Heft 
(1.1.2019) 04
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Titel

PUTZ 4/01

Ein Album für neue Namen

Gegen Gedächtnisschwächen im Alter

Gedächtnis und Konzentra­tionsfähigkeit lassen in der Regel im letzten Lebensdrittel auch bei gesunden Menschen nach. Wie sich dieser Alte­rungsprozess auf die Leis­tungsfähigkeit älterer Men­schen auswirkt, sei jedoch gar nicht leicht zu beantworten, sagt Professor Dr. Reinhold Kliegl. Der Potsdamer Kogni­tionspsychologe untersucht seit vielen Jahren die geistigen Fähigkeiten älterer Erwach­sener im Vergleich zu denen jüngerer Personen und ver­sucht, die Veränderungen messbar zu machen.

Mit verschiedenen und oft unbe­wussten Strategien können Ältere kleine Schwächen ausglei­chen und sogar überkompen­sieren. Außerdem geht der Zugriff auf Expertenwissen im Alter normalerweise nicht zurück, und durch lebenslange Erfahrung halten Ältere manch­mal bis weit in das Greisenalter hinein ihren Vorsprung. Unter den mächtigsten Politikern der Welt finden sich auffällig viele hochbetagte Menschen, meist Männer, die sich soziale Netz­werke aufgebaut haben, deren Fäden sie fest in der Hand hal­ten. Die für das Management solcher sozialen Netzwerke notwendigen geistigen Leistun­gen sind allerdings aus kogniti­ver Perspektive bislang noch kaum untersucht.

Im Alltag bewältigen manche älteren Menschen ihre Aufgaben besser als jüngere. Sie führen zum Beispiel systematisch einen Terminkalender und Merk­Listen und können so effizienter sein als weniger erfahrene Men­schen.

Unterschiede im Gedächtnis

Der Unterschied zeige sich erst in vergleichsweise alltagsfrem­den Situationen, betont Kliegl. Im Kognitionslabor der Pots­damer Forscher müssen die Versuchspersonen zum Beispiel lange Arithmetik-Aufgaben mit Klammern im Kopf ausrechnen. Das Behalten von Zwischen­ergebnissen und das Weiter­rechnen mit ihnen fällt den

Älteren deutlich schwerer als den jüngeren Teilnehmern, und sie benötigen in der Regel auch mehr Zeit dazu. Bei einfachen Arithmetik-Aufgaben, bei denen der Reihe nach einstellige Zahlen addiert werden und immer nur das aktuelle Ergebnis relevant ist, gibt es dagegen kaum Unterschiede zwischen Jung und Alt. Bei solchen ein­fachen Aufgaben können Men­schen auf gelerntes Wissen zurückgreifen.

Während man Rechenaufgaben im Alltag leicht mit ein paar Notizen meistert, leiden viele ältere Menschen am meisten darunter, dass sie sich schlecht an Namen neuer Bekannt­schaften erinnern können. Kliegl und seine Mitarbeiterin Dr. Doris Philipp machten zu diesem Problem eine Trainings­studie mit siebzig- bis achtzig­jährigen Versuchspersonen, die zu den besten ihrer Altersgruppe zählten und geistig sehr aktiv waren. Über ein halbes Jahr trainierten|sie die STeilnehmer mit Tricks von Gedächtniskünst­lern und neuesten kognitions­psychologischen Erkenntnissen, sich Listen von Gesichtern und Orten einzuprägen.In den letz­ten drei Monaten stellten wir jedem Teilnehmer sogar einen Computer in die Wohnung, an dem sie nahezu täglich übten, erzählt Kliegl. Dennoch blieb der Erfolg unter den Leistun­gen, die junge Erwachsene nach kurzer Instruktion zeigten.Wir hatten Erfolge, aber der Auf­wand war enorm sagt der Psychologe. Dazu kommt, dass solche Trainingserfolge leider kaum auf andere Bereiche über­tragbar sind: Wenn man sein Gesichts- und Namensgedächt­nis verbessert, dann hilft das noch nicht dabei, sich Termine zu merken. Und auch der Aufenthaltsort der Brille bleibt weiter ein Problem. Für jedes Gedächtnisdefizit gibt es effek­tive Maßnahmen, aber sie müs­sen eben maßgeschneidert sein.

Gesichter und Namen sammeln

Professor Kliegl zieht vor allem eine Schlussfolgerung aus diesen

Ergebnissen:Man muss sich überlegen, was einen am aller­meisten stört, und dies zu einem Hobby machen, zum Beispiel das Gedächtnis für Gesichter und Namen. Dann könnte man beispielsweise ein Album anle­gen, in das man die Visiten­karten oder die Namen von neuen Bekannten einträgt, viel­leicht ergänzt von Notizen, wo und wie man sich kennen gelernt hat.Man muss im Grunde ein

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genheit zur Übung. Während einer Woche hatten(Halle Versuchsteilnehmer auch Zähler dabei, die sie jedes Mal drücken sollten, wenn sie sich an den Namen eines Bekannten erin­nern mussten. Doch viele Teil­nehmer kamen nach einer Woche mit zwei, drei Kontakten zurück. Kliegl selbst, der sich ebenfalls mit dem Zähler ausgestattet hatte, begegnete dagegen täglich 30 bis 40 Bekannten. Im Berufs­

Wer rastet, der vostet. Das gilt auch für die geistige Aktivität älterer Menschen. Foto: Fritze

Briefmarkensammler für Ge­sichter werden, eine Experten­fähigkeit entwickeln und jeden Abend wie ein Sammler sein Album durchsehen, meint Kliegl. Das beliebte Kreuzwort­rätseln dagegen bringt für die geistige Beweglichkeit sehr wenig, insbesondere dann, wenn dabei nur bekanntes Wissen abgerufen wird. Denn beim Kreuzworträtseln sind Wort­schatz und Wissen gefordert, und beides geht im gesunden Alter kaum zurück. Dann wäre es beispielsweise schon besser, mit der Enkelin Memory zu spielen, denn dies fordert das Gedächtnis und die räumliche Koordination.

Bei dieser Studie beobachteten Kliegl und seine Mitarbeiter noch einen anderen Grund für ein nachlassendes Namens­gedächtnis: Mangelnde Gele­

leben trifft man ständig Men­schen und hat daher auch Übung mit dem Erinnern an gerade frisch gelernte Namen. Es kann sein, dass durch die zurückgezogene Lebensweise älterer Menschen diese Fähig­keiten auch ein bißchen ein­rosten. Dieses Ergebnis nahm eine Teilnehmerin zum Anlass, bewusst auf neue Bekannt­schaften zuzugehen. Sie sprach zum Beispiel ihren Zeitungs­verkäufer an und fragte ihn nach seinem Namen. Auf diese nette Art hat sich die ältere Dame nun weitere Situationen erzeugt, in denen sie sich neue Namen merken kann und muss. Solche selbsterdachten Strategien zeu­gen von der hohen geistigen Leistungsfähigkeit und Kreativi­tät vieler älterer Menschen.

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