Titel
PUTZ 4/01
Springende Blicke gehören dazu
Augenbewegungen in der Analyse
Die meisten Menschen haben von selbst Lesetechniken entwickelt, mit denen sie sich in der Flut der Texte zurechtfinden. Doch was sie genau tun, wie sie ihre Blickbewegungen steuern, ob sie geduldig einen Buchstaben nach dem anderen entziffern oder eher Worte als Ganzes erfassen, das können die meisten nicht ohne weiteres sagen. Die Potsdamer Kognitionswissenschaftler Prof. Dr. Reinhold Kliegl und Dr. Ralf Engbert haben inzwischen sehr genaue theoretische Modelle des Lesens entwickelt.
Experimentell gewinnen sie im Blicklabor des Interdisziplinären Zentrums für kognitive Studien ihre Daten. Dort lesen Versuchspersonen Sätze von Computerbildschirmen ab, während eine Kamera ihre Augenbewegungen aufnimmt. Die Blicke gehen dabei keineswegs mit
einer kontinuierlichen Bewegung von links nach rechts, tasten die Buchstaben also nicht der Reihenfolge nach ab. Die Augen springen mit schnellen
Biewielgunigen (Sakkaden), verweilen einge
Zeit
lang auf ce iinfeim Wort, um dann zum nächsten oder übernächsten zu
eilen und lassen kleine, leicht zu erkennende oder häufige Wörter oft aus, kommen aber gelegentlich auch auf ein zunächst
übersprungenes oder bereits fixiertes Wort zurück. Der Physiker Engbert und der kognitive Psychologe Kliegl haben nun ein mathematisches Modell entwickelt, das dieses Verhalten wiediengleiblen kann
„Bisher domi
nieren rc sequenzielle Mo
delle die Literatur“, sagt Engbert, also Modelle, in denen angenommen wurde, dass beim Lesen die Worte immer der Reihenfolge nach verarbeitet werden.„Doch Lesen ist anders
als Hören, in vielen Sätzen springen wir beim Lesen auch noch mal im Text zurück“. Das neue Blickbewegungsmodell macht hier theoretische Vorhersagen, die experimentell im Labor überprüft werden können. Eingeflossen in die Modellierung sind auch neue neurophysiologische Ergebnisse, die zeigten, dass die Planung der Blickbewegungen viel flexibler und kurzfristiger abläuft, als man bislang angenommen hat. Das neue mathematische Modell passt ausgesprochen gut zu den experimentellen Daten- die Blicke verraten also, was die Neuronen des Gehirns an Steuerarbeit leisten müssen. Vom Verständnis der beiden entscheidenden Prozesse beim Lesen— der Blicksteuerung und der lexikalischen Verarbeitung— erhoffen die Wissenschaftler in Zukunft auch Hilfe für Kinder mit Leseschwäche. Zur Zeit fließen die Ergebnisse aus dem mathematischen Modell bereits in den Aufbau neuartiger Experimente ein, an denen auch Kinder mit Leseschwierigkeiten teilnehmen.
ar
Vermeiden oder sich stellen
Über den unterschiedlichen Umgang mit Gefahr
Fast jede Frau kennt die Angst vor einsamen, dunklen Wegen, leeren Parkhäusern oder anderen Gefahrenstellen. Viele haben sexuelle Aggressionen oder sogar eine Vergewaltigung bereits selbst erlebt. Wie aber Frauen mit solchen Ängsten umgehen und welche kognitiven Strategien sie entwickelt haben, um mit diesem täglichen Stressfaktor zu Jeben, hat Professor Dr. Barbara Krahe, Psychologin an der Universität Potsdam nun untersucht.
Für diese Studie arbeitete Krahe mit 143 Psychologiestudentinnen. Fast 40 Prozent dieser jungen Frauen gaben an, bereits tatsächlich einen Übergriff erlebt zu haben. Drei Viertel berichteten, dass sie Angst hätten, zum Opfer zu werden. Alle Studentinnen wurden mit einer detaillierten und realistischen Schilderung einer Vergewaltigung anhand eines Polizeiprotokolls
konfrontiert und gebeten, sich in das Opfer hineinzuversetzen. Danach machten sie Tests, die auf ihre kognitiven Strategien
Für viele Frauen ist die Angst ständiger Wegbegleiter.
schließen ließen. Grob lassen sich dabei vier Kategorien unterscheiden: Niedrigängstliche, Hochängstliche, Angstvermeiderinnen und Sensibilisiererinnen. Während die Angstvermei
derinnen ihre Aufmerksamkeit leicht von bedrohlichen Informationen abwenden, um sich nicht damit zug belasten;
Foto: Repro
reagieren Sensibilisiererinnen auf Gefahrenreize mit verstärkter Aufmerksamkeit. Nach diesen Tests sollten alle Studentinnen möglichst detailgetreu aufschreiben, woran sie sich aus der
Schilderung noch erinnerten. Tatsächlich erinnerten sich die Angstvermeiderinnen am schlechtesten. Sie hatten das schreckliche Erlebnis bereits weitgehend aus ihrem Gedächtnis verbannt.„Mit beiden Strategien kauft man Vor- und Nachteile ein“, erklärt Krahe. Die Sensibilisiererinnen sind zwar durch ihre deutliche Wahrnehmung von Gefahrensituationen ständig belastet, können sich aber auch besser durch rechtzeitige Vorsichtsmaßnahmen schützen. Die Angst-Vermeiderinnen dagegen haben, wie einige Studien zeigen, durch ihre“rosa Brille” eine positivere Lebenseinstellung und bessere soziale Kontakte nehmen dafür aber auch mögliche Risiken nicht so deutlich zur Kenntnis. Am schlechtesten fahren allerdings die Hochängstlichen, meint Krahe. Denn sie leiden unter dem permanenten Gefühl des Bedrohtseins und verdrängen dennoch die realen Gefahren. Und bezahlen so einen doppelten Preis: Ein hohes Risiko und eine starke Einschränkung der persönlichen Freiheit. ar
13