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Heilpädagogische Forschung : Zeitschrift für Pädagogik und Psychologie bei Behinderungen
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Erprobung einer phonologisch, multisensorischen Förderung bei jungen Schülern mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten

Von Heinz Wimmer und Michael Hartl

Die vorliegende Studie untersuchte die Wirksamkeit des phonologisch, multisensorischen Förderansatzes nach Bradley(1980) und Bryant& Bradley(1985) bei einer Gruppe von 10 leserechtschreibschwachen Schülern der 2, Klasse Volksschule, Nach 20 Stun­den individueller Förderung waren die Leistungs­steigerungen dieser Kinder nicht über denen einer unbehandelten Kontrollgruppe. Die Ursache für die­ses Ergebnis dürfte darin liegen, daß die geförderten Kinder trotz ihrer Lese- und Rechtschreibschwierig­keiten bereits vor der Förderung mehrheitlich zum lautierenden Lesen und zum lauttreuen Schreiben fähig waren, was mit der phonemischen Transparenz der deutschen Orthographie zusammenhängen dürfte, Bei einem Kind, welches diese Anfangsstufe des Schriftspracherwerbs nicht bewältigt hatte, wurde ein eindrucksvoller Fortschritt durch die Förderung festgestellt.

The present study evaluated the phonological, multi­sensory remediation program of Bradley(1980) and Bryant& Bradley(1985) with a group of 10 dyslexic second graders. After 20 hours of individual tutoring the improvement of the remediation group was not better than that of a group of 10 control children, A possible explanation for this failure is that many of the present children were able for recoding based reading and writing even before remediation, This seems to be due to the phonemic transparency of the German orthography. In one case without any indirect reading and spelling strategies there was a dramatic improvement.

Von der Gruppe um Peter Bryant an der Universität Oxford wurde in einem großangelegten Forschungsprogramm die Bedeutung bestimmter phonologischer Kompetenzen für den Schriftspracher­werb untersucht(Bradley& Bryant, 1985; Bryant& Bradley, 1985; Goswami & Bryant, 1990). Zentrale Ergebnisse dieses Forschungsprogramms sind, daß die frühe Fähigkeit zur Erkennung von Alliteration und Reim in spezifischer Weise Unterschiede beim Lesen- und Schreibenlernen vorhersagt, daß die För­derung dieser phonologischen Kompe­tenz im Vorschulalter zu einer Erleich­terung des Schriftspracherwerbs führt und daß ältere dyslektische Kinder spe­zifische Schwierigkeiten bei der Allitera­

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tions- und Reimerkennung haben, Diese Ergebnisse führten die Oxford Gruppe zu der Konklusion, daß phonologische Sensitivität für Alliteration und Reim eine kausale Rolle im Schriftspracher­werb spielt.

Ausgehend von diesen Erkenntnissen wurde von Bradley(1980) und von Bryant& Bradley(1985) ein Programm zur Förderung dyslektischer Kinder vor­geschlagen, das zwei grundlegende Ideen beinhaltet. Zum einen wird versucht, den Kindern Einsicht in die Bedeutung von Alliteration und Reim für die Schriftsprache zu vermitteln. Dies wird dadurch zu erreichen versucht, daß das Kind zu Wörtern, die bereits geschrieben vorliegen, reimende oder alliterierende

Wörter sucht. Die zweite Komponente des Trainingsprogramms besteht in mul­tisensorischen Vorgehen beim Einprä­gen von Wortschreibungen, ein Vorge­hen, das schon der Orton-Gillingham bzw. der Gillingham-Stillman Methode zur Förderung dyslektischer Kinder zugrundelag, das als allgemeines Lern­prinzip aber auch schon von Maria Montessori propagiert wurde, Diese Komponente wird in der Förderung nach Bryant und Bradley dadurch realisiert, daß das Kind vorgegebene Wörter abschreibt, wobei es simultan zu den Schreibbewegungen die Buch­staben lautiert. Hulme und Bradley (1984) konnten in einer eleganten expe­rimentellen Studie zeigen, daß dyslek­

HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVII, Heft 2, 1991