deutlich zur Kenntnis. Am schlechtesten fahren allerdings die Hochängstlichen, meint Krahe. Denn sie leiden unter dem permanenten Gefühl des Bedrohtseins und verdrängen dennoch die realen Gefahren. Und bezahlen so einen doppel­ten Preis: Ein hohes Risiko und eine starke Einschränkung der persönlichen Freiheit. ar

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