GRENZGÄNGE IM ZEITGEIST
Herausforderungen an geopolitisches Denken
Geopolitisches Denken war nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang diskreditiert. Seit Ende der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts tauchen nun wieder verstärkt geopolitische Argumentationsmuster auf. Die 1958 gegründete Gesellschaft für Geistesgeschichte(GGG) befaßt sich mit Problemen der Mentalitäts- und Bewußtseinsforschung und untersucht die Manifestation des Zeitgeistes in den verschiedenen Geschichtsepochen. So stand bei zwei ihrer Jahrestagungen die„Geopolitik— Grenzgänge im Zeitgeist“ im Mittelpunkt der Betrachtungen. Zu diesem Forschungsgegenstand befragte Dr. Barbara Eckardt für PUTZ die Geschäftsführerin der GGG, Dr. Irene Diekmann.
PUTZ: Worin sind die Ursachen dafür zu suchen, daß die Geopolitik in letzter Zeit so großes Interesse bei Wissenschaftlern verschiedener Fachgebiete hervorruft? Diekmann: Das Interesse von Geographen, Politikwissenschaftlern, Historikern und anderen Wissenschaftlern ist deshalb so groß, weil es wieder legitim ist, Fragen aufzuwerfen, wobei der Raum nicht im Mittelpunkt steht, sondern der geopolitische Diskurs selbst. Das ist insbesondere nach 1989 relevant geworden. Denn bis dahin tauchten durch die Zweiteilung der Welt bestimmte damit im Zusammenhang stehende Fragen nicht auf. Jetzt ist es wieder möglich, sich diesem Gegenstand zu nähern und ihn vor allem kritisch zu diskutieren. Geographie, die im Kalten Krieg nahezu bedeutungslos gewesen war, spielt wieder eine Rolle. Die amerikanischen Politikwissenschaftler dachten aufgrund ihrer geschichtlichen Entwicklung immer geopolitisch. In Deutschland ist das logischerweise ganz anders. Hier gab es große Ressentiments. Sie fangen bei Erklärungsmustern damit an, welche Rolle der Raum, die Lage des Territoriums spielen und wie dies das Denken tangiert. Für die Amerikaner ist Amerika ihr Kontinent. Das beeinflußt natürlich nicht zuletzt das Nationalbewußtsein. In Deutschland begann im 19. Jahrhundert, unter der Losung„einen Platz an der Sonne“ zu erlangen, eine aggressive Kolonialpolitik. In Deutschland fehlte nach 1945 die kritische Auseinandersetzung mit diesen Fragen.
PUTZ: Einige Forscher vertreten die Position, daß diejenigen, die die Geopolitik verdammten, ebenso ideologisch dachten, wie jene, die sie als Schlüssel zur Weltmachterlangung ansahen.
Diekmann: Diese Thematik ordnet sich in die Gesamtproblematik der Verarbeitung und Auseinandersetzung mit der Geschichte nach 1945 ein. Die Geopolitik ist ein Teil davon. Diejenigen, die nicht dafür sorgten, daß eine kritische Auseinandersetzung erfolgte, dachten ideologisch. Aber gerade diejenigen, die in den Ämtern saßen, wo geopolitische Strategien formuliert und durchgesetzt wurden, überlebten nahezu nahtlos. Dieser Geist lebte fort. Kritische Auseinandersetzung war da
durch weitgehend unmöglich. Was kann man aber auch von Menschen erwarten, die die Zeit vor‘45 prägte? Sie können nicht nach dem 9. Mai 1945 völlig anders denken und handeln als vorher. Sie waren demzufolge nicht in der Lage, mit den Dingen kritisch umzugehen. Deshalb traute man sich auch lange Zeit nicht, beispielsweise geopolitische Fragestellungen aufzuwerfen. Das geschah erst später. In Ländern wie Frankreich und Italien dagegen war die Geopolitik schon immer„salonfä
hig“. In den politischen Konzepten dieser Staaten hatte sie eine ganz andere Relevanz als in Deutschland.
PUTZ: Die Ereignisse nach 1989 führten zu einer Herausforderung an die Geopolitik. Stimmen Sie dieser These zu?
Diekmann: Ja, ich denke schon. Es brach diese Welt, die seit Ende der 40er Jahre so fest war, auseinander. Deutschland hatte keine klassische Mittelstellung mehr, wenn man in den Kategorien des 19. Jahrhunderts denkt. Die Grenzen waren plötzlich nicht mehr so stabil wie jahrzehntelang vorher. Der Raum und die Lage gewannen an Bedeutung, wie beispielsweise die Grenze zu Polen oder die Erweiterung der europälischen Gemeinschaft, Feindbilder fielen weg. Im Zuge der Globalisierung verschwinden Grenzen. Die Welt rückt zusammen. Wo ist die Bedeutung des Raumes im Denken, im Bestimmen von Politik? Das ist legitim zu fragen und stellt heutige Herausforderungen an Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen dar.
PUTZ: Vielen Dank für dieses Gespräch.
FRAUNHOFER FEIERTE RICHTFEST
Brandenburgs Denkfabrik der Zukunft, der Wissenschaftspark Golm, nimmt immer deutlichere Konturen an. Am 10. Dezember 1998 wurde das Richtfest für das neue Gebäude des Fraunhofer-Instituts für angewandte Polymerforschung(IAP) gefeiert.
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stoff Cellulose eine umweltfreundliche und jetzt auch stabile Cellophan-Folie für die Verpackung von Nahrungsmitteln entwickelt.
Auf dem Gelände der Universität Potsdam in Golm entsteht auch der Neubau der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakul
Das neue Gebäude für das Fraunhofer-Institut für angewandte Polymerforschung in Golm soll noch
in diesem Jahr fertig werden.
Das IAP ist für seine Kompetenz auf dem Gebiet der nachwachsenden Rohstoffe, vor allem der Stärke und ihrer Verarbeitung, bekannt. Auch mit Entwicklungen von Spezialpolymeren hat sich das IAP zu einem interessanten Partner für Wirtschaftsunternehmen profiliert. So haben Wissenschaftler am IAP aus dem nachwachsenden Roh
Foto: Fritze
tät der Universität Potsdam. Auch hier wird im März dieses Jahres Richtfest gefeiert. Insgesamt werden bis 1999 in diesen Wissenschaftsstandort Investitionen von 268 Millionen DM fließen, davon 142 Mio. DM für drei Max-Planck-Institute, 62 Mio. für das Fraunhofer-Institut und 64 Mio. für die Universität Potsdam. Zg.
PUTZ 1-2/99
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