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(1.1.2019) 01
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Permafrostboden als Klimaarchiv

Forschung für sichere Klimaprognosen

Was veranlasst Geowissenschafiler der Potsdamer Forschungsstelle des Alfred-Wegener-lnstitutsfür Polar- und Meeresforschung (AWl), ihre angenehmen Labor- und Computerarbeitsplätze auf dem Tele- grafenbergfur Monate zu verlassen, um zusammen mit russischen Kollegen in primitiven Feldcamps Nordsibiriens zu hausen und in Seesedimenten und Dauerfrostböden zu bohren und zu graben? Es ist ihr Wissen um die Schlüsselfunktion dieser arktischen Region zwischen Ural, Taimyrhalbinsel, Lenadelta und Laptewsee für die globale Klimaentwicklung und um den Wert der dort verborgenen Umwelt- und Klimadaten längst vergangener Zeiten.

M an stelle sich nur einmal vor, was pas­sieren könnte, wenn sich die relativ sensiblen sibirischen Polarregionen infolge des Treibhauseffektes um einige Grade erwärmten. Die höheren Temperaturen würden das Auftauen der Permafrostböden verstärken und die Wasserverdunstung erhöhen. Abfließen­des Bodenwasser und zusätzliche Niederschläge würden die großen sibirischen Flüsse anschwel­len lassen. Die dadurch

bedingte Anreicherung der fla- Golfstromausläufer könnten chen Meere mit Süßwasseraus dem Tritt kommen dürfte zu derart starken Verän­derungen der Eisbildungsprozesse zum Beispiel in der Laptewsee führen, dass die von dort bedeu­tend beeinflusste Ozeanzirkulation bis in Regio­nen des Nordatlantiks und der Golfstromausläu­fer völligaus dem Tritt käme. In der Folge könnte es hierzulande kälter werden - oder auch wärmer wie an der Riviera .

Gab es das vielleicht schon einmal in der ver- gangenheit, auch ohneTreibhauszutun der £

Menschen? Wie könnte die klimatische Zukunft aussehen?

Zu Tage geförderte Daten aus den nordsibiri­schenKlimaarchiven an den Küsten, im Per­mafrostboden oder in Sedimenten (Ablagerun­gen) am Boden tiefer Seen, Erkenntnisse über das Abtauverhalten des Bodens und die damit verbundene Freisetzung von Treibhausgasen dürften, zusätzlich in Großcomputer für Modell­rechnungen eingegeben, wesentlich zur Erhö­hung der Treffsicherheit regionaler und globaler Klimaprognosen beitragen.

Uns interessieren besonders jeweils einge­frorene Sedimentschichten, die sich über erdge­schichtliche Zeiträume Jahr für Jahr abgelagert haben. Sie liefern uns durch ihre chemische Zusammensetzung, ihren Eisgehalt, durch auf­findbare Pflanzen- und Tierreste und anderes

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chronologisch gut auflösbare Informationen über die Klima- und Umwel­tentwicklung über Jahrzehn­tausende zurück, erläutert Prof. Dr. Hans-Wolfgang Hub- berten, Leiter der Potsdamer Forschungsstelle des AWI und zugleich Professor an der Univer­sität Potsdam. Durch chemische Analysen, mikroskopische Betrachtungen, Strahlungsmes­sungen an Kohlenstoff-, Sauerstoff und Wasser­stoffisotopen in gesammelten Proben, durch Landschaftsbetrachtungen, Knochenfunde und ähnliches wurden bereits überraschende Erkenntnisse gewonnen: So gab es in der letzten Eiszeit vor etwa 20000 Jahren in den eigentlich kalten Untersuchungsgebieten keine nennens­werten Vergletscherungen, im Gegensatz zu unseren Regionen.

Jedoch wechselten sich in Nordsibirien Kalt- und Warmzeiten seit Millionen Jahren ständig ab. Vor etwa 12000 Jahren gab es beispielsweise einen weltweit deutlichen Temperaturanstieg. Der führte im Untersuchungsgebiet zu verstärk­ten Eisschmelz- und Auftauprozessen, zur Über­schwemmung der Tundra mit Meerwasser, zu Bildung von Seesenken, zu extremen Verände­rungen der Pflanzenwelt und dadurch bedingt zum Aussterben von Tierarten.

Die Hypothesen der Geoforscher zu Auswir­kungen des Treibhauseffektes sind also durch­aus nicht abwegig. Doch ist Nordsibi­rien seit rund 2500 Jahren zunächst einmal von einer all­mählichen Abkühlung betrof­fen: Was heißt da Treib­hauseffekt .

Armin Klein

In der letzten Eiszeit gab es keine nennenswerten Vergletscherungen

Die durchfrostete Küste der. Laptewsee bietet ein einzigartiges Bild. Helle Eiskeile und gefrorene Böden und Sedimente lassen einen ganzen Eis- kompleentstehen.

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