üben von richtigen Wortschreibungen nicht wie erwartet zu einer generellen Verbesserung des Schreibens und Lesens führte. Diese Erwartung war dadurch begründet, daß das multisensorische Üben einzelner Wörter mit dem Suchen von alliterierenden und Treimenden Wörtern verbunden war, so daß man erwarten hätte können, daß nicht einzelne Wortschreibungen, sondern typische Wortanfänge und-enden eingeübt werden. Diese Erwartung war jedoch anscheinend zu optimistisch,
Einzelfalldarstellung
Trotz des insgesamt enttäuschenden Ergebnisses der Förderung im Gruppenvergleich war bei einem Kind eine dramatische Verbesserung der Leseund Schreibleistung gegeben. Wie bereits erwähnt, führte diese Verbesserung dazu, daß eine signifikante Verringerung der Streuung der Lesezeiten und der Lesefehler bei der Fördergruppe im Unterschied zu der Kontrollgruppe beobachtet werden konnte. Dieser Fall erscheint uns deswegen von Bedeutung, weil er einen Hinweis darauf gibt, für welche Kinder die beschriebene Förderung hilfreich sein könnte.
Der Junge EM war in der 1. Klasse zurückgestellt worden und hatte die Vorschule besucht. In der Mitte der 2. Klasse hatte er noch immer nicht die Anfangsstufen des Lesens und Schreibens bewältigt. Dies dürfte mit einer allgemeinen Lernbehinderung zusammenhängen, sein IQ nach Raven betrug nur 85. Vor der Förderung konnte EM nur zu ca. der Hälfte der geprüften Grapheme die Lautwerte, bzw. den Buchstabennamen angeben. Fehler traten auf bei b, d, p, h, k, f, z, bei allen Umlauten sowie bei eu. Der Lesetest wurde nach 6 Wörtern abgebrochen, da EM bei allen Wörtern nur Buchstaben benannte
Die vorliegende Studie wurde durch den Österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung(Projekt Nr. P-7277
bzw. nur in einigen Fällen zwei Grapheme zusammenlautierte, Letzteres führte dazu, daß er sei als einziges Wort richtig las. Die Lesezeit von 500 Sekunden stellt eine konservative Extrapolation von den 10 versuchten Wörtern auf die 33 des Tests dar. Nach der Förderung konnte EM 26 der 33 Wörter richtig lesen, und auch seine Fehler waren nahe am Zielwort: Hölle>„Höhle“, Leute—&„Le-ute“, bald—>„blad‘“, blind—>„blit‘“, neugierig—& ‚neugierg‘“, wunderbar—„‚wunerbar“, redet> ‚„redend‘“, Qualitativ betrachtet war seine Lesestrategie auslautierend, wodurch sich die noch immer sehr lange Lesezeit von 192 Sekunden erklärt. Beim Kontrollkind zu EM konnte keine vergleichbare Verbesserung beobachtet werden. Dieser Junge hatte anfänglich 3 der 33 Wörter des Lesetests richtig gelesen, im Nachtest wurden lediglich 7 Wörter richtig gelesen. Die Lesezeit verbesserte sich von 571 auf 344 Sekunden. Im Unterschied zu EM hatte dieser Junge einen IQ von 12,
Ebenso wie beim Lesen war bei EM ein Fortschritt beim Schreiben gegeben. Vor der Förderung schrieb EM lediglich ein Wort phonetisch korrekt, nach der Förderung war dies immerhin bei 8 Wörtern der Fall. Der wesentlichste Fortschritt besteht jedoch darin, daß nach der Förderung selbst die phonetisch nicht korrekt geschriebenen Wörter häufig der Lautabfolge angenähert sind. Dementsprechend wurden 15 Schreibungen als teilrichtig bewertet, da mindestens zwei Drittel der Laute des Zielwortes in korrekter Abfolge geschrieben wurden. Tabelle 3 illustriert diese Verbesserung von EM beim lauttreuen Schreiben. Beim intelligenteren Kontrollkind war die Verbesserung geringer ausgeprägt. nur 2 Wörter waren im Nachtest phonetisch richtig geschrieben, und 10 weitere Schreibungen konnten als teilrichtig bewertet werden,
Kinder bedanken.
SPR) unterstützt. Bei Karin Landerl, Daniela Gugg und Traudl Antes
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Heinz Wimmer und Michael Hartl+ Phonologisch, multisensorische Förderung bei Lese-Rechtschreibschwierigkeiten
Tab. 3: Beispiele der Schreibungen von EM vor und nach der Förderung
Vor Förderung| Nach Förderung
Dach— tkd Dach— Dach oder— oda Geschirr— Geschir mehr— mr Sommer— Somma hier— hr rollt— Rold fein— fnei bücken-— bügen Topf— tf dicker— Diega fliegen— fled Sprach-— Schpacharbeiten— at buch— buch frische— fchte Spruch— Schpuch malen— Mer schlüpft— schlüft baden— Bten bewegen— bewgen beide— Bteat Strick-— Schgnal spritzt— chst nadel
gewinnt— gwnd
Anzumerken ist auch, daß in der Schule EMs Verbesserungen im Lesen und Schreiben als durchschlagender Erfolg der Förderung angesehen wurden. Dies vor allem deshalb, weil die Lehrerin bereits die Hoffnung aufgegeben hatte, EM die Anfangsstufen des Lesens und Rechtschreibens beibringen zu können.
Die dramatische Verbesserung von EM legt den Schluß nahe, daß die phonologisch multisensorische Förderung nur für diejenigen Kinder angezeigt ist, die so wie EM schon beim Erlernen des lautierenden Lesens und Schreibens versagen. Derartige Fälle dürften beim Erwerb der englischen Schriftsprache häufiger sein als beim Erwerb der deutschen, was mit der hohen Irregularität der englischen Schriftsprache zu tun haben könnte. Dies würde eine Erklärung dafür sein, daß Prior, Frye,& Fletcher (1987) im Gegensatz zu der hier vorliegenden Studie einen generellen positiven Effekt der phonologisch, multisensorischen Förderung bei englischsprachigen Kindern nachweisen konnte. Ob tatsächlich diese Förderung für Fälle wie EM so günstig ist, wie man aufgrund der hier dokumentierten Verbesserung vermuten könnte, müßte in einer größeren Studie genauer geprüft werden.
möchten wir uns für die engagierte Mitarbeit bei der Förderung der
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVII, Heft 2, 1991