Heft 
(1.1.2019) 1/2
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GRENZGÄNGE IM ZEITGEIST

Herausforderungen an geopolitisches Denken

Geopolitisches Denken war nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang diskreditiert. Seit Ende der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts tauchen nun wieder verstärkt geo­politische Argumentationsmuster auf. Die 1958 gegründete Gesellschaft für Geistes­geschichte(GGG) befaßt sich mit Problemen der Mentalitäts- und Bewußtseinsfor­schung und untersucht die Manifestation des Zeitgeistes in den verschiedenen Ge­schichtsepochen. So stand bei zwei ihrer Jahrestagungen dieGeopolitik Grenzgänge im Zeitgeist im Mittelpunkt der Betrachtungen. Zu diesem Forschungsgegenstand be­fragte Dr. Barbara Eckardt für PUTZ die Geschäftsführerin der GGG, Dr. Irene Diekmann.

PUTZ: Worin sind die Ursachen dafür zu suchen, daß die Geopolitik in letzter Zeit so großes Interesse bei Wissenschaftlern ver­schiedener Fachgebiete hervorruft? Diekmann: Das Interesse von Geographen, Politikwissenschaftlern, Historikern und anderen Wissenschaftlern ist deshalb so groß, weil es wieder legitim ist, Fragen auf­zuwerfen, wobei der Raum nicht im Mittel­punkt steht, sondern der geopolitische Dis­kurs selbst. Das ist insbesondere nach 1989 relevant geworden. Denn bis dahin tauch­ten durch die Zweiteilung der Welt be­stimmte damit im Zusammenhang stehen­de Fragen nicht auf. Jetzt ist es wieder mög­lich, sich diesem Gegenstand zu nähern und ihn vor allem kritisch zu diskutieren. Geographie, die im Kalten Krieg nahezu bedeutungslos gewesen war, spielt wieder eine Rolle. Die amerikanischen Politik­wissenschaftler dachten aufgrund ihrer geschichtlichen Entwicklung immer geo­politisch. In Deutschland ist das logischer­weise ganz anders. Hier gab es große Res­sentiments. Sie fangen bei Erklärungs­mustern damit an, welche Rolle der Raum, die Lage des Territoriums spielen und wie dies das Denken tangiert. Für die Amerika­ner ist Amerika ihr Kontinent. Das beeinflußt natürlich nicht zuletzt das Nationalbewußt­sein. In Deutschland begann im 19. Jahr­hundert, unter der Losungeinen Platz an der Sonne zu erlangen, eine aggressive Kolonialpolitik. In Deutschland fehlte nach 1945 die kritische Auseinandersetzung mit diesen Fragen.

PUTZ: Einige Forscher vertreten die Posi­tion, daß diejenigen, die die Geopolitik ver­dammten, ebenso ideologisch dachten, wie jene, die sie als Schlüssel zur Weltmacht­erlangung ansahen.

Diekmann: Diese Thematik ordnet sich in die Gesamtproblematik der Verarbeitung und Auseinandersetzung mit der Ge­schichte nach 1945 ein. Die Geopolitik ist ein Teil davon. Diejenigen, die nicht dafür sorgten, daß eine kritische Auseinander­setzung erfolgte, dachten ideologisch. Aber gerade diejenigen, die in den Ämtern saßen, wo geopolitische Strategien formu­liert und durchgesetzt wurden, überlebten nahezu nahtlos. Dieser Geist lebte fort. Kritische Auseinandersetzung war da­

durch weitgehend unmöglich. Was kann man aber auch von Menschen erwarten, die die Zeit vor45 prägte? Sie können nicht nach dem 9. Mai 1945 völlig anders denken und handeln als vorher. Sie waren demzufolge nicht in der Lage, mit den Din­gen kritisch umzugehen. Deshalb traute man sich auch lange Zeit nicht, beispiels­weise geopolitische Fragestellungen auf­zuwerfen. Das geschah erst später. In Län­dern wie Frankreich und Italien dagegen war die Geopolitik schon immersalonfä­

hig. In den politischen Konzepten dieser Staaten hatte sie eine ganz andere Rele­vanz als in Deutschland.

PUTZ: Die Ereignisse nach 1989 führten zu einer Herausforderung an die Geopolitik. Stimmen Sie dieser These zu?

Diekmann: Ja, ich denke schon. Es brach diese Welt, die seit Ende der 40er Jahre so fest war, auseinander. Deutschland hatte keine klassische Mittelstellung mehr, wenn man in den Kategorien des 19. Jahrhunderts denkt. Die Grenzen waren plötzlich nicht mehr so stabil wie jahrzehntelang vorher. Der Raum und die Lage gewannen an Be­deutung, wie beispielsweise die Grenze zu Polen oder die Erweiterung der europäli­schen Gemeinschaft, Feindbilder fielen weg. Im Zuge der Globalisierung ver­schwinden Grenzen. Die Welt rückt zusam­men. Wo ist die Bedeutung des Raumes im Denken, im Bestimmen von Politik? Das ist legitim zu fragen und stellt heutige Heraus­forderungen an Wissenschaftler unter­schiedlicher Disziplinen dar.

PUTZ: Vielen Dank für dieses Gespräch.

FRAUNHOFER FEIERTE RICHTFEST

Brandenburgs Denkfabrik der Zukunft, der Wissenschaftspark Golm, nimmt immer deutlichere Konturen an. Am 10. Dezember 1998 wurde das Richtfest für das neue Ge­bäude des Fraunhofer-Instituts für ange­wandte Polymerforschung(IAP) gefeiert.

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stoff Cellulose eine umweltfreundliche und jetzt auch stabile Cellophan-Folie für die Ver­packung von Nahrungsmitteln entwickelt.

Auf dem Gelände der Universität Potsdam in Golm entsteht auch der Neubau der Ma­thematisch-Naturwissenschaftlichen Fakul­

Das neue Gebäude für das Fraunhofer-Institut für angewandte Polymerforschung in Golm soll noch

in diesem Jahr fertig werden.

Das IAP ist für seine Kompetenz auf dem Gebiet der nachwachsenden Rohstoffe, vor allem der Stärke und ihrer Verarbeitung, bekannt. Auch mit Entwicklungen von Spe­zialpolymeren hat sich das IAP zu einem interessanten Partner für Wirtschaftsunter­nehmen profiliert. So haben Wissenschaft­ler am IAP aus dem nachwachsenden Roh­

Foto: Fritze

tät der Universität Potsdam. Auch hier wird im März dieses Jahres Richtfest gefeiert. Insgesamt werden bis 1999 in diesen Wis­senschaftsstandort Investitionen von 268 Millionen DM fließen, davon 142 Mio. DM für drei Max-Planck-Institute, 62 Mio. für das Fraunhofer-Institut und 64 Mio. für die Universität Potsdam. Zg.

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