Titel
PUTZ 4/01
Ein Album für neue Namen
Gegen Gedächtnisschwächen im Alter
Gedächtnis und Konzentrationsfähigkeit lassen in der Regel im letzten Lebensdrittel auch bei gesunden Menschen nach. Wie sich dieser Alterungsprozess auf die Leistungsfähigkeit älterer Menschen auswirkt, sei jedoch gar nicht leicht zu beantworten, sagt Professor Dr. Reinhold Kliegl. Der Potsdamer Kognitionspsychologe untersucht seit vielen Jahren die geistigen Fähigkeiten älterer Erwachsener im Vergleich zu denen jüngerer Personen und versucht, die Veränderungen messbar zu machen.
Mit verschiedenen und oft unbewussten Strategien können Ältere kleine Schwächen ausgleichen und sogar überkompensieren. Außerdem geht der Zugriff auf Expertenwissen im Alter normalerweise nicht zurück, und durch lebenslange Erfahrung halten Ältere manchmal bis weit in das Greisenalter hinein ihren Vorsprung. Unter den mächtigsten Politikern der Welt finden sich auffällig viele hochbetagte Menschen, meist Männer, die sich soziale Netzwerke aufgebaut haben, deren Fäden sie fest in der Hand halten. Die für das Management solcher sozialen Netzwerke notwendigen geistigen Leistungen sind allerdings aus kognitiver Perspektive bislang noch kaum untersucht.
Im Alltag bewältigen manche älteren Menschen ihre Aufgaben besser als jüngere. Sie führen zum Beispiel systematisch einen Terminkalender und MerkListen und können so effizienter sein als weniger erfahrene Menschen.
Unterschiede im Gedächtnis
Der Unterschied zeige sich erst in vergleichsweise alltagsfremden Situationen, betont Kliegl. Im Kognitionslabor der Potsdamer Forscher müssen die Versuchspersonen zum Beispiel lange Arithmetik-Aufgaben mit Klammern im Kopf ausrechnen. Das Behalten von Zwischenergebnissen und das Weiterrechnen mit ihnen fällt den
Älteren deutlich schwerer als den jüngeren Teilnehmern, und sie benötigen in der Regel auch mehr Zeit dazu. Bei einfachen Arithmetik-Aufgaben, bei denen der Reihe nach einstellige Zahlen addiert werden und immer nur das aktuelle Ergebnis relevant ist, gibt es dagegen kaum Unterschiede zwischen Jung und Alt. Bei solchen einfachen Aufgaben können Menschen auf gelerntes Wissen zurückgreifen.
Während man Rechenaufgaben im Alltag leicht mit ein paar Notizen meistert, leiden viele ältere Menschen am meisten darunter, dass sie sich schlecht an Namen neuer Bekanntschaften erinnern können. Kliegl und seine Mitarbeiterin Dr. Doris Philipp machten zu diesem Problem eine Trainingsstudie mit siebzig- bis achtzigjährigen Versuchspersonen, die zu den besten ihrer Altersgruppe zählten und geistig sehr aktiv waren. Über ein halbes Jahr trainierten|sie die STeilnehmer mit Tricks von Gedächtniskünstlern und neuesten kognitionspsychologischen Erkenntnissen, sich Listen von Gesichtern und Orten einzuprägen.„In den letzten drei Monaten stellten wir jedem Teilnehmer sogar einen Computer in die Wohnung, an dem sie nahezu täglich übten“, erzählt Kliegl. Dennoch blieb der Erfolg unter den Leistungen, die junge Erwachsene nach kurzer Instruktion zeigten.“Wir hatten Erfolge, aber der Aufwand war enorm“ sagt der Psychologe. Dazu kommt, dass solche Trainingserfolge leider kaum auf andere Bereiche übertragbar sind: Wenn man sein Gesichts- und Namensgedächtnis verbessert, dann hilft das noch nicht dabei, sich Termine zu merken. Und auch der Aufenthaltsort der Brille bleibt weiter ein Problem. Für jedes Gedächtnisdefizit gibt es effektive Maßnahmen, aber sie müssen eben maßgeschneidert sein.
Gesichter und Namen sammeln
Professor Kliegl zieht vor allem eine Schlussfolgerung aus diesen
Ergebnissen:„Man muss sich überlegen, was einen am allermeisten stört, und dies zu einem Hobby machen, zum Beispiel das Gedächtnis für Gesichter und Namen.“ Dann könnte man beispielsweise ein Album anlegen, in das man die Visitenkarten oder die Namen von neuen Bekannten einträgt, vielleicht ergänzt von Notizen, wo und wie man sich kennen gelernt hat.„Man muss im Grunde ein
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genheit zur Übung. Während einer Woche hatten(Halle Versuchsteilnehmer auch Zähler dabei, die sie jedes Mal drücken sollten, wenn sie sich an den Namen eines Bekannten erinnern mussten. Doch viele Teilnehmer kamen nach einer Woche mit zwei, drei Kontakten zurück. Kliegl selbst, der sich ebenfalls mit dem Zähler ausgestattet hatte, begegnete dagegen täglich 30 bis 40 Bekannten. Im Berufs
Wer rastet, der vostet. Das gilt auch für die geistige Aktivität älterer Menschen. Foto: Fritze
Briefmarkensammler für Gesichter werden, eine Expertenfähigkeit entwickeln und jeden Abend wie ein Sammler sein Album durchsehen“, meint Kliegl. Das beliebte Kreuzworträtseln dagegen bringt für die geistige Beweglichkeit sehr wenig, insbesondere dann, wenn dabei nur bekanntes Wissen abgerufen wird. Denn beim Kreuzworträtseln sind Wortschatz und Wissen gefordert, und beides geht im gesunden Alter kaum zurück. Dann wäre es beispielsweise schon besser, mit der Enkelin Memory zu spielen, denn dies fordert das Gedächtnis und die räumliche Koordination.
Bei dieser Studie beobachteten Kliegl und seine Mitarbeiter noch einen anderen Grund für ein nachlassendes Namensgedächtnis: Mangelnde Gele
leben trifft man ständig Menschen und hat daher auch Übung mit dem Erinnern an gerade frisch gelernte Namen. Es kann sein, dass durch die zurückgezogene Lebensweise älterer Menschen diese Fähigkeiten auch ein bißchen einrosten. Dieses Ergebnis nahm eine Teilnehmerin zum Anlass, bewusst auf neue Bekanntschaften zuzugehen. Sie sprach zum Beispiel ihren Zeitungsverkäufer an und fragte ihn nach seinem Namen. Auf diese nette Art hat sich die ältere Dame nun weitere Situationen erzeugt, in denen sie sich neue Namen merken kann und muss. Solche selbsterdachten Strategien zeugen von der hohen geistigen Leistungsfähigkeit und Kreativität vieler älterer Menschen.
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