PUTZ 4/01
Forschung
Klezmer, jiddische Lieder, Purimspiele
Religionswissenschaft mit neuem Forschungsprojekt
Ein in Deutschland gänzlich neues Forschungsthema zur jüdischen Musik wird an der Universität Potsdam in Angriff genommen. Dabei geht es um die Auswertung von insgesamt 230 Wachszylindern (spezielle Tonträger aus Wachs) und 60 weichen Schallplatten, die in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts bei Forschungen in Weißrussland von den beiden jüdisch-russischen Musikethnologen Sofia Magid und Moische Beregovski aufgezeichnet wurden. Geld für die Realisierung des Projekts kommt von der VolkswagenStiftung. Sie hat rund
600.000 DM zur Verfügung gestellt.
sorgten zum Beispiel Klezmer-Kapellen. Die Bearbeitung der jüdischen Volksmusik aus dem Osteuropa des beginnenden 20. Jahrhunderts, die zugleich in einem weit greifenden internationalen Forschungskontext steht, erfolgt in Zusammenarbeit von Karl Erich Grözinger, Professor für Religionswissenschaft, und Werner Beidinger, Professor für Elementare Musikpädagogik. Jene Tondokumente beinhalten 200 jiddische Volkslieder, 67 Nummern instrumenteller Klezmermusik und etwa 104 Einheiten aus Purimspielen. In Potsdam will man das Material, das aus St. Petersburg stammt und noch
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dort digitalisiert wurde, zunächst abhören, notieren und transkribieren, um die Ergebnisse später in eine multimediale Datenbank einzuarbeiten und schließlich in Buchformat zu veröffentlichen. Das jetzige Vorhaben ist zwar neuartig, baut jedoch auch auf vorhandene Erfahrungen der Potsdamer auf. So erfolgte hier bereits zuvor die Bearbeitung von Purimspielen vor vier Jahren wurde sogar ein jiddisches Purimspiel einstudiert. Experten sind sich darüber einig, dass die Purimspiele im 15-0 Jahrhundert Unter dem Einfluss des deutschen Fastnachtsspiels erhielten sie ihre gültige Form als dramatisch musikalisch biblische Stoffe. Dabei spielen
entstanden.
inszenierte
vor allem der Esther-Stoff, aber auch der Verkauf Josefs sowie David und Goliath eine wichtige Rolle.
Die Arbeit an jiddischen Volksliedern allerdings nimmt einen noch kaum begonnenen Faden auf. Grund dafür ist auch, dass die Erforschung dieser Musik erst sehr spät einsetzte. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen Ethnographen mündliche jiddische Volksdichtung zu sammeln. Noch 1861 behauptete Moses Berlin, ein russischer Ethnograph, dass synagogale Gesänge die einzigen Lieder seien, die die Juden kennen.
Eine erste große Sammlung jiddischer Volkslieder kam schließlich 1901 in St. Petersburg heraus. Viele Impulse gingen zudem von der 1908 in St. Petersburg gegründeten Gesellschaft für Jüdische Volksmusik aus, so auch S. An-Skis(Schlomo Zajnwil Rapoports) erste jüdische ethnographische Expedition in über siebzig russischen Schtetln in den Jahren 1911-1912 und 1914-1916. Das ist der Kontext, aus dem die jetzt in Potsdam zu bearbeitenden Sammlungen, zu denen auch mehrere tausend Seiten Typoskripte, Notenaufzeichnungen und Transkriptionen gehören, hervorgingen.
Dass sich diese überhaupt an der brandenburgischen Uni befinden, ist kein Zufall: Prof. Dr.
Jüdische Volksmusik hatte im Osteuropa des beginnenden 20. Jahrhunderts verschiedene“Gesichter”. Für Unterhaltung
Foto: Repro Karl Erich Grözinger hatte sich nachhaltig darum bemüht. Dies geschah in enger Kooperation mit Wissenschaftlern aus St. Petersburg, Groningen und Jerusalem, die auch künftig zusammenarbeiten. Aber auch das Wiener‘ und Berliner Phonographische Institut sowie das Helmholtz Zentrum der Humboldt Universität zu Berlin wurden könsultiert. Heute besitzt Grözingers Arbeitsgruppe das ausschließliche Publikationsrecht an Tonmaterialien.
den
PS.
Komplexität
Neu bewilligt
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft(DFG) hat Dr. Ulrike Feudel und Prof. Dr. Jürgen Rullkötter vom Institut für Physik eine Sachbeihilfe für das Projekt“Nichtlineare Dynamik in. Modellen für das Wattsystem— Strukturbildung, und kritische Übergänge” bewilligt. Die Bewilligung erfolgt für zwei Jahre und wird für das dritte Jahr unter Vorbehalt in Aussicht gestellt.
Zum Thema“Laserspektroskopische Untersuchungen der Struktur-Wirkungsbeziehungen in Metall-SiderophorKomplexen” wurde Prof. Dr. Hans-Gerd Löhmannsröben und Dr. Michael Kumke vom Institut für Physikalische und Theoretische Chemie von der DFG ebenfalls eine Sachbeihilfe für die Dauer von zwei Jahren bewilligt.
Ihre finanzielle Unterstützung hat die Gesellschaft zudem Dr. Carsten Henkel vom Institut für Physik zugesagt. Hier gibt es eine Sachbeihilfe im Rahmen des Schwerpunktprogramms “Photonische Kristalle”.
Prof. Dr. Bernd Müller-Röber vom Institut für Biochemie und Biologie erhält gleich zwei Sach-beihilfen der DFG im Rahmen des Schwerpunktprogramms“Molekulare Analyse der Phytohormonwirkung”. Die Gesellschaft stellt Mittel für das Thema“Molekulargenetische Analysen zur Hormonsignaltransduktion in Schließzellen” für ein Jahr und das Projekt“Funktion des ChoRProteins in der ABA-Signaltransduktion” für zwei Jahre zur Verfügung.
Auch Prof. Dr. Dieter Fürst vom Institut für Biochemie und Biologie erhält eine Sachbeihilfe der DFG für das Thema “Analyse der in vivo Phosphorylierungen und Identifikation neuer Liganden der M-Bandenproteine Myomesin und M-Protein” für die Dauer eines Jahres.
PUTZ