Heft 
(1.1.2019) 04
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PUTZ 4/01

Titel

Die Sprache verschlagen

Aphasie kann durch Sprachtherapie behandelt werden

Aus heiterem Himmel trifft ein Schlaganfall sein Opfer. Eine feine Ader im Gehirn setzt sich zu, Hirnregionen werden nicht mehr versorgt und sterben ab. Werden dabei die Sprachzentren der linken Hirnhälfte beschädigt, so kann der Patient nicht mehr richtig sprechen: Aphasie lautet dann die Diagnose.

Die Angehörigen wissen oft nicht, wie sie mit dem Patienten umgehen sollen, bringen ihm Kinderbücher oder behandeln ihn wie einen geistig Behin­derten. Eine furchtbare Erfah­rung für beide Seiten. Und ein Missverständnis, denn die kogni­tive Leistungsfähigkeit ist im Allgemeinen nicht beeinträch­tigt, sagt Prof. Dr. Ria De Bleser

Zwei Hauptzentren

Dass Sprache ihren Sitz in be­stimmten Hirnregionen hat, weiß man schon seit gut hundert Jahren. Nach Obduktionen an verstorbenen Patienten mit besonders charakteristischen Sprachstörungen identifizierte man die beiden Hauptzentren in der linken Hirnhälfte: Das Broca-Areal, das offenbar für die Sprachproduktion zuständig ist, sowie die Wernicke-Region, in welcher die Bedeutung von Worten und Sätzen verarbeitet wird. Patienten mit Broca­Aphasie sprechen im so genann­ten Telegramm-Stil, aber ihre gestammelten Sätze sind sinn­voll undsie verstehen alles. Wernicke-Patienten reden dage­gen wie ein Wasserfall, aber ihre Wörterflut hat oft wenig mit dem zu tun, was sie eigentlich

Die beiden Hauptzentren von Sprache befinden sich in der linken Hirnhälfte. Es handelt sich dabei um die Wernicke-Region(l.) und das Broca-Areal. Foto: Repro

vom Institut für Patholinguistik der Universität Potsdam. Apha­sie wird am häufigsten durch Schlaganfall verursacht, aber auch ein Hirn-Tumor kann die Sprachzentren beschädigen. Im Durchschnitt sind die Patienten, die zum Potsdamer Zentrum für angewandte Patholinguistik kommen, erst fünfzig Jahre alt.

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ausdrücken möchten. Mit her­kömmlichen Testverfahren teilt man die Patienten grob in vier Kategorien ein, doch in Wirk­lichkeit ist jeder Patient ein Sonderfall. Das jedenfalls meint De Bleser. An ihrem Institut wurde jetzt ein sehr viel genaueres Testmaterial entwi­ckelt; das in Kürze bei Hogrefe

erscheint. Der Lexikon- und Morphologie- Test, kurz LEMO, erlaubt eine detaillierte Einzel­analyse und produziert com­puterunterstützt eine Diagnose, so dass er auch in der Praxis niedergelassener Ärzte einge­setzt werden kann.

Schnelle Therapie

Schon kurz nach dem Schlaganfall sollten die ersten sprachlichen Übungen begin­nen, und nach vier bis sechs Wochen kann die gezielte Therapie einsetzen. Gelegentlich wird eine Aphasie jedoch noch von einer Störung in der Planung der Sprechvorgänge überlagert, und das echte Bild der Aphasie kommt erst zum Vorschein, nachdem die Sprech­apraxie gemildert wurde. Des­halb zeigen sich manche Verbes­serungen erst nach einem Jahr. Manche Patienten lassen Präpo­sitionen und Konjugationen fort, sprechen in Inhaltswörtern und Zweiwort-Sätzen wie: Kaffee getrunken, Schlafen gegangen, Fernseh gucken. Diese Patienten kommen nur mit eindeutigen Sätzen zurecht, wie:Das Kind isst den Apfel. Ein solcher Satz verliert beim Umdrehen seinen Sinn, denn der Apfel wird nie das Kind aufessen können. Da die Patien­ten die Bedeutung von Inhalts­wörtern verstehen, macht ihnen das keine Schwierigkeiten. Aber es gibt Sätze, die ohne Gram­matik mehrdeutig werden, zum Beispiel:Das Mädchen ärgert den Jungen. Die Patholinguis­ten arbeiten bei der Therapie mit Sätzen, wo beide Aktanden Sub­jekt und Objekt sein können.

Oder auch mit passiven Sätzen.

wie:Der Junge wird von dem Mädchen geärgert. Dabei lässt sich nicht durch die Reihenfolge erschließen, wer nun das Subjekt ist.Da führen die kognitiven Strategien solcher Patienten nicht zum Ziel. Wir arbeiten mit dem Patienten und so lernt er wieder, wie er diese Sätze richtig deuten kann, erklärt De Bleser. Auch einTotalausfall von Sprache kommt vor: Patienten, die an globaler Aphasie leiden, äußern sich nur noch mit immer

derselben Silbe, zum Beispiel mitdadadada. Allerdings be­tonen sie diese Silben ausgespro­chen stark. Die Vermutung lag nahe, dass sie sich über eine Satzmelodie mitteilen möchten. Doch in einer Untersuchung an zehn Patienten mussten die Potsdamer Patholinguisten diese Hypothese fallen lassen, hinter den Betonungen verbargen sich stereotype Muster. Die manch­mal kuriosen Sprachstörungen sind äußerst quälend für die Patienten und ihre Familien: Manche sagen immer wieder dieselben Satzfragmente. Sie wüssten genau, dass dies nicht angemessen sei und seien oft furchtbar frustriert, erklärt De Bleser. Was aber passiert bei einer Therapie im Gehirn? Mit der funktionalen Kernspin­tomografie lässt sich beispiels­weise beobachten, dass bei Aphasie-Patienten im Verlauf der Therapie die Regionen um die Läsion herum stärker aktiviert werden. Das war eine Über­raschung, denn bisher vermutete man, dass die rechte Hirnhälfte Funktionen übernehmen könn­te, die in der linken Hälfte beschädigt wurden.Wir glau­ben schon, dass die Therapie auch physische Auswirkungen hat, sagt De Bleser. Denn das Gehirn ist auch im Erwach­senenalter noch erstaunlich fle­xibel, und eine Sprachstörung nach einem Schlaganfall kann sich daher teilweise und manch­mal sogar vollständig wieder zurückbilden. ar

Das Zentrum für angewandte Patholinguistik in Potsdam besteht seit sieben Jahren. Aufgebaut hat es die Linguistin Prof. Dr. Ria De Bleser, die damals aus Aachen an die Uni Potsdam berufen wurde und dort auch den bundesweit ein­maligen Studiengang Patholin­guistik konzipiert hat. Das Zentrum hat eine Kranken­kassenzulassung, aber behan­delt auch Patienten, bei denen die Kassen keine Therapie mehr bezahlen, weil der Schlaganfall schon länger zurückliegt.