PUTZ 6/01
Forschung
Ganz Ohr
Auf der Spur von Schnurrbartfledermäusen in Kuba
Vor der Höhle lagern siebzehn ausgewachsene Boas, regungslos versteckt im dichten Laub des kubanischen Urwalds. Dicht bei den Riesenschlangen wartet auch ein internationales Team aus Biologinnen und Biologen geduldig und so ruhig wie möglich auf den abendlichen Ausflug der Schnurrbartfledermäuse zum Beutefang.
Prof. Dr. Marianne Vater von der Universität Potsdam, Prof. Dr. Manfred Kössl von der Ludwigs-Maximilian- Universität München und Prof. Dr. Frank Koro von der Universidad de Havana interessieren sich für die ersten Wochen im Leben einer jungen Schnurrbartfledermaus, in denen sich ihr außerordentliches Gehör ausbildet. Da sich die Tiere nicht im Labor züchten lassen, haben sich die Wissenschaftler auf den Weg zu den Bruthöhlen gemacht. Die mühsame Expedition in den Dschungel wurde von der VWStiftung gefördert.
Versteckt im Regenwald in unterirdischen Höhlensystemen, die in der Landessprache“cuevas calientes”- genannt werden, leben diese Fledermäuse zu hunderttausenden mit ihren Jungen. Die massenhafte Anwesenheit der fliegenden Säugetiere erzeugt ein gewächshausartiges Klima: Die Temperatur liegt in den Höhlen bei etwa 38 Grad Celsius und die Luftfeuchtigkeit bei fast 100 Prozent.
Was für die meisten Menschen die: Augen sind, sind für Fledermäuse ‚die Ohren. Und Schnurrbartfledermäuse sind sozusagen Weltmeister in der Disziplin Hören. Mit ihren ungewöhnlichen Rufen, die aus einem. langen“Reinton” im Ultraschallbereich bei 60 Kilohertz und seinen Obertönen bestehen, gefolgt von einem kürzeren, breitbandigerem Ruf, können sie Insekten im dichten Laub der Bäume orten und am Flügelschlag sogar die genaue Art erkennen. Doch diese Kunst erfordert eine gewisse Lehrzeit, vermuten die Biologen, die bei
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diesem Projekt nun genauer unter die Lupe genommen werden soll.
Abends auf zur Jagd
Endlich ist es soweit, aus dem Höhlenausgang quellen Fledermäuse in dichten Pulks und flattern davon.“Die Schlangen brauchen am Eingang nur den
einer deutlich tieferen Tonlage als die erwachsenen Tiere- etwa umfeineQuart Die BRufe der Fledermaus-Babies fallen auch kürzer aus und sind nicht so reich moduliert.
Anatomie des Ohrs
Anatomische und elektrophysiologische Untersuchungen des
Ein außerordentlicher Schnurrbart und ein fantastisches Gehör: Weltmeister aus
Kuba
Mund aufzusperren und machen reiche Beute”, erzählt Marianne Vater. Die Wissenschaftler dringen nach dem Abzug der erwachsenen Tiere vorsichtig in die Höhle ein und nehmen einige Jungtiere in verschiedenen Stadien der Entwicklung mit, um sie in Havanna näher zu untersuchen. Jedes elektrische Aufnahmegerät würde in der Höhle aufgrund der: Luftfeuchtigkeit schnell den Geist aufgeben. Aber im Labor, mit Welpenmilch versorgt, zeigen die Nachwuchsfledermäuse bereitwillig, was sie bereits können. Neugeborene rufen in ihren ersten Lebenstagen erst, wenn sie eine Auf- und Abbewegung spüren. Die winzigen Tiere werden dazu auf ein Handtuch gelegt und vorsichtig geschwenkt. Ab einem Alter von zwei Wochen jedoch stoßen die Fledermäuse bereits spontan Ortungsrufe aus. Allerdings in
Zeichnung: Gilberto Silva Taboada
Gehirns und des Innenohrs in verschiedenen Entwicklungsstadien gaben Aufschluss über die allmähliche Reifung dieser Organe bis hin zum fertigen, perfekten Biosonarsystem, dem System aus Ohrmuschel, Innenohr und-Gehirn, mit dem Schnurrbartfledermäuse aus den Echos‘ ihrer Ultraschallrufe detaillierte Hörbilder ihrer Umgebung ermitteln. Etwa die Hälfte des zu einer schneckenartigen Struktur aufgerollten Innenohrs, der Cochlea, ist nur für den Empfang von Frequenzen um 60 Kilohertz spezialisiert. Eine Frequenz, die gewöhnlich für Menschen nicht mehr‘ zu hören ist, da das menschliche Hörvermögen bei maximal 20 Kilohertz endet. Diese enorme
Überrepräsentation ‚des 60 Kilohertz-Bereichs erkläre die enorme Empfindlichkeit des
Gehörs gerade für Echos in Höhe der Ortungsrufe, meint
Marianne Vater. Auch die ent
* sprechenden Hirnareale nehmen
einen überproportionalen Raum ein.
Wie lernen Fledermäuse?
Wenn die Jungtiere fliegen können, ist auch das BiosonarSystem aus Ohr und Hirn genügend gereift. Offen ist jedoch, ob es über die passive Reifung hinaus noch eine aktive Lehrzeit und Lernzeit für die Jungtiere gibt. Wie sehen die MutterKind-Beziehungen aus? Welche Jagdstrategien wendet der Nachwuchs an, und wie fallen seine ersten Jagderfolge aus? Dies will Marianne Vater auf ihrer nächsten Expedition in einigen Monaten herausfinden. Und im Anschluss wartet dann eine spannende Analyse: Durch den Vergleich der Jugendentwicklung von anders spezialisierten Fledermausarten könnten die Biologen vielleicht die Evolution ihrer verschiedenen Echoortungssysteme nachvollziehen.
ar
Innovationspreis
Die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft und Technologie ruft zusammen mit dem Ministerium für Wirtschaft des Landes Brandenburg zum 18. Wettbewerb um den Innovationspreis Berlin/Brandenburg auf. Interessierte Einzelpersonen,' Teams oder kleinere Unternehmen aller Branchen können sich noch bis zum 31. Juli 2001 bewerben. Der Innovationspreis wird. für her