Heinz Wimmer und Michael Hartl* Phonologisch, multisensorische Förderung bei Lese-Rechtschreibschwierigkeiten
tische Kinder sich Wortschreibungen besser merken können, wenn alle drei sensorischen Modalitäten(Anschauen, Lautieren, Schreibbewegung) beim Üben simultan involviert sind. Wird z.B. die Schreibbewegung weggelassen und das Wort nur angeschaut und lautiert oder wird das Lautieren weggelassen und nur abgeschrieben, dann sinkt die Gedächtnisleistung für die richtigen Schreibungen.
Zur Durchführung der Förderung geben Bryant& Bradley(1985, S. 140) recht spezifische Anweisungen:
a) Das Kind schlägt ein Wort vor, das es lernen möchte,
b) Der Betreuer schreibt das Wort(oder legt es mit den Buchstaben).
c) Das Kind benennt das geschriebene Wort.
d) Das Kind legt das Wort mit Plastikbuchstaben nach und benennt dabei gleichzeitig jeden einzelnen Buchstaben, e) Danach nennt das Kind nochmals das Wort und überprüft die von ihm gelegte Buchstabensequenz.
f) Das Kind sollte dann das Wort dreimal abschreiben und dabei mitlautieren, g) Auf diese Weise sollte das Wort(zusammen mit anderen Übungswörtern) an 6 aufeinanderfolgenden Tagen geübt werden, allerdings nur solange bis es ohne Vorlage richtig geschrieben werden kann.
h) Ausgehend von diesem Wort sucht das Kind Wörter mit gleichem Anlaut oder gleichem Reim, von denen dann der Trainer eines auswählt, das in Bezug auf Anlaut oder Reim gleich wie das Ausgangswort geschrieben wird. Dies wird dann vom Kind unter Anleitung des Trainers mit Plastikbuchstaben gelegt und in der beschriebenen Weise geübt.
Bryant und Bradley weisen zum letzteren Punkt darauf hin, daß durch die Benützung der Plastikbuchstaben das Kind einen direkten Anreiz hat, auf die Gemeinsamkeit zwischen den Wörtern in Bezug auf Alliteration und Reim zu achten. Wenn das Kind die Gemeinsamkeit zwischen altem und neuem Wort z.B. in Bezug auf den Reim bemerkt, dann kann es für das Legen des neuen Wortes die entsprechende Buchstaben
sequenz vom alten Wort zum neuen Wort verschieben. Es erfährt damit auch in tangibler Weise: gleicher Reim— gleiche Buchstabensequenz.
Die beschriebene Förderung ist von Bryant und Bradley vor allem für Kinder gedacht, deren Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen durch eine phonologische Schwäche verursacht ist. Nach dem Modell des Schriftspracherwerbs von Frith(1985) und Günther (1986) sollten diese Kinder vor allem Schwierigkeiten beim Übergang von der logographisch ganzheitlichen zur alphabetisch analytischen Schriftverarbeitung haben, da letztere auf die Phonembestandteile der gesprochenen Wörter bezogen ist und diese Phonemsegmente bei phonologischer Schwäche schwer zugänglich sein sollten. Konkret sollten diese Kinder beim lautierenden Erlesen und beim lautorientierten Schreiben besondere Schwierigkeiten haben. Diesen Kindern, die in der angloamerikanischen Forschungsliteratur(z.B. Ellis, 1984) als phonologische Dyslektiker bezeichnet werden, sollte im beschriebenen Förderansatz speziell durch das Suchen von reimenden und alliterierenden Wörtern und durch das Mitlautieren beim Schreiben geholfen werden.
Es läßt sich aber auch begründeterweise erwarten, daß die Förderung nach Bradley hilfreich für den zweithäufigsten Typus von Dyslexie ist, der als lexikalische oder als Oberflächen-Dyslexie (engl.: surface dyslexia) bezeichnet wird, Dieser Typus zeichnet sich dadruch aus, daß im Unterschied zum phonologischen Dyslektiker lautierendes Lesen bzw. lauttreues Schreiben keine Schwierigkeiten bereitet, daß aber Schriftwortrepräsentationen im Gedächtnis nur unzureichend abgespeichert werden, Dadurch ist eine direkte Worterkennung (d.h. ohne Auslautieren) beim Lesen ebenso erschwert wie eine orthographisch richtige Schreibung. Im Erwerbsmodell nach Frith(1985) und Günther (1986) wäre bei diesen Kindern der Übergang von der alphabetischen zur orthographischen Stufe erschwert. Man könnte annehmen, daß über das multisensorische Einüben von exakten Wortschreibungen ein genereller positiver
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVII, Heft 2, 1991
Effekt auf die direkte Erkennung von Wörtern und Wortteilen bzw. auf die orthographisch richtige Schreibung erreichbar ist. Dies kommt daher, daß zu den einzelnen Wörtern, deren Schreibungen multisensorisch geübt werden, immer alliterierende und reimende Wörter gesucht werden. Insofern werden mit den Wörtern auch immer die Schreibungen von typischen Alliterationen und Reimen geübt. Die Abspeicherung dieser typischen Alliterations- und Reimschreibungen sollte das Lesen und Schreiben von neuen Wörtern, welche diese Alliterationen und Reime aufweisen, erleichtern.
Das Ziel der vorliegenden Studie war eine erste Exploration der Brauchbarkeit dieses Förderansatzes bei deutschsprachigen Kindern. Bryant& Bradley (1985) illustrieren die Effektivität des Ansatzes lediglich an einigen eindrucksvollen Fallstudien bei englischen Kindern. In einer australischen Studie von Prior, Frye& Fletcher(1987) wurden allerdings mit einer Gruppe von dyslektischen Kindern positive Effekte nachgewiesen. Diese Kinder übten in insgesamt 6 dreißigminütigen Sitzungen jeweils ca. 20 Wörter auf die beschriebene Weise. Diese Autoren berichten, daß die so geförderten Kinder neue Wörter wesentlich besser schreiben konnten als eine unbehandelte Kontrollgruppe.
Methode Förderkinder
Bei der Auswahl der Förderkinder gingen wir davon aus, daß die phonologische Komponente der Förderung vor allem für Kinder mit Schwierigkeiten am Beginn des Schriftspracherwerbs nützlich erscheint. Dementsprechend wurden Kinder am Beginn der 2. Klasse Volksschule für die Förderung ausgewählt.
Die Lehrerinnen einer größeren Zahl von 2. Klassen von Volksschulen in der Stadt Salzburg wurden am Beginn der 2. Klasse gebeten, Kinder für die Förderung zu nominieren. Diese Kinder wurden mit den österreichischen Versionen des Diagno
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