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Sonderheft 1, Zeitbilder: Zwei Fragmente von Theodor Fontane "Sidonie von Borcke" und "Storch von Adebar"
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Einleitung

Der Namevon Borcke ist Theodor Fontane schon sehr früh begegnet. Er gehört zu den Erinnerungen seiner Swinemünder Kinderjahre. Fontane schreibt darüber:Diese be­sondere Freundschaft führte denn auch zur Stiftung eines ,cercle intime, der eine etwas merkwürdige Zusammensetzung hatte: Landrat von Flemming (Uradel), der Ritterguts­besitzer von Borcke (dito), Apotheker Fontane (Meine Kinderjahre, 6. Kap.). Die Ge­schichte der eigenartig aparten und in die Historie hineinragenden, grundungebärdigen und in ihrer Stärke vielleicht einsam werdendenSidonie von Borcke ist ihm aber vermutlich erst um den io. Januar 1855 bekannt geworden. Er schrieb unter diesem Datum in sein Tagebuch:Plaudereien (bei einem Hauptmann v. Borcke) über Sidonie v. Borcke, eine Art Ahnfrau des Hauses. Diese Plaudereien dürfte der Roman von Wilhelm Meinhold (1797-1851)Sidonia von Bork, die Klosterbexe angebliche Vcrtilgerin des gesamten her- zoglich-pommerschen Regentenhauses, der 1847 erschienen war, angeregt haben. Im Text dieses Romans treten auch alle Hauptgestalten (wie die alte Wolde usw.) auf, und Sidonies dort genanntergräulicher Versch:

also kleyen und also kratzen

meine Hund und Katzen

ist - wenig, aber mit Könnerhand verwandelt - in Fontanes Fragment zu finden. Ihm durfte diese Verdichtung des Hexenhaften nicht entgehen, zumal das Rumoren der Katzen auf den riesigen Dachböden des elterlichen Apothekerhauses in Swinemünde zu seinen frühesten Schaucreindrückcn gehörte. Er war also von dort her für diesen Stoff aufs beste vorbereitet.

Am 30. Juni 1879 ging denn an Gustav Karpeles, den Redakteur vonWestermanns Monats­heften (dem er auch im selben Jahr seinen RomanplanAllerlei Glück schmackhaft ge­macht hatte), folgender Brief ab:.. . In diesen sechs Wochen möcht ich zwei Novellen im Brouillon fertig schaffen, um sie dann in den Wintermonaten salonfähig oder, weil das an den furchtbaren Payne erinnert, druckfähig zu machen. Eine ist für Hallberger, die andere für Westermann bestimmt. Ich möchte nun über diese .andre vorher gern ein Wort zu Ihnen gesprochen und Ihren Rat erbeten haben: Überschrift: Sidonie von Borcke. Sidonie v. B., Priorin zu Marienfließ in Pommern, schön, gescheit, encouragiert, aber zugleich auch hochmütig, intrigant und herrschsüchtig, in Un- und Aberglauben gleich tief versunken, ist durch höfischen Einfluß und unter Geltendmachung alter Beziehungen, wo sie Herzogs­braut oder Herzogsgeliebte war (bleibt dunkel), Priorin des vorgenannten, eben in ein protestantisches Stift umgewandeltcn Klosters geworden. Sie ist nah an fünfzig, aber wundervoll konserviert, groß, stattlich, königlich. Ihr Erscheinen im Kloster drückt den Rest der alten und jungen Damen zur Nullität herab. Nur einige versuchen Widerstand, werden besiegt, um schließlich doch zu triumphieren.

'Der Inhalt der Novelle ist nun eine Schilderung des Erscheinens Sidoniens im Kloster, die sofort das lEtat cest moi antizipiert. Streng und rücksichtslos und übermütig gegen ihre Umgebung, versagt sie sich selber nichts und ist, en petit comite, je nach Laune, Be­rechnung und Bedürfnis abwechselnd ältere Maria Stuart, ältere Elisabeth, ältere Katha­rina. Bachanale, Fuchsjagden und Verschwörungen wechseln ab mit halb geglaubtem und halb verlachtem Hokuspokus, mit Schönheitsmitteln und Reuanfällen, mit abergläubischen

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