Heft 
(1.1.2019) 1/2
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DIE ÜBERVORSICHTIGEN KINDER

Entwicklung bei Kindern mit Down-Syndrom

Der kleine Junge springt mit beiden Fü­ßen die Treppe hinunter, steigt wieder hoch und springt nochmal. Die ganze Stunde hält er das befremdliche Tun durch, dabei möchte die Untersucherin eigentlich ganz andere Spiele mit dem Kind machen. Was auf den ersten Blick wie stereotypes Verhalten wirkt, erweist sich nach der Videoanalyse als eine ge­zielte Antwort auf die Anforderungen des Vorjahres: Damals scheiterte das Kind und schaffte den Sprung von der Stufe nicht. Jetzt kann es demonstrieren: Ich habe es gelernt. Immer wieder findet die Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Hell­gard Rauh von der Universität Potsdam hinter den augenscheinlich stereotypen Verhaltensweisen eine nachvollziehbare Motivation.Manchmal können wir den Eltern etwas am Verhalten des Kindes verständlich machen, was sie vorher be­unruhigt hatte, sagt Rauh.

In einer Längsschnittstudie haben Rauh und ihre Mitarbeiterinnen dreißig Kleinkin­der mit Down-Syndrom aus Berlin über zehn Jahre lang begleitet. Aus den Untersu­chungen geht hervor, daß sich auch die Down-Syndrom-Kinder wıe normale Kinder entwickelnals hätten sie ein Lehrbuch über Entwicklungspsychologie gelesen nur wesentlich langsamer. So machen sie die Trotzphase zum Teil erst mit drei oder vier Jahren durch und verharren auch län­ger in diesem Verhalten. Auch die innere Uhr von geistig Behinderten tickt oft sehr langsam. Nachdem eine Mutter eine gan­ze Weile den Ball verlockend vor ihrem Baby gedreht hat, erscheint erst nach einer weiteren Minute das erkennende Lächeln auf dessen Gesicht. Dann aber ist der bun­te Ball schon verschwunden, die Mutter hat sich enttäuscht abgewandt, und das Baby bekommt das Gefühl, daß nichts so richtig fest ist auf dieser schnellen Welt.

Die meisten Kinder mit Down-Syndrom verhalten sich ein bißchen so wie alte Men­schen, meint Hellgard Rauh. Wie diese sehen sie schlechter, haben aber auch ver­mutlich Schwierigkeiten mit dem Gleichge­wicht und mit schnellen Reaktionen. Die Kinder fühlen ihre Defizite und sind sehr empfindlich gegen Überforderung. Wäh­rend gesunde Kinder gerne an und sogar über ihre Leistungsgrenzen gehen und lie­ber einmal von der Schaukel fallen, als sich auf langsame Bewegungen zu beschrän­ken, scheuen viele Kinder mit Down-Syn­drom eine Herausforderung. Das ist ange­sichts ihrer geringeren körperlichen Ro­bustheit und Reserven in den meisten Si­tuationen auch sinnvoll und verständlich.

Andererseits bestehe aber die Gefahr, daß solche Kinder zu wenig Entwicklungsfort­schritte machen, weil sie immer deutlich unterhalb ihrer Leistungsgrenzen blieben, erklärt Hellgard Rauh. Es geht also darum, sie aus ihrer Reserve herauszulocken, ohne sie zu überfordern. Denn fühlen sie sich der Situation nicht gewachsen, reagieren sie mit Angst, demonstrativer Hilflosigkeit oder Ausweichmanövern. Das Chromosom 21, das bei den Down­Syndrom-Kindern dreimal statt zweimal vor­handen ist, enthält Anleitungen für die Ent­wicklungssteuerung. Dieser genetische Defekt entsteht bei der ersten Zellteilung der befruchteten Eizelle und wird auch Trisomie 21 genannt. Durch das überzähli­ge Chromosom kommt es vermutlich zu Störungen und Fehlsteuerungen, die sich nicht nur in geistiger Behinderung äußern, sondern auch die körperliche Anfälligkeit erhöhen. Alles was vorkommen könne, von Fehlsichtigkeit über Herzfehler bis zum Darmverschluß, komme bei diesen Kindern eben etwas häufiger vor, erklärt Rauh. Auch die Psyche scheint etwas labiler zu sein, und die Anfälligkeit gegen kleine Fehler in

Auch der fünfjährige Janıs nimmt an der Berliner Langzeitstudie über die Entwicklung von Kin­dern mıt Down-Syndrom teil, Foto: privat

der Erziehung, die einem gesunden Kind meist wenig schaden, ist erhöht. Sie bedür­fen also einer ganz besonders guten und stützenden Erziehung.Die meisten Eltern machen das in der Regel mit viel Phantasie und Begabung, sagt Hellgard Rauh aner­kennend. Und es ist nicht nur eine einseiti­ge Hingabe. Hellgard Rauh erinnert sich, wie es ein Vater ausdrückte:Ich bin froh, daß ich dieses Kind habe, denn bei meinen anderen Kindern habe ich gar nicht ge­merkt, was für wunderbare Entwicklungs­schritte es gibt. ar

POTSDAMER GEOÖKOLOGEN AM PAZIFIK

Bodenerosion in den USA untersucht

Unter ohrenbetäubendem Motorenge­räusch windet sich der randvoll mit Ge­treide beladene Truck die letzten Meter des Hügels hinauf. Dann nimmt er den langen Abstieg zum Hafen am Snake River in Angriff, wo die Fracht auf Schiffe verladen wird.

Der Geruch heißgelaufener Bremsen er­füllt die Luft, als der Fahrer die kleine Gruppe erblickt, die sich in eine Staub­wolke eingehüllt- mit Spaten und Maß­band an der Straßenböschung zu schaf­fen macht. Er hebt die Hand zum Gruß es hat sich herumgesprochen, daß ein paar deutsche Studenten von Prof. Dr. Hans-Rudolf Bork aus der Universität Potsdam hier Bodenuntersuchungen durchführen.

Das Palouse Country ist ein ausgedehntes Lößgebiet im Südosten des Bundesstaates Washington. Die Bewohner dieser dünnbe­siedelten Region leben vom Weizenanbau. Ein endloser Flickenteppich aus wogenden Ähren, gemähten und gepflügten Flächen zieht sich über die hügelige Landschaft, kaum ein Baum oder Strauch unterbrechen dieses Bild. Immer wieder ziehen Windho­sen über das Feld und tragen hohe Säulen von Staub davon.

Doch der Blick der Studenten richtet sich auf die Rinnen, die viele Hänge nach einem Regen überziehen. Diese zum Teil tief ein­geschnittenen Abflußbahnen zeugen da­von, daß kostbarer Oberboden von den stei­leren Äckern gespült wird. Läßt sich der Verlust quantifizieren? Wie hat die Wasser­erosion die Genese der Landschaft seit dem Beginn des Ackerbaus beeinflußt?

Um diese und weitere Fragen zu beantwor­ten, wurden von Juli bis September 1998 in vier Untersuchungsgebieten in Oregon und Washington zahlreiche Bodenaufschlüsse angelegt und aufgenommen. Besonderes Augenmerk galt dabei der Suche nach datierbarem Material im Bodenprofil. So 1äßt sich durch die Altersbestimmung eines im Boden eingeschlossenen Holzkohle­stückchens das Mindestalter dieser Schicht bestimmen. In 30 bis 40 Zentimetern Tiefe fanden sich in den Tälern oftmals die Aschen des Mt. St. Helens-Ausbruchs vom 18. Mai 1980.

DieZeitmarken können vielfältiger Art sein: Am Rand eines Feldes fanden die Teil­nehmer zum Beispiel einen alten Pflug. Die­ser war meterhoch mit Erde bedeckt und

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