Heft 
(1.1.2019) 06
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PUTZ 6/01

Forschung

Ganz Ohr

Auf der Spur von Schnurrbartfledermäusen in Kuba

Vor der Höhle lagern siebzehn ausgewachsene Boas, regungs­los versteckt im dichten Laub des kubanischen Urwalds. Dicht bei den Riesenschlangen wartet auch ein internatio­nales Team aus Biologinnen und Biologen geduldig und so ruhig wie möglich auf den abendlichen Ausflug der Schnurrbartfledermäuse zum Beutefang.

Prof. Dr. Marianne Vater von der Universität Potsdam, Prof. Dr. Manfred Kössl von der Ludwigs-Maximilian- Universität München und Prof. Dr. Frank Koro von der Universidad de Havana interessieren sich für die ersten Wochen im Leben einer jungen Schnurrbartfledermaus, in denen sich ihr außeror­dentliches Gehör ausbildet. Da sich die Tiere nicht im Labor züchten lassen, haben sich die Wissenschaftler auf den Weg zu den Bruthöhlen gemacht. Die mühsame Expedition in den Dschungel wurde von der VW­Stiftung gefördert.

Versteckt im Regenwald in unterirdischen Höhlensystemen, die in der Landessprachecuevas calientes- genannt werden, leben diese Fledermäuse zu hun­derttausenden mit ihren Jungen. Die massenhafte Anwesenheit der fliegenden Säugetiere er­zeugt ein gewächshausartiges Klima: Die Temperatur liegt in den Höhlen bei etwa 38 Grad Celsius und die Luftfeuchtigkeit bei fast 100 Prozent.

Was für die meisten Menschen die: Augen sind, sind für Fledermäuse ‚die Ohren. Und Schnurrbartfledermäuse sind sozusagen Weltmeister in der Disziplin Hören. Mit ihren ungewöhnlichen Rufen, die aus einem. langenReinton im Ultraschallbereich bei 60 Kilohertz und seinen Obertönen bestehen, gefolgt von einem kürzeren, breitbandigerem Ruf, können sie Insekten im dichten Laub der Bäume orten und am Flügelschlag sogar die genaue Art erkennen. Doch diese Kunst erfordert eine gewisse Lehrzeit, vermuten die Biologen, die bei

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diesem Projekt nun genauer unter die Lupe genommen wer­den soll.

Abends auf zur Jagd

Endlich ist es soweit, aus dem Höhlenausgang quellen Fleder­mäuse in dichten Pulks und flat­tern davon.Die Schlangen brauchen am Eingang nur den

einer deutlich tieferen Tonlage als die erwachsenen Tiere- etwa umfeineQuart Die BRufe der Fledermaus-Babies fallen auch kürzer aus und sind nicht so reich moduliert.

Anatomie des Ohrs

Anatomische und elektrophysi­ologische Untersuchungen des

Ein außerordentlicher Schnurrbart und ein fantastisches Gehör: Weltmeister aus

Kuba

Mund aufzusperren und machen reiche Beute, erzählt Marianne Vater. Die Wissenschaftler drin­gen nach dem Abzug der erwachsenen Tiere vorsichtig in die Höhle ein und nehmen einige Jungtiere in verschiede­nen Stadien der Entwicklung mit, um sie in Havanna näher zu untersuchen. Jedes elektrische Aufnahmegerät würde in der Höhle aufgrund der: Luft­feuchtigkeit schnell den Geist aufgeben. Aber im Labor, mit Welpenmilch versorgt, zeigen die Nachwuchsfledermäuse be­reitwillig, was sie bereits kön­nen. Neugeborene rufen in ihren ersten Lebenstagen erst, wenn sie eine Auf- und Ab­bewegung spüren. Die winzigen Tiere werden dazu auf ein Handtuch gelegt und vorsichtig geschwenkt. Ab einem Alter von zwei Wochen jedoch stoßen die Fledermäuse bereits spontan Ortungsrufe aus. Allerdings in

Zeichnung: Gilberto Silva Taboada

Gehirns und des Innenohrs in verschiedenen Entwicklungssta­dien gaben Aufschluss über die allmähliche Reifung dieser Organe bis hin zum fertigen, perfekten Biosonarsystem, dem System aus Ohrmuschel, Innen­ohr und-Gehirn, mit dem Schnurrbartfledermäuse aus den Echos ihrer Ultraschallrufe detaillierte Hörbilder ihrer Umgebung ermitteln. Etwa die Hälfte des zu einer schneckenar­tigen Struktur aufgerollten In­nenohrs, der Cochlea, ist nur für den Empfang von Frequenzen um 60 Kilohertz spezialisiert. Eine Frequenz, die gewöhnlich für Menschen nicht mehr zu hören ist, da das menschliche Hörvermögen bei maximal 20 Kilohertz endet. Diese enorme

Überrepräsentation ‚des 60 Kilohertz-Bereichs erkläre die enorme Empfindlichkeit des

Gehörs gerade für Echos in Höhe der Ortungsrufe, meint

Marianne Vater. Auch die ent­

* sprechenden Hirnareale nehmen

einen überproportionalen Raum ein.

Wie lernen Fledermäuse?

Wenn die Jungtiere fliegen kön­nen, ist auch das Biosonar­System aus Ohr und Hirn genü­gend gereift. Offen ist jedoch, ob es über die passive Reifung hinaus noch eine aktive Lehrzeit und Lernzeit für die Jungtiere gibt. Wie sehen die Mutter­Kind-Beziehungen aus? Welche Jagdstrategien wendet der Nachwuchs an, und wie fallen seine ersten Jagderfolge aus? Dies will Marianne Vater auf ihrer nächsten Expedition in einigen Monaten herausfinden. Und im Anschluss wartet dann eine spannende Analyse: Durch den Vergleich der Jugend­entwicklung von anders speziali­sierten Fledermausarten könn­ten die Biologen vielleicht die Evolution ihrer verschiedenen Echoortungssysteme nachvoll­ziehen.

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Innovationspreis

Die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft und Techno­logie ruft zusammen mit dem Ministerium für Wirtschaft des Landes Brandenburg zum 18. Wettbewerb um den Inno­vationspreis Berlin/Branden­burg auf. Interessierte Einzel­personen,' Teams oder kleinere Unternehmen aller Branchen können sich noch bis zum 31. Juli 2001 bewerben. Der Innovationspreis wird. für her­