Forschung
PUTZ 4/01
Medizin aus Embryonen?
Leben beginnt bei der befruchteten Eizelle
Die Forschung an Embryonen verspricht neue Therapien und perfekte Ersatzzellen für kranke Menschen. Darf man Embryonen als werdende Menschen jedoch dafür benutzen, anderen bereits existierenden Menschen das Leben zu verlängern? Die Potsdamer Humanbiologin Prof. Dr. Holle Greil ist zur Zeit Vorsitzende der Gesellschaft für Anthropologie, deren Vorstand unter Federführung von Prof. Carsten Niemitz von der FU Berlin eine differenzierte Stellungnahme zum Thema Embryonenforschung erarbeitet hat. PUTZ-Redakteurin Antonia Rötger sprach darüber mit Prof. Greil.
Warum stehen menschliche befruchtete Eizellen in Deutschland unter strengem Schutz?
Greil: Aus biologischer Sicht beginnt das menschliche Leben mit der befruchteten Eizelle: Alles was nach der Befruchtung passiert, geht kontinuierlich ineinander über. Da gibt es keine scharfe Grenze. Deshalb muss Leben auch von Anfang an unter Schutz gestellt werden. Meine Fachgesellschaft lehnt die Forschung an Embryonen jedoch keineswegs prinzipiell ab. Aber wir müssen darüber aufklären, womit bei der Stammzellen: gewinnung eigentlich gearbeitet wird. Man kann befruchtete Eizellen zu Therapiezwecken im Reagenzglas kultivieren und dann entwickelt sich kein Lebewesen daraus. Im Uterus einer Leihmutter könnte sich dieser Embryo aber auch zu einem Menschen entwickeln. Um genau diese Frage sollte sich die gesellschaftliche Diskussion nun drehen. Beim Paragraph 218 hat die Gesellschaft nach sehr langen Diskussionen eine klare Entscheidung gefunden: Im Interessenkonflikt für die Mutter.
Einerseits verspricht die Stammzellenforschung Schwerkranken neue Therapien, andererseits verbraucht sie dafür Embryonen. Woher sollen diese denn kommen?
Greil: Man greift auf Embryonen zurück, die sonst verworfen würden, die also bei einer künstlichen Befruchtung übrig geblieben sind und nicht in den Uterus eingepflanzt wurden. Stammzellen lassen sich jedoch auch aus dem Gewebe von geborenen Menschen gewinnen. Das ist schwieriger, weil sie dann schr selten sind. Beispielsweise kann man aus dem Nabelschnurblut oder aus der Penisvorhaut eines Neugeborenen Stammzellen gewinnen. Wir meinen, dass die Forschung in diese Richtungen forciert werden sollte.
Was verspricht man sich durch das therapeutische Klonen, das in England vor kurzem zugelassen wurde?
Greil: Bei der Transplantation von fremden Stammzellen kann es wie bei jeder Organspende auch zu Gewebeunverträglichkeiten? kommen Dieses Risiko haben auch Stammzellen, die aus Embryonen gewonnen werden. Wenn man jedoch eine Eizelle entkernt und mit dem Erbgut des Patienten bestückt, kann man Zellen kultivieren, die identisch? mit denen des Empfängers sind.
In einer alternden Gesellschaft klingt dies verheißungsvoll: Perfekte Ersatzzellen aus dem Reagenzglas. Aber Eizellen gewinnt man nicht so leicht. Es könnte ein Handel entstehen- junge Frauen spenden Eizellen gegen Geld, damit Zellen für reiche Patienten gezüchtet werden können. Ist das ethisch vertretbar?
Greil: In England bietet man bereits Frauen bei der künstlichen Befruchtung Meinen Rabatt, wenn sie überzählige Eizellen für die- Forschung spenden. Ich meine, das ist ein Schritt in Richtung Kommerzialisierung und ethisch nicht vertretbar.
Vom therapeutischen Klonen ist es nur ein kleiner Schritt hin zum reproduktiven Klonen. Der italienische Arzt Dr.
Severino Antinori verspricht kinderlosen Ehepaaren ein Baby mit dem Chromosomensatz des Mannes. Wie bewerten Sie das?
Greil: Natur hat sich durch ihre Vielfalt bewährt und jeder Mensch ist eine eigene Persönlichkeit. Von vornherein bewusst einen eineiigen Zwilling des Vaters zu produzieren, halte ich
Prof. Dr. Holle Greil
Foto: Fritze
für eine gefährliche Anmaßung. Das öffnet außerdem den Weg zu weiteren genetischen Manipulationen. Man hat Anfang des Jahres an dem Krallenäffchen Andi gezeigt, dass man auf dem Weg des Einschleusens eines fremden Zellkerns in eine entkernte Eizelle auch neue Gene in das Erbmaterial einfügen kann.
Sie sprechen sich allerdings dafür aus, die Präimplantationsdiagnostik zuzulassen, mit der künstlich befruchtete Eier, bevor sie in den Uterus der künftigen Mutter eingesetzt werden, auf genetische Abweichungen untersucht werden können.
Greil: Auch hier geht es wieder um einen Interessenkonflikt und es geht um eine Ausnahmeregelung von dem Prinzip, das Leben von Anfang San(zu schützen. Die Bedenken zielen auf die Angst vor Selektion und manipulativen Eingriffen, und das ist Inicht ‚einfach von der Hand zu E weisen. Auf der anderen Seite ist es für eine Frau, die keine Mühen scheut, um ein
Kind zu haben, eine sehr große Belastung, erst nach vier oder fünf Monaten Schwangerschaft durch eine Fruchtwasseruntersuchung von einer schweren Behinderung zu erfahren und sich dann für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden zu müssen.
Vielen Dank für das Gespräch. Nachzulesen ist die Stellung
nahme der Gesellschaft für Anthropologie zum Thema
Embryonenforschung im Internet unter der Adresse http: //www.gfanet.de.
Präimplantationsdiagnostik Anders als die pränatale
Diagnostik, die bei allen Schwangeren möglich ist, erfordert die Präaimplan
tationsdiagnostik(PID) eine künstliche Befruchtung. Wenn sich das künstlich befruchtete Ei außerhalb des Mutterleibs einige Male geteilt hat, entnimmt man für die PID eine Zeile und untersucht ihren Chromosomensatz. Nur Embryonen. ohne erkennbare Defekte werden anschließend in den Uterus implantiert.
Stammzellen
Ein befruchtetes Ei teilt sich und wächst zu einem Zellhäufehen heran. In den ersten Tagen ist noch jede einzelne Zellen totipotent und könnte sich zu jedem KGewebetyp entwickeln. Solche Stammzellen können beispielsweise in das Gehirn eines ParkinsonPatienten verpflanzt werden und dort den fehlenden Botenstoff Dopamin produzieren. Wie bei allen Fremdspenden kommt es jedoch gelegentlich zu Abstoßungsreaktionen. Genetisch perfekt passende Zellen erhofft man daher durch das therapeutische Klonen: Dazu wird eine Fizelle“entkernt“(der Chromosomensatz der Spenderin wird entfernt) und durch einen Zellkern des Empfängers ersetzt. Anschließend lässt sich diese Zelle im Reagenzglas kultivieren.
19