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Heilpädagogische Forschung : Zeitschrift für Pädagogik und Psychologie bei Behinderungen
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ist ‚Arbeit oft ein Rehabilitationsziel, wodurch ihnen die Möglichkeit eröffnet wird, wenigstens in einem Lebensbereich eine ‚normale soziale Rolle auszuüben (Shepherd 1984).

Merkmale persönlichkeits­förderlicher Arbeit

Trotz der generell positiven Bedeutung von Arbeit muß davon ausgegangen wer­den, daß nicht jede Arbeit in gleichem Maße als günstig zu bewerten ist(vgl. dazu Frese, Greif& Semmer 1978; Siegrist 1982). Damit stellt sich die Fra­ge, wie Arbeit zu gestalten ist, damit sie eine förderliche Wirkung auf die Person hat. Anhaltspunkte zur Beantwortung dieser Frage können aus unterschiedli­chen Forschungs- und Praxisfeldern ab­geleitet werden: der arbeitspsycholo­gischen Forschung zu humaner Arbeit, arbeitspädagogischen Konzepten zur Förderung geistig Behinderter, Erfah­rungen aus der praktischen Arbeit mit psychisch Behinderten sowie empi­rischen Untersuchungen zur Arbeits­situation psychisch Behinderter.

Arbeitspsychologische Forschung zu humaner Arbeit. Die Arbeitspsycho­logie beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, welche Merkmale eine hu­mane Arbeit ausmachen und wie diese zu verwirklichen ist. Ulich und Baitsch (1987) bezeichnen eine Arbeit dann als ‚human, wenn siedie Gesundheit des Arbeitstätigen nicht schädigt, sein Wohl­befinden nicht oder allenfalls vorüber­gehend beeinträchtigt, seinen Bedürf­nissen entspricht, individuelle und kol­lektive Einflußnahme auf Arbeitsbedin­gungen und Arbeitssysteme ermöglicht und zur Entwicklung seiner Persönlich­keit im Sinne der Förderung seiner Po­tentiale und Kompetenzen beizutragen vermag(494).

Um zu identifizieren, welche Bedingun­gen nun genau eine humane Arbeit aus­machen, wurde eine Vielzahl von Un­tersuchungen durchgeführt, in denen Merkmale der Arbeit zu individuellen Merkmalen der Person, wie beispiels­weise psychische Gesundheit, Selbstver­

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Sabine Sonnentag* Arbeit, Zufriedenheit, Befinden und soziale Integration

trauen, Erweiterung der beruflichen Qua­lifikation, soziale Kompetenz oder Frei­zeitverhalten in Beziehung gesetzt wur­den. In diesen Untersuchungen erwies es sich als günstig, über Handlungs­spielraum und Kontrolle in der Arbeits­situation zu verfügen(Büssing& Gla­ser 1991; Semmer, 1984) sowie Fähig­keiten und berufliche Qualifikationen einsetzen zu können(Caplan, Cobb, French, Harrison& Pinneau 1982; Korn­hauser, 1965). Variable und komplexe Tätigkeiten haben sie ebenfalls als posi­tiv herausgestellt(Hackman& Oldham 1975; Kohn& Schooler 1978), quanti­tative Überforderung ist jedoch als ne­gativ zu bewerten(Caplan et al. 1982; Karasek 1979). Darüber hinaus wird es als günstig angesehen, über ausreichen­de Möglichkeiten zur Kommunikation und Kooperation zu verfügen(Volpert 1990).

Auch die soziale Unterstützung, die eine Person am Arbeitsplatz erfährt, ist von großer Wichtigkeit(Caplan et al. 1982; Frese& Semmer 1991; Pfaff 1989). Per­sonen, die von Kollegen, Kolleginnen oder Vorgesetzten soziale Unterstützung erhalten, haben eine bessere psychische Gesundheit als diejenigen, denen eine solche Unterstützung fehlt.

Arbeitspädagogische Konzepte zur Förderung geistig Behinderter. Die Geistigbehindertenpädagogik ging lan­ge Zeit davon aus, daß es für geistig Behinderte günstig ist, gleichartige und gleichförmige einfache Montage- und Verpackungstätigkeiten auszuführen (vgl. dazu das Konzept desSerien­fertigers, Menning 1974). Neuere An­sätze zeigen jedoch, daß es geistig Be­hinderten bei entsprechender Förde­rung möglich ist, relativ komplexe Arbeitsaufgaben zu bewältigen, die eigenständige Zielbildungs- und Pla­nungsprozesse erfordern. So berichten beispielsweise Bell, Kuznik, Laga und Runde(1988),daß geistig Behinderte in der Lage sind, komplexe intellektuel­le Zusammenhänge gedächtnismäßig zu speichern und auf Abruf auf einem nicht notwendigerweise konkret-anschauli­chem, sondern abstraktem Niveau zu re­produzieren(101). Zu einer ähnlichen

empirisch belegten Einschätzung kommt auch Toemmler(1985). Wich­tig an diesen Ergebnissen ist nicht nur, daß geistig Behinderte relativ komplexe Arbeiten erledigen können, sondern auch, daß die Ausführung solcher Ar­beiten eine positive Wirkung auf die ganze Person haben. So konnten Bell et al. zeigen, daß bei geistig behinderten Jugendlichen, die komplexe Aufgaben bearbeiteten, das Selbstbewußtsein so­wie die Handlungskompetenz im fa­milialen, sozialen und freizeitbezogenen Bereich anstieg. Meyer(1982) geht ebenfalls davon aus, daß Arbeit für gei­stig Behinderte nur dann rehabilitativen und persönlichkeitsförderlichen Charak­ter besitzt, wenn die Arbeitsaufgaben mindestens Handlungsniveau haben. Dies bedeutet, daß auch für geistig Be­hinderte eine Arbeit als günstig zu be­werten ist, die hohe, aber bewältigbare Anforderungen stellt.

Erfahrungen aus der praktischen Ar­beit mit psychisch Behinderten. Bei der Betreuung von psychisch Behinder­ten in unterschiedlichen Einrichtungen wurden Vorstellungen darüber entwik­kelt, welche Arbeitsbedingungen für die­se Personengruppe günstig sind. Aus sozialpsychiatrischer Sicht betont Ben­nett(1972), daß Arbeit leistungsbezo­gene Lohnarbeit sein muß und die Arbeitsbedingungenin Beziehung zu den Arbeitsnormen der Gesellschaft ste­hen(müssen)(75). Die Arbeit sollte abwechslungsreich sein und den jewei­ligen individuellen Fähigkeiten entspre­chen, sie sollte soziale Interaktion er­lauben und einGefühl der Gruppen­zugehörigkeit(ebd.) vermitteln. Diese Vorstellungen wurden für den Bereich der Arbeitstherapie in psychiatrischen Kliniken formuliert, sind aber auch dar­über hinaus generalisierbar.

Erfahrungen aus Firmen für psychisch Kranke(Seyfried 1985, 1986; Seyfried & Stadler 1985) weisen darauf hin, daß die Tätigkeit, die psychisch Behinderte ausüben, klar strukturiert sein sollte. Dies beinhaltet Merkmale wieÜber­schaubarkeit der Anforderungen, klare Arbeitsabläufe, kein zu großer Ent­scheidungsspielraum, keine Schichtar­

HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XIX, Heft 3, 1993