Titel
PUTZ 4/01
Schon Babies üben Sprechen
Störungen beim Spracherwerb untersucht
Schon im Mutterleib hören Babies aufmerksam auf Stimmen. Neugeborene lieben es, wenn ihre Mutter mit ihnen spricht. Sie scheinen von Sprache fasziniert und beginnen bald mit den ersten Versuchen, sich mit Lauten zu verständigen. So erwerben Kinder normalerweise in den ersten drei Lebensjahren wie von selbst den Grundwortschatz und die Kernbereiche der Grammatik, kurz ihre Muttersprache. Doch drei bis acht Prozent der Kinder eines Jahrganges haben erhebliche Schwierigkeiten dabei, obwohl bei ihnen sonst keine anderen Beeinträchtigungen festzustellen sind. Man spricht in diesem Fall von spezifischen Spracherwerbsstörungen. Diese Kinder beginnen gewöhnlich erst spät zu sprechen, haben nur einen kleinen Wortschatz, machen grammatische Fehler und verstehen Sprache schlechter als Gleichaltrige.
Noch immer ist weitgehend unklar, worauf diese Störungen zurückzuführen sind. Diskutiert werden genetische und neuroanatomische Abweichungen, Wahrnehmungsstörungen, kognitive Defizite, aber auch rein sprachliche Ursachen. Es liegt auf der Hand, dass diese Wissenslücken die Diagnose, Therapie und vor allem die Prävention von Spracherwerbsstörungen stark einschränken. Vieles deutet darauf hin, dass die Lernfähigkeit des Gehirns mit zunehmendem Alter des Kindes nachlässt. Wenn ein Kind die notwendigen Erfahrungen und Lernschritte für den Spracherwerb nicht rechtzeitig macht, könnte dies dazu führen, dass seine sprachliche Entwicklung abweichend verläuft, mit all den Folgen, die dies nach sich zieht: Schwierigkeiten in der Kommunikation führen oft zu Schulversagen und zu Aggressivität. Je früher deshalb Anzeichen für eine Sprachstörung erkannt werden, desto erfolgreicher kann auch‘ eine gezielte Unterstützung wirken.
Studie mit 250 Babies
Seit August 2000 arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Sprachwissen
schaft, der Psycho- und Neurolinguistik, der Entwicklungspsychologie, der Audiologie und der Humanbiologie in Potsdam, Berlin(Freie Universität und Humboldt-Universität), Konstanz, Magdeburg und dem Max-Planck-Institut für Neuropsychologische Forschung in
Kinder erlernen normalerweise in den ersten drei Jahren ihre Muttersprache. Einige von ihnen aber haben dabei Schwierigkeiten. Woran das liegt, wollen Wissenschaftler der Uni Potsdam gemeinsam mit Fachkollegen anderer
Einrichtungen herausfinden.
Leipzig mit Medizinern der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Lindenhof am Krankenhaus Lichtenberg gemeinsam an einer bislang einzigartigen Langzeitstudie. Die Forschergruppe “Frühkindliche Sprachentwicklung und spezifische Sprachentwicklungsstörungen” wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft(DFG) mit 15S Millionen DM für zunächst zwei Jahre gefördert. Hierzu kommen die Mittel aus den teilnehmenden Institutionen selbst. Die Studie soll die Entwicklung von 250 medizinisch unauffälligen Kindern in ihren ersten drei Lebensjahren begleiten: Vom Schreien und Lallen der Säuglinge über die ersten Wörter bis zu vollständigen und manchmal schon grammatisch komplexen Sätzen bei Dreijährigen. Parallel beobachten die Wissenschaftler auch die kognitive und soziale Entwicklung der Kinder, testen
ihr Gehör und untersuchen ihre neurologische und motorische Entwicklung. Bei einer Stichprobengröße von 250 Kindern ist zu erwarten, dass bei einer Reihe von Kindern Sprachentwicklungsstörungen auftreten. Diese Kinder können voraussichtlich im Alter von zwei und
Foto: Hainz
vier Jahren durch verschiedene Tests identifiziert werden. So lässt sich im nachhinein feststellen, in welchen Bereichen sich die Entwicklung dieser sprachgestörten Kinder von denen ohne sprachliche Schwierigkeiten unterscheidet. Zu erwarten ist, dass vielleicht schon im Säuglingsalter Unterschiede deutlich werden, die mögliche spätere Spracherwerbsstörungen vorherzusagen erlauben. Wenn eine derart frühe Diagnose möglich wäre, könnte man neue und sehr früh greifende Verfahren entwickeln, die die gefährdeten Kinder beim Spracherwerb gezielt unterstützen.
Frühe Diagnose— frühe Therapie
Von den Wissenschaftlern wird vermutet, dass bei Spracher
werbsstörungen mehrere De
fizite eine Rolle spielen. Das können beispielsweise Defizite im Bereich der Informationsverarbeitung sein: Das Kind hört etwa aus der Sprache Wort- und Satzmelodie und Rhythmus schlecht heraus, beides sind aber wichtige Informationen für den Erwerb der Sprache. Es kommen aber auch Defizite der sprachlichen Lernmechanismen in Frage; zum Beispiel, wenn ein Kind zwar über eine intakte rhythmische Wahrnehmung verfügt, aus diesen Informationen aber nicht von selbst auf die Regeln schließen kann, die der deutschen Wortbetonung zugrunde liegen. Niemand kann zur Zeit sagen, ob Spracherwerbsstörungen der frühen Kindheit dauerhaft bestehen bleiben. Daher ist beabsichtigt, die Kinder im Alter von vier und fünf Jahren noch einmal zu untersuchen, um so die Genauigkeit der Frühdiagnosen zu überprüfen.
Kinder gesucht
Zur Zeit ist man auf der Suche nach weiteren werdenden Elternpaaren für die Mitarbeit an dieser Studie. Dabei legen die Forscher Wert auf Zuverlässigkeit und Motivation, denn sie möchten die Kinder mehrere Jahre lang begleiten. Die Eltern erwartet neben einer Aufwandsentschädigung ein engagiertes Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, darunter auch Kinderärztinnen, das die Entwicklung der beteiligten Kinder liebevoll und sorgfältig beobachtet und für alle Fragen offen ist. Außerdem tragen die Eltern durch ihre Mitarbeit dazu bei, dass man Kindern mit Störungen beim Spracherwerb in Zukunft hoffentlich besser helfen kann, als es heute möglich ist.
Prof. Dr. Jürgen Weissenborn, Universität Potsdam, Institut für Linguistik und Sprecher der Forschergruppe
Weitere Informationen: Deutsche Spracherwerbsstudie, Koordinationsbüro, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Lindenhof am Krankenhaus Lichtenberg, Gotlindestrasse 2-20, 10365 Berlin, Telefon 03055185171, Internet: http://www.glad-study.de
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