Heft 
(1.1.2019) 04
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Titel

PUTZ 4/01

Schon Babies üben Sprechen

Störungen beim Spracherwerb untersucht

Schon im Mutterleib hören Babies aufmerksam auf Stim­men. Neugeborene lieben es, wenn ihre Mutter mit ihnen spricht. Sie scheinen von Sprache fasziniert und begin­nen bald mit den ersten Versuchen, sich mit Lauten zu verständigen. So erwerben Kinder normalerweise in den ersten drei Lebensjahren wie von selbst den Grundwort­schatz und die Kernbereiche der Grammatik, kurz ihre Muttersprache. Doch drei bis acht Prozent der Kinder eines Jahrganges haben erhebliche Schwierigkeiten dabei, obwohl bei ihnen sonst keine anderen Beeinträchtigungen festzu­stellen sind. Man spricht in diesem Fall von spezifischen Spracherwerbsstörungen. Diese Kinder beginnen ge­wöhnlich erst spät zu spre­chen, haben nur einen kleinen Wortschatz, machen gramma­tische Fehler und verstehen Sprache schlechter als Gleich­altrige.

Noch immer ist weitgehend unklar, worauf diese Störungen zurückzuführen sind. Diskutiert werden genetische und neu­roanatomische Abweichungen, Wahrnehmungsstörungen, kog­nitive Defizite, aber auch rein sprachliche Ursachen. Es liegt auf der Hand, dass diese Wis­senslücken die Diagnose, Thera­pie und vor allem die Prävention von Spracherwerbsstörungen stark einschränken. Vieles deutet darauf hin, dass die Lern­fähigkeit des Gehirns mit zu­nehmendem Alter des Kindes nachlässt. Wenn ein Kind die notwendigen Erfahrungen und Lernschritte für den Sprach­erwerb nicht rechtzeitig macht, könnte dies dazu führen, dass seine sprachliche Entwicklung abweichend verläuft, mit all den Folgen, die dies nach sich zieht: Schwierigkeiten in der Kommu­nikation führen oft zu Schulver­sagen und zu Aggressivität. Je früher deshalb Anzeichen für eine Sprachstörung erkannt wer­den, desto erfolgreicher kann auch eine gezielte Unterstüt­zung wirken.

Studie mit 250 Babies

Seit August 2000 arbeiten Wis­senschaftlerinnen und Wissen­schaftler aus der Sprachwissen­

schaft, der Psycho- und Neuro­linguistik, der Entwicklungspsy­chologie, der Audiologie und der Humanbiologie in Potsdam, Berlin(Freie Universität und Humboldt-Universität), Kon­stanz, Magdeburg und dem Max-Planck-Institut für Neuro­psychologische Forschung in

Kinder erlernen normalerweise in den ersten drei Jahren ihre Muttersprache. Einige von ihnen aber haben dabei Schwierigkeiten. Woran das liegt, wollen Wissenschaftler der Uni Potsdam gemeinsam mit Fachkollegen anderer

Einrichtungen herausfinden.

Leipzig mit Medizinern der Klinik für Kinder- und Jugend­medizin Lindenhof am Kranken­haus Lichtenberg gemeinsam an einer bislang einzigartigen Lang­zeitstudie. Die Forschergruppe Frühkindliche Sprachentwick­lung und spezifische Sprachent­wicklungsstörungen wird von der Deutschen Forschungs­gemeinschaft(DFG) mit 15S Millionen DM für zunächst zwei Jahre gefördert. Hierzu kom­men die Mittel aus den teil­nehmenden Institutionen selbst. Die Studie soll die Entwicklung von 250 medizinisch unauffälli­gen Kindern in ihren ersten drei Lebensjahren begleiten: Vom Schreien und Lallen der Säug­linge über die ersten Wörter bis zu vollständigen und manchmal schon grammatisch komplexen Sätzen bei Dreijährigen. Parallel beobachten die Wissenschaftler auch die kognitive und soziale Entwicklung der Kinder, testen

ihr Gehör und untersuchen ihre neurologische und motorische Entwicklung. Bei einer Stich­probengröße von 250 Kindern ist zu erwarten, dass bei einer Reihe von Kindern Sprachent­wicklungsstörungen auftreten. Diese Kinder können voraus­sichtlich im Alter von zwei und

Foto: Hainz

vier Jahren durch verschiedene Tests identifiziert werden. So lässt sich im nachhinein fest­stellen, in welchen Bereichen sich die Entwicklung dieser sprachgestörten Kinder von denen ohne sprachliche Schwie­rigkeiten unterscheidet. Zu erwarten ist, dass vielleicht schon im Säuglingsalter Unter­schiede deutlich werden, die mögliche spätere Spracherwerbs­störungen vorherzusagen er­lauben. Wenn eine derart frühe Diagnose möglich wäre, könnte man neue und sehr früh grei­fende Verfahren entwickeln, die die gefährdeten Kinder beim Spracherwerb gezielt unter­stützen.

Frühe Diagnose frühe Therapie

Von den Wissenschaftlern wird vermutet, dass bei Spracher­

werbsstörungen mehrere De­

fizite eine Rolle spielen. Das können beispielsweise Defizite im Bereich der Informations­verarbeitung sein: Das Kind hört etwa aus der Sprache Wort- und Satzmelodie und Rhythmus schlecht heraus, beides sind aber wichtige Informationen für den Erwerb der Sprache. Es kom­men aber auch Defizite der sprachlichen Lernmechanismen in Frage; zum Beispiel, wenn ein Kind zwar über eine intakte rhythmische Wahrnehmung ver­fügt, aus diesen Informationen aber nicht von selbst auf die Regeln schließen kann, die der deutschen Wortbetonung zu­grunde liegen. Niemand kann zur Zeit sagen, ob Sprach­erwerbsstörungen der frühen Kindheit dauerhaft bestehen bleiben. Daher ist beabsichtigt, die Kinder im Alter von vier und fünf Jahren noch einmal zu untersuchen, um so die Genau­igkeit der Frühdiagnosen zu überprüfen.

Kinder gesucht

Zur Zeit ist man auf der Suche nach weiteren werdenden Elternpaaren für die Mitarbeit an dieser Studie. Dabei legen die Forscher Wert auf Zuverläs­sigkeit und Motivation, denn sie möchten die Kinder mehrere Jahre lang begleiten. Die Eltern erwartet neben einer Aufwands­entschädigung ein engagiertes Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, darunter auch Kinderärztinnen, das die Entwicklung der beteiligten Kinder liebevoll und sorgfältig beobachtet und für alle Fragen offen ist. Außerdem tragen die Eltern durch ihre Mitarbeit dazu bei, dass man Kindern mit Störungen beim Spracherwerb in Zukunft hoffentlich besser helfen kann, als es heute möglich ist.

Prof. Dr. Jürgen Weissenborn, Universität Potsdam, Institut für Linguistik und Sprecher der Forschergruppe

Weitere Informationen: Deutsche Spracherwerbsstudie, Koordinationsbüro, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Lindenhof am Krankenhaus Lichten­berg, Gotlindestrasse 2-20, 10365 Berlin, Telefon 030­55185171, Internet: http://www.glad-study.de

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