PUTZ 4/01
Titel
Mehr Hilfe für den Alltag
Maschinelle Intelligenz löst konkrete Aufgaben
Professor Dr. James Delgrande ist für drei Monate als Gast in der Arbeitsgruppe des Potsdamer Informatikprofessors Dr. Torsten Schaub. Der theoretische Informatiker aus Kanada von der Simon Fraser University arbeitet an Fragen der Künstlichen Intelligenz. Mit dem Wissenschaftler sprach PUTZ-Redakteurin Antonia Rötger. Wo steht die Künstliche Intelligenz heute?
Delgrande: Es gibt zur Zeit zwei Paradigmen, die im Wettstreit liegen. Zum einen versuchen Wissenschaftler, Künstliche Intelligenz sagen von unten her zu erzeugen: Aus wenigen einfachen Regeln sollen sich hier wie von selbst komplexere Systeme entwickeln. Aber es zeigt sich, dass solche Ansätze oft nur an kleinen Spielzeugen funktionijeren. Zum anderen gibt es den Ansatz von oben nach unten, den beispielsweise wir verfolgen.
SOZU
Sie analysieren das Problemfeld so genau wie möglich und geben alle Regeln vor. Doch das wird schnell sehr kompliziert. Gibt es denn praktische Beispiele dafür, dass solche regelbasierten Systeme funktionieren?
Delgrande: Der Computerhersteller DEC entwickelte vor ein paar Jahren zum Beispiel ein Experten-System, das Computer konfigurieren konnte. Es benutzte bis zu 5000 Regeln und war viel besser als Menschen im Konfigurieren von Computern.
Wie gehen Sie vor, um eine Aufgabe computertauglich zu beschreiben?
Delgrande: Alles Wissen, das der Computer benutzen wird, muss formal und mit eindeutigen Symbolen abgelegt sein. Wenn man ins Programm schaut, sieht man Symbole und kann ihre Bedeutung ablesen: Dies steht für John, das steht für Mary. Hier steht, dass John mit Mary verheiratet ist, dort sehe
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ich, dass Mary einen Doktortitel hat und dass sie drei Kinder haben. Im Prinzip kann man mit unserem Ansatz dem Computer Fragen stellen.
Bei welcher Art von Problemen ist dieser Ansatz erfolgreich?
Delgrande: Ich glaube, dass die meisten dafür eignen. Es gibt aber Aufgaben, die mit diesem deklarativen Ansatz nicht so gut gemeistert werden können und das sind Aufgaben, bei denen es um Geschicklichkeit geht. Es ist zum Beispiel schwer, genau in Regeln zu fassen, wie man ein Fahrrad fährt. Dies lernt man durch Selbstregulation, durch Feed-Back.
Probleme sich
Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Delgrande: Ich arbeite an zwei Problemen, der Erforschung genereller Prinzipien zur Wissensrevision und dem nichtmonotonen Schließen. Beides tun wir Menschen ständig. Das ist eine Art Kontrast zur förmalen Logik. Wenn man in Mathematik etwas beweist, dann bleibt es unbedingt gültig. Aber wir erfahren ständig neue Informationen, die unsere Schlussfolgerungen verändern.
Können Sie uns ein Beispiel nennen?
Delgrande: Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie müssen einen Käfig für einen Vogel bauen. Er wird nach oben geschlossen sein. Erst jerzt sage ich Ihnen aber, dass es sich um einen Pinguin handelt, und dadurch ändert sich alles. Die allermeisten Denkprozesse von Menschen sind flexibel angelegt.
Was können Systeme mit Künstlicher Intelligenz in Zukunft leisten?
Delgrande: Was immer sie in der. Vergangenheit,„geleistet haben, kam meist als Überraschung. In den 60-er Jahren dachten: die.Leute,..dass sie: in Zukunft. sehr; smarte,. große
Maschinen haben würden, die zum Beispiel Sprachen übersetzen könnten. Und vierzig Jahre später wissen wir, dass dieses Problem viel schwieriger ist und Sprachübersetzung höchstens in begrenztem Kontext funktioniert. Wir haben bei uns an der Universität ein System entwickelt, das zum Beispiel die Untertitel von englischsprachigen Filmen ins Spanische übersetzt. In Kanada wird inzwischen auch der Wetterbericht automatisch ins Französische oder Englische übersetzt. Denn das Wetter ist ja ein eng umrissenes Thema.
Dr. James Delgrande beschäftigt sich mit Fragen künstlicher Intelligenz. Foto: Fritze
Gibt. es Gebiete, in denen Systeme mit Künstlicher Intelligenz niemals an einen Menschen herankommen könnten?
Delgrande: Ich denke, dass sie es im Prinzip könnten. Unser Gehirn ist eine sehr kompakte und außerordentlich komplexe Maschine, und wenn man nicht an Zauberei glaubt, sondern davon ausgeht, dass unsere Denkprozesse etwas mit der Vernetzung der Nervenzellen und der Übermittlung von Chemikalien zu tun haben, dann kann man auch davon ausgehen, dass es im Prinzip möglich sein müsste, eine ähnlich komplexe Maschine zu bauen. Ich glaube aber; dass: dies ‚das falsche. Ziel wäre, und das die Entwicklung in eine andere Richtung geht: In kleine Anwendungen, die Men
schen helfen, wie Autos, die Auffahrunfälle nicht mehr zulassen und ähnliche praktische Dinge.
Vielen Dank für das Gespräch.
Graduiertenkolleg
Seit April des Jahres 1996 gibt es an der Universität Porsdam das Graduiertenkolleg“Ökonomie und Komplexität in der Sprache”. Es war das erste von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwüchses an der Hochschule eingerichtete Kolleg. Seine Laufzeit beträgt insgesamt neun Jahre. Die Potsdamer Wissenschaftler forschen gemeinsam mit Sprachwissenschaftlern der HumboldtUniversität zu Berlin und des Zentrums‘für Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin. Gegenwärtig sind 15 Professoren, ein Postdoktorand und zehn Doktoranden beteiligt. Ziel des Kollegs ist es, die vielfältigen linguistischen Forschungs- und Lehrpotenziale im Berlin-Brandenburger Raum zusammenzuführen und für eine hochwertige Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu nutzen. Zum Forschungs- und Studienprogramm des Kollegs tragen viele linguistische Teildisziplinen bei. Dazu gehören neben Phonetik, Phonologie, Morphologie, Syntax und Semantik auch Computerlinguistik, Psycholinguistik und Sprachpathologie sowie die Historische Sprachwissenschaft.
B.E.