Heft 
(1.1.2019) 04
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Forschung

PUTZ 4/01

Medizin aus Embryonen?

Leben beginnt bei der befruchteten Eizelle

Die Forschung an Embryonen verspricht neue Therapien und perfekte Ersatzzellen für kran­ke Menschen. Darf man Em­bryonen als werdende Men­schen jedoch dafür benutzen, anderen bereits existierenden Menschen das Leben zu ver­längern? Die Potsdamer Humanbiologin Prof. Dr. Holle Greil ist zur Zeit Vor­sitzende der Gesellschaft für Anthropologie, deren Vor­stand unter Federführung von Prof. Carsten Niemitz von der FU Berlin eine differenzierte Stellungnahme zum Thema Embryonenforschung erar­beitet hat. PUTZ-Redakteurin Antonia Rötger sprach da­rüber mit Prof. Greil.

Warum stehen menschliche befruchtete Eizellen in Deutschland unter strengem Schutz?

Greil: Aus biologischer Sicht beginnt das menschliche Leben mit der befruchteten Eizelle: Alles was nach der Befruchtung passiert, geht kontinuierlich ineinander über. Da gibt es keine scharfe Grenze. Deshalb muss Leben auch von Anfang an unter Schutz gestellt werden. Meine Fachgesellschaft lehnt die For­schung an Embryonen jedoch keineswegs prinzipiell ab. Aber wir müssen darüber aufklären, womit bei der Stammzellen: gewinnung eigentlich gearbeitet wird. Man kann befruchtete Eizellen zu Therapiezwecken im Reagenzglas kultivieren und dann entwickelt sich kein Lebe­wesen daraus. Im Uterus einer Leihmutter könnte sich dieser Embryo aber auch zu einem Menschen entwickeln. Um genau diese Frage sollte sich die gesellschaftliche Diskussion nun drehen. Beim Paragraph 218 hat die Gesellschaft nach sehr langen Diskussionen eine klare Ent­scheidung gefunden: Im Inte­ressenkonflikt für die Mutter.

Einerseits verspricht die Stamm­zellenforschung Schwer­kranken neue Therapien, andererseits verbraucht sie dafür Embryonen. Woher sollen diese denn kommen?

Greil: Man greift auf Embry­onen zurück, die sonst verwor­fen würden, die also bei einer künstlichen Befruchtung übrig geblieben sind und nicht in den Uterus eingepflanzt wurden. Stammzellen lassen sich jedoch auch aus dem Gewebe von geborenen Menschen gewinnen. Das ist schwieriger, weil sie dann schr selten sind. Beispielsweise kann man aus dem Nabel­schnurblut oder aus der Penisvorhaut eines Neugebore­nen Stammzellen gewinnen. Wir meinen, dass die Forschung in diese Richtungen forciert wer­den sollte.

Was verspricht man sich durch das therapeutische Klonen, das in England vor kurzem zugelassen wurde?

Greil: Bei der Transplantation von fremden Stammzellen kann es wie bei jeder Organspende auch zu Gewebeunverträg­lichkeiten? kommen Dieses Risiko haben auch Stammzellen, die aus Embryonen gewonnen werden. Wenn man jedoch eine Eizelle entkernt und mit dem Erbgut des Patienten bestückt, kann man Zellen kultivieren, die identisch? mit denen des Empfängers sind.

In einer alternden Gesellschaft klingt dies verheißungsvoll: Perfekte Ersatzzellen aus dem Reagenzglas. Aber Eizellen gewinnt man nicht so leicht. Es könnte ein Handel entste­hen- junge Frauen spenden Eizellen gegen Geld, damit Zellen für reiche Patienten gezüchtet werden können. Ist das ethisch vertretbar?

Greil: In England bietet man bereits Frauen bei der künst­lichen Befruchtung Meinen Rabatt, wenn sie überzählige Ei­zellen für die- Forschung spenden. Ich meine, das ist ein Schritt in Richtung Kommer­zialisierung und ethisch nicht vertretbar.

Vom therapeutischen Klonen ist es nur ein kleiner Schritt hin zum reproduktiven Klo­nen. Der italienische Arzt Dr.

Severino Antinori verspricht kinderlosen Ehepaaren ein Baby mit dem Chromo­somensatz des Mannes. Wie bewerten Sie das?

Greil: Natur hat sich durch ihre Vielfalt bewährt und jeder Mensch ist eine eigene Persön­lichkeit. Von vornherein bewusst einen eineiigen Zwilling des Vaters zu produzieren, halte ich

Prof. Dr. Holle Greil

Foto: Fritze

für eine gefährliche Anmaßung. Das öffnet außerdem den Weg zu weiteren genetischen Mani­pulationen. Man hat Anfang des Jahres an dem Krallenäffchen Andi gezeigt, dass man auf dem Weg des Einschleusens eines fremden Zellkerns in eine ent­kernte Eizelle auch neue Gene in das Erbmaterial einfügen kann.

Sie sprechen sich allerdings dafür aus, die Präimplan­tationsdiagnostik zuzulassen, mit der künstlich befruchtete Eier, bevor sie in den Uterus der künftigen Mutter einge­setzt werden, auf genetische Abweichungen untersucht werden können.

Greil: Auch hier geht es wieder um einen Interessenkonflikt und es geht um eine Ausnahme­regelung von dem Prinzip, das Leben von Anfang San(zu schützen. Die Bedenken zielen auf die Angst vor Selektion und manipulativen Eingriffen, und das ist Inicht ‚einfach von der Hand zu E weisen. Auf der anderen Seite ist es für eine Frau, die keine Mühen scheut, um ein

Kind zu haben, eine sehr große Belastung, erst nach vier oder fünf Monaten Schwangerschaft durch eine Fruchtwasserunter­suchung von einer schweren Behinderung zu erfahren und sich dann für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch ent­scheiden zu müssen.

Vielen Dank für das Gespräch. Nachzulesen ist die Stellung­

nahme der Gesellschaft für Anthropologie zum Thema

Embryonenforschung im Internet unter der Adresse http: //www.gfanet.de.

Präimplantationsdiagnostik Anders als die pränatale

Diagnostik, die bei allen Schwangeren möglich ist, erfordert die Präaimplan­

tationsdiagnostik(PID) eine künstliche Befruchtung. Wenn sich das künstlich befruchtete Ei außerhalb des Mutterleibs einige Male geteilt hat, ent­nimmt man für die PID eine Zeile und untersucht ihren Chromosomensatz. Nur Em­bryonen. ohne erkennbare Defekte werden anschließend in den Uterus implantiert.

Stammzellen

Ein befruchtetes Ei teilt sich und wächst zu einem Zell­häufehen heran. In den ersten Tagen ist noch jede einzelne Zellen totipotent und könnte sich zu jedem KGewebetyp entwickeln. Solche Stamm­zellen können beispielsweise in das Gehirn eines Parkinson­Patienten verpflanzt werden und dort den fehlenden Boten­stoff Dopamin produzieren. Wie bei allen Fremdspenden kommt es jedoch gelegentlich zu Abstoßungsreaktionen. Genetisch perfekt passende Zellen erhofft man daher durch das therapeutische Klonen: Dazu wird eine Fizelleent­kernt(der Chromosomensatz der Spenderin wird entfernt) und durch einen Zellkern des Empfängers ersetzt. An­schließend lässt sich diese Zelle im Reagenzglas kultivieren.

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